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Panorama Lady Diana – der Mythos lebt
Nachrichten Panorama Lady Diana – der Mythos lebt
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07:21 31.08.2017
Das Bild zeigt Lady Diana und Prinz Charles 1981 am Tag ihrer Verlobung in den Gärten des Buckingham Palace. Quelle: dpa
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London

Abdul Daoud hält die Erinnerung wach. Nur wenige Meter vom Kensington-Palast entfernt betreibt der 61-Jährige sein Café Diana. Im Inneren fühlt man sich wie beim Gang durch ein riesiges Fotoalbum, überall hängen Bilder und Zeitungsartikel von der Königin der Herzen an den Wänden. „Mit jedem Tag, an dem ich meinen Laden öffne, zolle ich ihr Tribut“, sagt Daoud und lehnt sich auf dem roten Ledersitz zurück.

Dieser Tage stehen Journalisten und andere Besucher Schlange vor seinem Café. Um Geschichten zu hören wie die von Dianas spontanem Besuch in seiner Küche. Er schnitt gerade Zwiebeln, als sie ihm von hinten auf die Schulter klopfte, um ihm ein Autogramm für seine Tochter zu überreichen. Oder wie er ihr Blumen in den Palast schickte und sie ein paar Tage später ihre Limousine vor seiner Tür halten ließ, das Fenster herunterkurbelte und ihm zurief: „Abdul, vielen Dank für die Blumen. Aber das sollst du doch nicht immer tun.“

Bei Abdul trank Diana ihren Cappuccino

Abdul Daouds Café ist heute eine der inoffiziellen Zentralstellen des Gedenkens an die tote Prinzessin. Vor 40 Jahren war der Mann mit dem Schnurrbart aus Bagdad in die britische Hauptstadt gekommen, hatte sein Lokal aufgebaut und es nach Diana benannt, nachdem er sie einmal in einer Polizeieskorte hatte vorbeifahren sehen. Als sie das Schild entdeckte – so will es die Legende –, hielt sie an und kehrte mit ihren Söhnen auf einen Cappuccino und Croissants bei ihm ein.

Daoud lebt gut vom Hype um Diana – und befeuert ihn nach Kräften. „Sie war eine wirkliche Märchenprinzessin“, sagt er.

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1985 tanzte Lady Diana mit John Travolta im Weißen Haus. Das Kleid, das sie damals trug, war von Versace und ist heute in einer Ausstellung in London zu sehen.

Diana? Eine Märchenprinzessin? Das stimmt natürlich, einerseits. Jedenfalls dann, wenn man bereit ist, das verklärte Bild für wahr zu halten, das Boulevardmedien und Verehrer bis heute von ihr zeichnen. Wenn man sie als Projektionsfläche betrachtet. Aber es stimmt sicher nicht, wenn man das reale Leben der Diana Frances Spencer sieht, das am 31. August 1997 nach einem schweren Autounfall im Pariser Krankenhaus Pitié-Salpêtrière endete. Dann gab es in ihrem Leben wenig Märchenhaftes, dafür aber eine unglückliche Ehe, tiefe Kränkungen, Essstörungen und kühl kalkulierte Intrigen. 20 Jahre nach ihrem Tod ist Diana vor allem ein Beispiel dafür, welche Distanz zwischen einem öffentlichen Sehnsuchtsbild und der Realität liegen kann.

Wenn schon der Vorname das große Geschäft verspricht

Die Mythosproduktion läuft dieser Tage jedenfalls auf Hochtouren. Der Diana-Hype nimmt absurde Züge an. Eine Filiale des größten britischen Zeitschriftenhändlers WH Smiths in der Londoner City: Knapp ein Dutzend Zeitschriften mit dem Konterfei liegt auf den besten Plätzen der Regale. „The Peoples Princess“ nennt sich eines der Sonderhefte, „Her Life, her Style, her Legacy“, „Ihr Leben, ihr Stil, ihr Erbe“ ein weiteres, auf allen steht in großen Buchstaben: „Diana“. Ein Vorname, der auch im Jahr 2017 noch das große Geschäft verspricht. Diana ist in diesen Wochen noch einmal zum Star geworden.

