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Panorama Locomore: Jungfernfahrt im Orange-Express
Nachrichten Panorama Locomore: Jungfernfahrt im Orange-Express
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21:52 14.12.2016
Pünktlich wie die Eisenbahn: Als der Zug in Hannover einfährt, hat er die Verspätung von 40 Minuten in Stuttgart bereits wieder eingeholt. Quelle: Agnieszka Krus
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Berlin

Tobi hat es sich im Abteil gemütlich gemacht, die Schuhe ausgezogen und die Beine auf den Sitz gegenüber gelegt. Zu dritt sitzen die Berliner Studenten im Sechserabteil im ersten Locomore-Zug zwischen Stuttgart und der Hauptstadt. 23 Euro haben sie pro Person von Hanau nach Berlin gezahlt. Der ICE hätte mehr als doppelt so viel gekostet, ist aber auch eine halbe Stunde schneller.

„Das ist uns egal“, sagt Tobi, und auch das Retro-Gefühl im Locomore stört die jungen Leute nicht. Der Zug fährt mit Bundesbahn-Waggons aus den Siebzigern, die Locomore-Gründer Derek Ladewig in Holland aufgetan hat. Sie wurden in Rumänien modernisiert, die Lok kommt aus Schweden, und ein spanisches Unternehmen kümmert sich um die Wartung. Die neue Konkurrenz für die Bahn auf der Fernstrecke ist ein europäisches Sammelsurium.

Mit Bio-Limonade und Öko-Strom durch die Republik

Die Farben – orange und braun – verstärken den Retro-Effekt, doch Locomore ist kein Nostalgie-Unternehmen. „Wir wollen nicht retro sein“, sagt Geschäftsführerin Katrin Seiler, „es war für uns eine Notwendigkeit, gebrauchtes Material zu kaufen.“ Was sie viel eher sein wollen: günstig, ökologisch und freundlich. Der Zug fährt mit Ökostrom, es gibt-Bio-Limonade und fair gehandelten Kaffee. Das Wlan ist stabil und kostenlos, es gibt ein Kinderabteil mit Holzeisenbahn und Büchern zum Vorlesen, darunter Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer. Es gibt „Themenabteile“ für Weihnachtsbasteleien oder Brettspiele („Dampfross“ liegt bereit).

Gemütliches Abteil: Im Der Retro-Stil des Locomore kommt bei den Gästen an. Quelle: RND

Das klingt wie ein grünes Wohnzimmer auf Reisen, und es verwundert nicht, dass sowohl Ladewig als auch Seiler früher im Bundestag für die bahnpolitischen Sprecher der Grünen gearbeitet haben. Jetzt wollen sie sowohl dem ICE als auch den Fernbussen Passagiere abjagen, die aufs Geld achten müssen, aber lieber Zug als Bus fahren. Auch die Verbindung Stuttgart-Berlin könnte grüner nicht sein, aber vor allem geht sie einmal quer durch Deutschland, fährt viele Uni-Städte an und ist an einem Tag gut hin und zurück zu schaffen.

Puffer im Zeitplan verhindert Verspätung

Denn Locomore hat bisher nur diesen einen Zug. Morgens hin, nachmittags zurück. Die Premierenfahrt startete in Stuttgart mit 40 Minuten Verspätung. So etwas kennen Bahnfahrer. Bereits in Hannover kam der Zug aber pünktlich auf die Minute, und Berlin Zoo erreichte der Locomore sogar sieben Minuten zu früh. Die Puffer im Fahrplan machen es möglich. Berlin Zoo? Natürlich, der Retro-Geist lauert überall. Eigentlich halten tagsüber keine Fernzüge mehr am früheren Knotenpunkt West-Berlins. Bis auf den Locomore. Fahrgäste öffnen die Schiebefenster, winken.

Er Sieht aus wie ein Zug aus vergangenen Zeiten – aber der Locomore ist technisch auf neuestem Stand. So bequem lässt es sich quer durch Deutschland reisen.

Die Miete für den Zug und das technische Drumrum wurden über Crowdfunding finanziert. 600.000 Euro wurden in Form vom Darlehen eingenommen. Die Kapitaldecke ist dünn. „In drei Monaten müssen wir schwarze Zahlen schreiben“, sagt Seiler. Mindestens 500 Tickets müssen pro Tag verkauft werden. Die Fahrkarten gibt es nur im Internet oder beim Schaffner. „Der Vorverkauf läuft gut, er liegt über unseren Erwartungen“ sagt Katrin Seiler. „Es sind aber noch Plätze frei.“

Private Konkurrenz auf der Fernstrecke

Wie schwierig es ist, eine private Konkurrenz auf der Fernstrecke aufzubauen, weiß Ladewig aus Erfahrung. Er war am Hamburg-Köln-Express beteiligt, der 2012 startete und die Erwartungen enttäuschte. Der französische Konzern Veolia (inzwischen Transdev) stellte den Interconnex zwischen Leipzig, Berlin und Rostock 2014 ein und begründete das mit der Konkurrenz durch Fernbusse. Doch immer wieder gibt es neue Versuche: Am Freitag startet BahnTouristikExpress den ersten privaten Autoreisezug zwischen Altona und Lörrach. Die Deutsche Bahn hat die Verbindung gerade eingestellt. Auch Locomore plant mit zwei weiteren Strecken: Bonn-Berlin und Berlin-Binz sind bereits angemeldet. Doch das ist Zukunftsmusik.

In Wagen 5 räumen Tobi und seine Freunde ihre Taschenbücher und leeren Kekspackungen zusammen „Wir fahren gerne wieder Locomore“, sagen sie. Doch eines wussten die drei nicht: Dass man die Sitze im Abteil zu einer Liegefläche zusammenschieben kann. Dafür sind sie einfach zu jung.

Von RND/Jan Sternberg

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