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Panorama Immer mehr Kinder leben von Hartz IV
Nachrichten Panorama Immer mehr Kinder leben von Hartz IV
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13:05 12.09.2016
Trotz wirtschaftlichen Aufschwungs leben in Deutschland mehr Kinder in Armut. Quelle: dpa
Gütersloh


Dass weniger Gesundes auf den Tisch kommt und der Kindergeburtstag mangels Geld auch mal ausfällt, dafür können sie nichts: Fast zwei Millionen Kinder gelten aktuellen Berechnungen der Bertelsmann-Stiftung zufolge als arm, weil sie von Hartz-IV leben müssen. Dass Kinderarmut überall dort steigt, wo sie nicht sowieso schon weit verbreitet ist, macht den Experten Sorgen. Die wichtigsten Fragen und Antworten zu einem Problem, das auch in wirtschaftlich guten Zeiten sichtbar bleibt.

Armut ist ein großes Wort - wovon sprechen wir in Deutschland?

Wo Armut beginnt und was noch als eine kärgliche Lebensweise durchgeht, wird immer wieder diskutiert. Verhungern muss im deutschen Sozialstaat niemand. Gängige Armutsdefinitionen orientieren sich daher am Geldbeutel der Mehrheit. Doch auch relative Armut hat Folgen: „Je deutlicher Kinder unter einer solchen Schwelle liegen, desto stärker leidet das Selbstbewusstsein“, sagt der Soziologieprofessor Klaus Hurrelmann von der Berliner Hertie School of Governance. „Arme Kinder wissen, dass sie weniger haben als andere, fühlen sich damit weniger wertvoll und herabgesetzt - mit Folgen für ihr Heranwachsen.“

Wer ist betroffen und in welchem Ausmaß?

2015 wuchsen nach Angaben der Bertelsmann-Stiftung 1.931.474 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren in Hartz-IV-Haushalten auf - fast ein Siebtel. Nimmt man Jungen und Mädchen hinzu, deren Eltern weniger als als 60 Prozent des mittleren Einkommens haben, gelten nach Angaben der Wohlfahrtsverbände sogar drei Millionen Kinder als arm.

Von wie viel Geld leben Familien, die Sozialleistungen bekommen?

Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA) erhielt eine Alleinerziehende mit einem Kind 2015 im Schnitt monatlich 1261 Euro an staatlichen Leistungen - das bezieht Wohngeld, Grundsicherung und weitere Ansprüche mit ein, etwa wenn die Waschmaschine kaputt geht. Die Zahl der Kinder lässt das Haushaltbudget steigen: 1600 Euro bekam die Alleinerziehende mit zwei, 1998 Euro mit drei Kindern. Bedürftige Paare mit einem Kind hatten durchschnittlich 1686 Euro, bei zwei Kindern 2031 Euro und bei drei und mehr Kindern 2515 Euro. Zum Vergleich: Ein Single bekam im Schnitt 918 Euro Wohngeld und Hartz-IV-Leistungen. Ab 2017 steigen die Regelsätze leicht: Je nach Alter werden pro Kind dann 5 bis 21 Euro mehr gezahlt.

Was sind die Ursachen von Kinderarmut?

Für Familien, in denen das Geld knapp ist, sind Kinder ein Armutsrisiko. „Kinder kosten Geld und vor allem auch die Zeit der Eltern. Der Staat erkennt diese Leistung weiterhin zu wenig an, indem er stärker Ehen statt Kinder fördert“, sagt die Familienpolitik-Expertin der Bertelsmann-Stiftung, Anette Stein. Das trifft zwei Gruppen besonders hart: Die meisten armen Kinder wachsen bei Alleinerziehenden oder mit vielen Geschwistern auf. Die Finanznöte vieler Mehrkind-Familien kennt auch der Verband kinderreicher Familien. „Wer drei Kinder oder mehr hat, braucht zum Beispiel ein größeres Auto, mehr Wohnraum“, sagt dessen Vorsitzende Elisabeth Müller. „Widmet sich ein Elternteil der Erziehung, ist das meist mit nur einem Gehalt schnell nicht mehr zu stemmen.“

Liegt der Anstieg auch am Flüchtlingszustrom?

Zwar ist die Zahl der anerkannten Flüchtlinge, die Grundsicherungsleistungen erhalten, nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit sprunghaft gestiegen. Darunter seien aber vor allem alleinreisende Männer und vergleichsweise wenige Familien, sagte ein Sprecher. Den Anstieg der Kinderarmut erkläre dies folglich nicht komplett, auch wenn Flüchtlingskinder in den Daten auftauchten.

Was bedeutet Armut für Kinder?

Studien belegen, dass aus den finanziellen Nöten der Eltern soziale oder gesundheitliche Benachteiligungen entstehen können. „Arme Kinder können seltener Freunde mit nach Hause bringen, der Kindergeburtstag fällt aus - so kann materielle Armut der Eltern auch zu sozialer Isolation führen“, erläutert Stein. Gravierend ist die Auswirkung von Armut auf die Bildungswege: Die betroffenen Kinder bleiben häufiger sitzen, schaffen seltener den Sprung auf das Gymnasium. Mit langfristigen Folgen, wie Hurrelmann betont: „Einmal schlecht gestartet, werden diese Kinder auch im späteren Leben immer wieder darauf gestoßen, dass sie weniger wert sind.“

Was fordern Verbände und Kirchen, um Kinderarmut zu bekämpfen?

Schon im Frühjahr starteten Kirchen und Verbände einen Aufruf zur Bekämpfung von Kinderarmut. Es belaste einkommensschwache Familien zu Unrecht, wenn Kindergeld mit Sozialleistungen verrechnet werde, kritisierten sie. Die Leistungen deutlich zu erhöhen sei höchste Zeit, betont beispielsweise der Geschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, Ulrich Schneider. An die Sozialleistungen für Kinder will auch die Bertelsmann-Stiftung: „Die staatliche Existenzsicherung für Kinder muss neu gedacht werden“, fordert Stein. Man könne nicht wie bislang davon ausgehen, dass Kinder kleine Erwachsene mit entsprechend kleineren Bedürfnissen seien und so die Hartz-IV-Regelsätze festlegen.

Welche anderen Ansätze sind denkbar?

Nicht nur mit Geld bekämpft man Armut, sondern auch mit Teilhabemöglichkeiten, betonen die Experten einhellig. Manche wie der Soziologe Hurrelmann sehen hier sogar die zentrale Stellschraube: „Eine ständige Erhöhung des Kindergeldes ist nicht zielgenau. Wir müssen auch Geld in die Institutionen bringen, damit etwa im Kindergarten gezielt die Schwachen gefördert werden.“

Von RND/dpa

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