Im Fernsehen sieht es nicht anders aus. Eine Dokumentation folgt auf die andere, immer kommen echte oder vermeintliche Diana-Kenner zu Wort, denen plötzlich nach zwei Jahrzehnten eine neue Geschichte einfallen will, wo doch längst alles gesagt, geschrieben und gedeutet schien. Als besonders bemerkenswerte Episode dieses Sommers dürfte jene gelten, mit der es eine Frau namens Simone Simmons „exklusiv“ in die Zeitung schaffte, weil sie doch noch immer in Kontakt mit der Freundin von damals stehe. Das selbst ernannte „Medium“ höre Dianas Stimme aus dem Jenseits, die ihr beispielsweise eingeflüstert habe, dass Kate, die Ehefrau von Sohn William, schlicht perfekt sei und Lady Di der Fraktion Brexiteers angehöre.

Eine Nation verfiel in kollektive Trauer

Ein bisschen erinnert alles an die Massenhysterie von 1997, die von Großbritannien in die Welt schwappte. Der 31. August war ein Tag, der das Königreich veränderte. Eine ganze Nation verfiel in kollektive Trauer, eine, die zumindest medial nie da gewesene Dimensionen erreichte. Fernsehsender berichteten live vom Blumenmeer vor dem Buckingham Palace, sie zerrten jeden vor die Kamera, der Diana auch nur irgendwann einmal gesehen hatte. Kurzzeitig schien sogar die britische Monarchie ins Wanken zu geraten, weil sich Queen Elizabeth II. in einer Unentschlossenheit verfing, die sich aus Trauer, Sorge um die Enkel und Protokollzwängen speiste – öffentlich aber wie Eiseskälte wirkte.

Das britische Volk war irgendwie selbst überrascht über die Wogen der Gefühle, die aufwallten. „Das Trauern wurde eine öffentliche Aktivität, ein Gruppenereignis und ein bisschen wetteifernd“, erinnert sich der „Guardian“. Im Londoner Hyde Park sitzt an diesem Dienstagnachmittag die 52-jährige Anna am Rande des kreisförmigen Prinzessin-Diana-Gedenkbrunnens, der zuerst an eine Wasserrutsche denken lässt, aber eigentlich das turbulente Leben der Prinzessin symbolisieren soll, indem das Wasser mit unterschiedlicher Geschwindigkeit in zwei Richtungen fließt.

Blair taufte sie „Prinzessin des Volkes“

„Es war, als habe uns alle der Wahnsinn gepackt“, sagt die Engländerin über jene Woche Anfang September 1997. Mittlerweile ist ihr die Erinnerung daran, wie sie täglich mit Rosen zum Palast spazierte, peinlich. „Ihr Tod fegte eine alte, akzeptierte Ordnung von Protokollen und Höflichkeit weg und leitete eine neue Ära, geprägt von Mitgefühl und Liberalismus, ein“, befand gerade erst die „Mail on Sunday“. Premierminister Tony Blair taufte Diana „Prinzessin des Volkes“ und Millionen Menschen prägte sich das herzzerreißende Bild ein, wie der 15-jährige Prinz William und der zwölf Jahre alte Prinz Harry am Tag der Beerdigung mit gebeugtem Haupt hinter dem Sarg der Mutter hergingen, begleitet vom Schluchzen aus der Menge.

In den vergangenen Wochen haben sich die beiden Männer ungewöhnlich offen über die Teenagerzeit geäußert, über ihren Schmerz und die überwältigende Reaktion der Bevölkerung. Die Umstände, die zum Tod ihrer Mutter führten, haben die Prinzen nicht verwunden: „Sie hatte sehr schwere Kopfverletzungen, doch sie lebte noch“, empört sich Harry in einer BBC-Dokumentation, die an diesem Sonntag in Großbritannien ausgestrahlt wird. „Aber genau die Leute, die den Unfall verursacht hatten, halfen ihr nicht, sondern fotografierten stattdessen, wie sie auf der Rückbank starb.“ Die Fotografen hätten Diana jeden Tag „wie ein Rudel Hunde verfolgt, gejagt, belästigt, ihren Namen gerufen und bespuckt“, ergänzt William, „nur um eine wütende Reaktion für ihre Aufnahmen zu bekommen“.

