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Panorama Nudging: Wie Psychotricks unser Verhalten beeinflussen
Nachrichten Panorama Nudging: Wie Psychotricks unser Verhalten beeinflussen
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09:00 22.09.2018
Iss gesund und zahl Deine Steuern pünktlich: In immer mehr Staaten arbeiten Regierungen daran, Bürger durch Methoden der Verhaltenspsychologie zu beeinflussen. Quelle: Montage: RND, Fotos: Shutterstock, iStock
Hannover

Zahlen Sie pünktlich Ihre Steuern? Sparen Sie Energie? Essen Sie genug Obst? Wenn nicht: Wie könnte man Sie dazu bringen, Ihr Verhalten zu ändern? Durch Strafandrohungen und Verbote oder eher durch vernünftige Argumente? Oder ganz anders, durch kleine Motivationsschubser?

Falls Sie also Ihre Steuern nicht pünktlich bezahlen: Würden Sie es tun, wenn das Mahnschreiben ein Foto Ihres Autos enthält, das sonst womöglich beschlagnahmt würde? Dieses Mahnschreiben existiert, verschickt wurde es in Großbritannien. Es handelt sich um eine Idee der Nudge Unit der britischen Regierung. Die Einheit ist ein Team, das versucht, Bürger durch Methoden der Verhaltenspsychologie zu beeinflussen.

Diese Idee wird heute von etlichen Staaten praktiziert: Sie geht auf das Buch “Nudge“ zurück, das der Jurist Cass Sunstein und der Ökonom Richard Thaler 2009 veröffentlicht haben. Darin schlagen die beiden vor, psychologische Tricks, wie sie aus Werbung und Marketing bekannt sind, auch in der Politik anzuwenden. Anstatt mit Verboten sollen Menschen mit mal mehr und mal weniger sanften Stupsern (Englisch: nudges) gelenkt werden.

Schlechtes Gewissen und Spieltrieb

So ein Stupser ist das Foto vom eigenen Auto im Mahnschreiben, das quasi nebenbei die Konsequenz des eigenen Handelns (oder in dem Fall des Nichthandelns) aufzeigt. Ein anderes Beispiel: In England schoben Hausbesitzer lange Zeit trotz Subventionen die Isolierung ihrer Dachböden hinaus. Die Nudge Unit fand den Grund heraus: Viele wollten unterm Dach nicht aufräumen. Als zusätzlich zur Isolierung ein Entrümpelungsdienst angeboten wurde, stiegen die Zahlen. Ein kleiner Stupser reichte also.

Nicht nur in Großbritannien stieß der Nudging-Ansatz bei der Regierung auf großes Interesse, was den Buchautoren gleich neue Jobs verschaffte: Richard Thaler, seit 2017 Wirtschafts-Nobelpreisträger, kam in der bereits erwähnten Nudge Unit unter, die in Großbritannien gegründet wurde. Cass Sunstein wurde von der Obama-Regierung in den USA engagiert. Die rechnete etwa den Kaliforniern vor, wie viel Strom sie im Vergleich zu ihren Nachbarn verbrauchten – und schon setzte ein regelrechter Stromsparwettbewerb ein.

Der Vergleich mit anderen und der Appell an das gute Bürgergewissen sind eine beliebte Methode des Nudging. Oder es setzt ganz einfach auf den Spieltrieb: In Australien konnten die Behörden ein Müllpro­blem entlang der großen Highways beseitigen, indem sie dort Tore aufstellten: Die Fahrer bewahrten Getränkedosen nun auf, um sie vom Auto aus dort hineinzuwerfen.

Mehraufwand statt Verbot

Und in Städten wie Hangzhou oder Stockholm gibt es sogenannte Pianotreppen. Beim Betreten der Treppenstufen werden Klänge erzeugt, und das sorgt dafür, dass viel mehr Menschen – in Stockholm sind es angeblich 66 Prozent mehr – die Treppe nehmen statt der Rolltreppe.

Ein weiteres Nudging-Instrument ist die Vorauswahl bestimmter Optionen. Ein Beispiel: In Österreich kann jeder automatisch zum Organspender werden, wenn er nicht widerspricht. Das erhöhte die Spenderzahlen im Vergleich zu Deutschland, wo jeder, der spenden möchte, sein Einverständnis erklären muss. Ein Verfahren, das Gesundheitsminister Jens Spahn nun ändern möchte, indem er ebenfalls die Einführung des Widerspruchsverfahrens plant.

Eine Nudging-Umweltschutzmaßnahme ist, Drucker so einzustellen, dass sie automatisch beidseitig drucken. Wer das nicht will, muss sich aufwendig durch das Menü klicken. Genau andersherum als heute also. Aber das einseitige Drucken ist nicht verboten, es bedeutet nur mehr Aufwand.

Robert Lepenies vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung ist Experte im Bereich Nudging. “Das ist ein wichtiges politisches Phänomen“, sagt er. “Inzwischen gibt es weltweit über 200 Institutionen, die mit Nudging arbeiten.“ Diverse Staaten von Japan bis Katar setzten heute genauso auf die Methodik wie die OECD oder die Europäische Kommission. “Das meiste geht dabei über die Ursprungsidee aus dem Buch weit hinaus: Es handelt sich um regelrechte Forschungseinrichtungen, die mit immer mehr Methoden experimentieren, um Menschen effektiv beeinflussen zu können“, sagt Lepenies.

Offiziell heißt es oft, dass die Nudges “zum Besten“ des Einzelnen oder der Bevölkerung eingesetzt werden. Also würde man damit nur ein Verhalten fördern, das im eigenen Interesse oder allgemein wünschenswert sei – also weniger Strom zu verbrauchen (und bezahlen zu müssen), mehr Organe zu spenden.

