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Panorama Kinderärzte warnen vor Diät-Hype
Nachrichten Panorama Kinderärzte warnen vor Diät-Hype
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14:11 14.09.2016
Kinderärzte warnen, dass das Weglassen bestimmte Zuckerarten oder Glutene bei Kindern schädlich sein kann. Quelle: dpa
Hamburg

Der Diät-Hype, vor dem der Verband der auf Magen-Darm-Krankheiten spezialisierten Kinderärzte warnt, ist ein Schwerpunkt des Kongresses für Kinder- und Jugendmedizin, zu dem am Mittwoch mehr als 2500 Ärzte, Schwestern und Therapeuten in Hamburg erwartet werden.

Einschneidende Ernährungsumstellungen - wie etwa eine glutenfreie Kost oder das Weglassen bestimmter Zuckerarten - ohne fundierte Diagnose durch einen Facharzt könnten zu erheblichen Störungen bei Kindern führen. „Es gibt sinnvolle Diäten und es gibt Diäten, die sind rein mystisch“, sagte der Vorsitzende der Gesellschaft für Pädiatrische Gastroenterologie und Ernährung (GPGE), Michael Melter.

Früher haben Ärzte eine Diät empfohlen

Der Regensburger Professor räumte selbstkritisch ein, dass die Medizin vor 30 Jahren noch zahllose Diäten empfohlen habe. „Heute würden wir bei 90 Prozent dieser Sachen sagen, das ist eine Form der Kindeswohlgefährdung, was wir da getan haben.“ Heute wisse man, dass der Mensch so variabel sei, dass er in der Regel extrem viele verschiedene Substanzen verdauen und nutzen könne. Der Darm sei ein „Meister der Integration“.

Der Bremer Kinderarzt und Gastroenterologe Martin Claßen äußerte Verständnis für Eltern, die ihren Kindern bei Bauchschmerzen, Blähungen und Durchfall helfen wollten und dabei nach jedem Strohhalm griffen. Die überwiegende Mehrzahl dieser Leiden bei Kindern und Jugendlichen hätten aber keine organische Ursache. Es sei zwar wichtig, nach Nahrungsunverträglichkeiten zu suchen. Doch viele Heilpraktiker diagnostizierten Allergien mit unwissenschaftlichen Methoden. „Dann wird Kuhmilch weggelassen, dann wird Weizen weggelassen“, sagte Claßen. Doch wenn Kinder keine Milch bekämen, könne es zu einem Kalziummangel und im Erwachsenenalter zu Osteoporose kommen. „Milchfreie Ernährung, ohne dass es notwendig ist, ist ein Risiko für die Kinder“, betonte Claßen.

Glutenfreie Ernährung könnte soziale Folgen haben

Die glutenfreie Ernährung sei ein weiteres Problem. Sie sei bei der chronischen Darmkrankheit Zöliakie zwar sehr hilfreich. Es gebe aber den Trend, auch ohne diese Diagnose auf Lebensmittel mit dem Klebereiweiß zu verzichten. Claßen hält vor allem die sozialen Folgen für bedenklich. „Das Risiko ist, dass die Teilhabe dieser Kinder an altersgerechten Aktivitäten vermindert ist.“ Als Beispiel nannte er das gemeinsame Essen auf Kindergeburtstagen oder Restaurantbesuche mit Freunden.

Hinter den zahlreichen Diäten stecke die Vorstellung, mit einer kleinen Stellschraube etwas Grundsätzliches in die richtige Richtung drehen zu können, sagte Melter. „Das funktioniert nicht.“ Claßen wies daraufhin, dass medizinisch nicht sinnvolle Diäten einen Placebo-Effekt haben könnten. In solchen Fällen sollte man versuchen, nach einer gewissen Zeit die weggelassenen Nahrungsbestandteile wieder zu essen, und schauen, ob die Beschwerden zurückkommen. „Und in vielen Fällen kommen sie nicht wieder“, sagte Claßen.

Auch Zucker ist für Kinder schädlich

Ein anderes Problem, das zwar genereller Natur ist, aber besonders Kinder betrifft ist andererseits der übermäßige Konsum von Zucker. Ein Werbeverbot im Fernsehen für zuckerhaltige Getränke und Naschereien im Kinderprogramm fordern deshalb Kinderärzte laut Bericht des Magazins Reader’s Digest. Grund hierfür sei die Gefahr für die Gesundheit, denn zu viel des süßen Stoffs können zu Übergewicht, Lebererkrankungen, Diabetes, Herz-Erkrankungen und Karies führen.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) rät, dass Zucker nur fünf Prozent, allerhöchstens zehn Prozent der gesamten Energiezufuhr ausmachen sollte. Das halten die meisten Menschen nicht ein: In einer durchschnittlichen Ernährung entsprechen zehn Prozent der gesamten Energieaufnahme etwa zwölf Teelöffeln Zucker. Der durchschnittliche Zuckerkonsum eines Erwachsenen in Westeuropa beträgt aber 20 Teelöffel täglich, bei Kindern ist er sogar noch höher.

„Wir nehmen mit unserer Nahrung inzwischen so viel zugesetzten Zucker auf, dass unser Stoffwechselsystem nicht mehr damit klarkommt“, erklärt Robert Lustig, Kinder-Endokrinologe an der Universität von Kalifornien. Der Zuckerkonsum habe sich in den vergangenen 50 Jahren weltweit verdreifacht.

Keine Hungerdiät für übergewichtige Kinder

Die Ärztin Christiane Petersen, die das Projekt Moby Dick in für übergewichtige Kinder in Hamburg leitet, lehnt eine Hungerdiät für Kinder und Jugendliche strikt ab: „Viele Kinder, die übergewichtig sind und die uns kommen, haben schon ganz viele Diäten hinter sich. Oft ist es so, dass die Eltern, die selber Diät machen, dasselbe für ihre Kinder vorschlagen“, sagte die Medizinerin in einem Interview mit dem Ernährungsportal „Eat Smarter“. „Ein Kind muss sich immer satt essen dürfen! Eine radikale Diät für Kinder schadet der Gesundheit und der Entwicklung. Kinder sind ja keine Erwachsenen; sie brauchen viele Nährstoffe für ihr Wachstum.“

Petersen rät, den Entwicklungsstand des Kindes im Auge zu behalten, bei dem moderate Gewichtszunahmen völlig normal seien. Statt einer Gewichtsbestimmung mit dem explizit für Erwachsene gedachten Body-Mass-Index sollte man diese einem Kinder- oder Jugendmediziner überlassen.

Von RND/dpa

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