Der Unfall war der mörderische Höhepunkt

Tatsächlich hat Dianas Tod vor allem den Blick der Briten auf die Medien verändert. Der Unfall während der Verfolgung durch Paparazzi war schließlich der mörderische Höhepunkt einer beispiellos ausufernden Jagd nach Prominentenfotos. Alte Fernsehaufnahmen etwa zeigen Diana in den Neunzigerjahren beim Skiurlaub, als sie Kameraleute und Fotografen höflich bittet, zumindest die Privatsphäre ihrer Kinder zu respektieren: „Ich spreche zu Ihnen als Mutter.“ Ohne Erfolg. Am Ende verlor sie den Kampf um ihr eigenes Privatleben in einem Pariser Autotunnel.

Der britische Presserat installierte nach ihrem Tod einen Kodex, dem sich zumindest die großen Medien des Landes unterwarfen. Fotografen verpflichteten sich, auf Fotos der heranwachsenden Prinzen zu verzichten, Journalisten sollten aufhören, über jeden ihrer Entwicklungsschritte zu berichten. Fast alle hielten sich daran, denn niemand wollte je wieder mit dem Tod Dianas in Verbindung gebracht werden. Verglichen mit den Lebzeiten Dianas konnten Harry und William so in eine vergleichsweise normale Jugend eintauchen.

Oben-ohne-Fotos gibt es nicht mehr

Entsprechend konsequent geht das Königshaus seitdem gegen unerwünschte Aufnahmen der Familie vor. Williams Frau Kate etwa zog 2012 vor Gericht, nachdem die französische Ausgabe der Illustrierten „Closer“ Oben-ohne-Bilder von ihr veröffentlicht hatte.

Heute wirkt es fast, als wollten die Journalisten gegenüber Diana etwas wiedergutmachen. Als wollten sie durch Verklärung Abbitte leisten – nur dass es dadurch immer schwieriger wurde, ein realistischeres Bild von ihr zu bekommen. Als dürfe es bei der Lichtgestalt Diana keine dunklen Seiten geben.

Es waren nicht die gereiften Gesichtszüge, die sie mit zunehmenden Lebensjahren äußerlich veränderten. Es war ihr Blick. Als zierliche Prinzessin fiel Diana in den Achtzigerjahren auf, weil sie Gesprächspartnern kaum je in die Augen schaute.

„In dieser Ehe waren wir zu dritt“

Die Sicherheit, mit der sie 1995 in einem BBC-Interview von der Untreue ihres Nochehemannes Prinz Charles sprach, den direkten Blick, mit dem sie dabei in die Kamera schaute, hätte ihr davor niemand zugetraut. „In dieser Ehe waren wir zu dritt“, erklärte sie da, von der Bulimie gezeichnet, zur Hauptsendezeit in Anspielung auf Charles’ langjährige Geliebte Camilla Parker Bowles, „also war es ein wenig überfüllt.“ Das war ein kühler Affront gegen das Königshaus.

Ein neues Buch über Camilla setzt genau an diesem Punkt an und trübt all die schönen Bilder ein wenig, die derzeit über die Fernsehbildschirme flimmern. Die Journalistin Penny Junor berichtet in ihrem Buch „The Duchess – The Untold Story“ unter anderem über frühere Morddrohungen Dianas Camilla gegenüber, Charles’ heutiger Frau. „Ich habe jemanden geschickt, der dich töten wird“, soll sie etwa bei einem nächtlichen Anruf gesagt haben, der aufgezeichnet wurde. „Sie sind draußen im Garten.“ Wie heute bekannt ist, hatte Diana zu Lebzeiten für eine andere Veröffentlichung Liebesbriefe von Charles und Camilla an Autoren gestreut.

Landminen und Aids-Kranke

Viele der Dokumentationen, die derzeit zu sehen sind, sparen diese Epoche von Dianas Leben aus. Sie konzentrieren sich auf ihr damals erstarktes soziales Engagement, etwa für ein Verbot von Landminen in der Welt oder ihren Einsatz für Aids-Kranke. Als viele Europäer den Jugoslawien-Krieg mit seinen Minenfeldern noch nicht in Gänze verstanden hatten, zeigten Bilder Diana mit einem Minensuchgerät vor Ort. Lange zuvor, als Aids noch als eine Art Seuche der Schwulenszene galt, reiste die Prinzessin gezielt in Krankenhäuser, um mit Aids-Patienten zu reden, ihnen Mut zu machen.

