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Panorama „Helden von Barmbek“ mit Auszeichnung geehrt
Nachrichten Panorama „Helden von Barmbek“ mit Auszeichnung geehrt
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18:03 01.08.2017
Einer der sechs Männer, die den Messerattentäter von Hamburg überwältigten: Jamel Chraiet. Quelle: dpa
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Hamburg

Den mit 3000 Euro dotierten Ian-Karan-Preis für Zivilcourage verleihen Polizeipräsident Ralf Martin Meyer und der Vorsitzende des Polizeivereins Hamburg, Werner Jantosch. Die mutigen Männer hatten den Angreifer laut Ermittlern bei seiner Flucht gestellt und festgehalten. Der 26-Jährige hatte am vergangenen Freitag einen 50-Jährigen in einem Supermarkt getötet und mehrere Menschen mit einem Küchenmesser zum Teil schwer verletzt.

Ömer Ünlü saß gerade mit seiner Frau und den sechs Monate alten Zwillingen im Auto, als etwas gegen seinen Wagen schlug. „Im Rückspiegel sah ich den Mann mit dem Messer rumfuchteln“, berichtet er. Dann habe er beobachtet, wie der Mann eine Radfahrerin niederstach – und sofort sein Auto stehengelassen. Groß nachgedacht habe er in dem Moment nicht, „das war wie ein Kurzschluss“. Gemeinsam mit anderen Männern will er den Angreifer aufhalten.

Die Botschaft: „Zusammenhalt“

„Wir haben Stühle und Steine auf ihn geschmissen“, erzählt er. Nach einem Steinwurf von ihm sei der Täter zu Boden gegangen, mit einer Eisenstange habe er ihn mehrere Male erwischt, sagt der 35-Jährige, der sich bei seinem Einsatz eine Schulter ausgekugelt hat. „Als Held fühle ich mich nicht unbedingt, aber ich freue mich, dass ich einer von denen war, die mitgeholfen haben“, sagt der gebürtige Hamburger türkischer Abstammung, der arbeitslos ist. Seine Botschaft: „Zusammenhalt“.

Toufiq Arab, ein Edeka-Azubi, gehörte zur Gruppe jener Verfolger, die den Täter am Ende gemeinsam mit Ünlü überwältigten. Vom Supermarkt aus heftete sich der 21-Jährige an die Fersen des Mannes. „Ich dachte, er wäre ein Terrorist mit Waffe“, erzählt der junge Mann am Montag, bevor er seinen Spätdienst beginnen will.

2012 sei er als Flüchtling aus Afghanistan gekommen, er kenne Krieg, erzählt der Auszubildende. In jenem Moment am Freitag habe er nur gedacht: „Ich muss ihm das Messer wegnehmen und verhindern, dass noch mehr Menschen Opfer werden.“ In den Nächten nach der Bluttat habe er schlecht geschlafen, sei am Sonntag aber bereits wieder in der Filiale gewesen, um bei den Vorbereitungen für den nächsten Tag zu helfen. In seiner Ausbildung indessen müsse er ein Jahr wiederholen, sagt er mit verlegenem Lächeln – „meine Noten waren so schlecht“.

Sondersitzung des Innenausschusses angekündigt

Der Messerangreifer hätte nach einem „Spiegel“-Bericht schon 2015 nach Norwegen zurückgeschickt werden können. Nach Informationen des Nachrichtenmagazins verpasste das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) die Frist dafür um einen Tag. Das hat mittlerweile das Amt bestätigt. Die Sprecherin der Behörde ergänzte: „Dies geschah in einer Zeit, als bereits eine erhöhte Anzahl von Asylsuchenden in Deutschland eingetroffen waren und das Bundesamt deshalb vor den allgemein bekannt großen Herausforderungen stand.“

Der in den Vereinigten Arabischen Emiraten geborene Palästinenser hatte dem Bericht zufolge in Norwegen einen Asylantrag gestellt. Nach Regeln des sogenannten Dublin-Systems hätte er deshalb unmittelbar zurückgeschickt werden können. Nachdem aber die Frist für ein Rücknahme-Ersuchen versäumt worden war, hätten sich die norwegischen Behörden geweigert, den Mann zurückzunehmen. Somit sei Deutschland zuständig gewesen, hieß es.

Die Messerattacke will der Innenausschuss der Hamburgischen Bürgerschaft aufarbeiten. Für den 9. August ist eine Sondersitzung angesetzt. Das kündigte eine Sprecherin der SPD-Fraktion am Dienstag an. „Die Hintergründe müssen nun schnell und vollständig aufgeklärt werden“, hatte der innenpolitische Sprecher der CDU-Bürgerschaftsfraktion, Dennis Gladiator, erklärt. Die Bundesanwaltschaft vermutet einen islamistischen Hintergrund und hat daher die Ermittlungen in dem Fall übernommen.

Von RND/dpa

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