Allerdings können auch gut gemeinte Nudges durchaus ethische Probleme aufwerfen: Verletzt es nicht doch recht stark das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen, wenn seine Organe nach dem Tod automatisch dem Staat gehören, bloß weil es keinen ausdrücklichen Widerspruch gibt?

Eingriff in die persönliche Entscheidungsfreiheit?

Und da Nudge Units von Regierungen eingesetzt werden, sollen sie natürlich ein Verhalten befördern, das im Sinne der Regierungspolitik ist: Die Menschen sollen pünktlich Steuern zahlen oder sich um die private Altersvorsorge kümmern, wenn die staatliche nicht funktioniert. Gleichzeitig wirken Nudges oft so subtil, dass Kritiker eine unzulässige Manipulation darin sehen.

Nudging sei weder grundsätzlich gut noch grundsätzlich schlecht, findet Lepenies: “Bei strittigen Themen sollte man aber vorsichtig sein und nicht etwas mit psychologischen Methoden durchsetzen, weil es auf andere Weise nicht funktioniert hat.“ Thaler und Sunstein, die Autoren des Nudging-Buchs, argumentieren zwar, dass die Anstupser den Menschen noch eine Wahl lassen – anders als Verbote. Kritiker monieren aber, dass der Staat beim Nudging subtil in die persönliche Entscheidungsfreiheit eingreift.

Nudging müsse daher zudem möglichst transparent sein, es dürfe nicht heimlich versucht werden, die Menschen mit der Psychomasche zu beeinflussen, findet Lepenies. Entsprechende Maßnahmen des Staates sollten in einem Art Nudging-Register erfasst und öffentlich einsehbar sein, fordert er.

Kampa­gnen in Nudging-Manier schüren bewusst Ängste

Einer der bekanntesten deutschen Kritiker ist der Direktor des Harding-Zentrums für Risikokompetenz am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, Gerd Gigerenzer. Er sagt: “Problematisch am Nudging finde ich, Menschen mit psychologischen Tricks zu steuern, weil man bezweifelt, dass sie ihr Leben selbst in die Hand nehmen können. Wer möchte, dass Bürger mehr für sie selbst richtige Entscheidungen treffen, sollte sie zuerst einmal besser informieren.“

Ein Kollege von Gigerenzer hat für diesen Ansatz das Wort Boosting erfunden, also Bestärkung statt Beeinflussung. Veranschaulichen lässt sich der Unterschied am Beispiel der Gesundheitsvorsorge. So schüren Kampa­gnen von Impfstoffherstellern in Nudging-Manier bewusst Ängste, oder Vorsorgemuffeln wird mit mahnenden Aufrufen ein schlechtes Gewissen gemacht.

Gigerenzer hingegen erarbeitet am Zentrum für Risikokompetenz einfach verständliche Faktenboxen zu diesen Themen. Sie sollen Bürger in die Lage versetzen, Nutzen und Risiken abzuwägen – um dann frei für sich selbst zu entscheiden, anstatt in eine Richtung gedrängt zu werden.

“Wirksam regieren“ im Kanzleramt

In Deutschland wurde 2015 die am Bundeskanzleramt angesiedelte Arbeitsgruppe “Wirksam regieren“ gegründet. Weil ihr auch Psychologen angehören, werde oft unterstellt, dass es sich um eine Nudging-Einrichtung handele, sagt Gigerenzer: “Das stimmt aber nicht. Tatsächlich wird dort kein politisches Nudging betrieben.“ Es gehe dieser Arbeitsgruppe zwar auch darum, Regierungsziele umzusetzen – verfolgt werde aber der Boosting-Ansatz. Die einzelnen Vorhaben der Gruppe werden zudem auf der Internetseite transparent gemacht.

Ein Ziel ist es etwa, die Krankenhaushygiene zu verbessern: Ärzte und Pfleger sollen sich häufiger die Hände waschen und desinfizieren. “Eine typische, simple Nudging-Maßnahme wäre dann zum Beispiel wachsame Augen auf den Spiegel vor dem Waschbecken aufzumalen“, sagt Gigerenzer. Stattdessen setze das Projekt aber darauf, das Wissen bei Ärzten und Pflegern und deren Zusammenarbeit zu verbessern, “was langfristig bestimmt wirksamer ist“.

Nudging ist einfacher als umfassende Aufklärung

Doch Nudging ist wohl auch deshalb so beliebt, weil es oft billiger und einfacher ist, als Menschen gründlicher aufzuklären. Und es erspart Regierungen härtere Maßnahmen, auch wenn diese vielleicht manchmal gefragt wären. Eine beliebte Nudging-Idee besteht zum Beispiel darin, Äpfel in der Schulkantine prominenter zu platzieren als Schokoriegel – in der Hoffnung, dass Schüler dann öfter zugreifen.

“Ob das irgendeine Wirkung hat, dazu gibt es keine vernünftigen Studien“, sagt Gigerenzer. “Wenn ich wirklich etwas erreichen will, könnte ich auch einfach Süßigkeitenwerbung für Kinder verbieten. Oder breit angelegte Aufklärungskampagnen zu gesunder Ernährung in den Schulen starten, auch wenn das teurer und aufwendiger ist.“

Seiner Meinung nach läuft im Grunde alles auf dieselbe Frage hinaus: “Wünsche ich mir Bürger, die kompetent und gut informiert sind? Oder will ich Menschen mit Methoden des Marketings manipulieren?“

Von Irene Habich

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