„Sie war die Erste, die ihnen vor der Kamera die Hand gab“, erinnerte sich der Musiker Elton John beim Sender ITV. Damit habe sie das Eis gebrochen. Elton John widmete seine Ballade „Candle in the Wind“ 1997 anlässlich der Trauerfeier für Diana um in „Goodbye, England’s Rose“. Die Single verkaufte sich mehr als 33 Millionen Mal, der Erlös kam einem Gedächtnisfonds Dianas zugute.

Auch das war wirkmächtige Arbeit am Mythos Diana. Zu einem realistischen Bild trug natürlich auch dieses Lied nichts bei, das war auch nicht sein Sinn. Aber vielleicht war das Leben dieser Frau auch zu widersprüchlich, vielleicht gab es einfach zu viele Graustufen, als dass es sich in einfachen Bildern erzählen ließe.

Ein Monument des Paares steht im Untergeschoss von Harrods

Wohl auch deshalb gibt es in London nicht viel, was außer Abdul Daouds Café Diana an die Prinzessin erinnert. Da sind die Bronze-Plaketten im Asphalt, die auf den Diana Memorial Walk hinweisen, einen Erinnerungsweg durch vier Parks. Da ist auch das geschmacklich streitbare Monument im Untergeschoss des Kaufhauses Harrods, das sie und ihren ebenfalls bei dem Unfall getöteten Partner Dodi Al-Fayed gleich neben der Herrenschuh-Abteilung in fast verstörender Form zeigt. Ansonsten müssen sich die Diana-Wallfahrer mit einem Blick auf ihren Schreibtisch im Kensington-Palast begnügen.

Beigesetzt wurde Diana in Althorpe, auf dem Landsitz ihrer Familie, auf einer kleinen Insel im ovalen See des Anwesens. Für Außenstehende ist es unerreichbar, den Zehntausenden Besuchern, die jedes Jahr hierherkommen, bleibt es verborgen. Zumindest nach ihrem Tod, das war der Wille der Familie, sollte Diana so der Öffentlichkeit entzogen werden. Es scheint, als sei dies nur zum Teil gelungen.

Die Fahrt in den Tod

Prinzessin Diana und ihr Freund Dodi Al Fayedstarben nach einer Verfolgungsjagd mit Paparazzi am 31. August 1997 in Paris. Ihre letzte Nacht:

30. August, 19 Uhr: Das Paar bricht vom Hotel Ritz an der Place Vendôme zur Wohnung von Dodi Al Fayed nahe der Prachtstraße Champs-Élysées auf.

21.30 Uhr: Aus einem geplanten Abendessen in einem Restaurant wird nichts, da das Paar von rund 30 Paparazzi verfolgt wird. Diana und Dodi kehren ins Ritz zurück und essen dort.

31. August, 00.20 Uhr: Das Paar hat sich entschlossen, doch noch zu Al Fayeds Wohnung in der Rue Arsène-Houssaye zu fahren. Der Mercedes mit Henri Paul am Steuer fährt vor dem Hotel los, verfolgt von Fotografen.

00.25 Uhr: Der Wagen rast gegen den 13. Pfeiler im Tunnel Pontde l’Alma. Al Fayed und der Fahrer sterben sofort.

00.30 Uhr: Die ersten Polizisten treffen am Unglücksort ein. Es folgen Feuerwehr und Rettungskräfte. Sieben Paparazzi werden festgenommen.

Gegen 1 Uhr: Diana wird aus dem Wagen befreit und erleidet einen Herzstillstand.

Gegen 1.30 Uhr: Sie wird mit einem Krankenwagen in die Klinik Pitié-Salpêtrière gebracht.

Gegen 2 Uhr: Ankunft im Krankenhaus. Dianas Herz bleibt wenig später erneut stehen.

4 Uhr: Die Prinzessin wird offiziell für tot erklärt. Sie starb an einer Lungenblutung.

8 Uhr: Eine Autopsie des Fahrers wird angeordnet. Es stellt sich später heraus, dass er betrunken war und Medikamente genommen hatte.

Gegen 18 Uhr: Dianas Sarg wird begleitet von ihrem Ex-Ehemann Prinz Charles mit der Royal Air Force nach London gebracht und in der königlichen Kapelle des St. James’s Palastes aufgebahrt.

Von Michael Pohl/Katrin Prybil/RND

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