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Panorama Haben Sie eine dunkle Seite, Otto Waalkes?
Nachrichten Panorama Haben Sie eine dunkle Seite, Otto Waalkes?
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11:28 22.07.2018
“Bisher haben andere über mich geschrieben – jetzt schreibe ich.“ Otto Waalkes über seine Karriere, die Malerei und seine “Ottobiografie“. Quelle: Frank Bauer

Herr Waalkes, Sie haben alles erreicht. Mit nun fast 70 Jahren sind Sie Deutschlands bekanntester komischer Künstler. 88 Prozent der Deutschen kennen Otto.

Dessen bin ich mir ja noch gar nicht so bewusst geworden (grinst). Ehrlich? Wie muss man sich da fühlen? Da fehlt mir die Erfahrung. Aber es ist ein schönes Gefühl, wenn ein Interview mit so einem Kompliment anfängt. Das verspricht einiges.

Seinen 70. Geburtstag hat Otto Waalkes im niedersächsischen Emden gefeiert – mit rund 2000 Bürgern und Prominenten. Dazu gab es Freibier und Bratwurst.

Schlimm war nur die Talsohle zwischen dem gefloppten “Otto – Der Katastrophenfilm“ und dem ersten “Ice Age“-Film.

Aha, jetzt wird es kritisch. Aber so ist es eben. Man probiert Sachen aus – ist es erfolgreich, wird man gelobt. Geht es daneben, herrscht Erklärungsbedarf (lacht). Das ist ein Lernprozess. Solange ein Absturz nicht mit einem Totalschaden endet …

… probiert man weiter Sachen aus.

Genau. Ab zum nächsten Experiment. Ich bin ja nicht festgelegt. Deswegen ist das Ende für mich noch gar nicht absehbar. Ich male zwischendurch sogar noch. (Otto fragt sich selbst): Selbst Winston Churchill hat schon mit 40 angefangen zu malen. Wieso malen Sie jetzt erst? (Otto antwortet sich selbst): Ich habe eigentlich immer schon gemalt. Malen ist eine gute Alternative, um sich zu erholen und abzulenken. Und ich habe auch noch was geschrieben: meine “Ottobiografie“.

Noch eine Parallele zu Churchill. Der hat für seine Schriften sogar den Literaturnobelpreis bekommen.

Den würde ich ablehnen.

Wieso das denn?

Was soll ich denn mit dem Nobelpreis von Winston Churchill?

Sie haben sich ja lange geweigert, überhaupt etwas über sich aufzuschreiben.

Bisher haben andere über mich geschrieben – jetzt schreibe ich. Bisher fehlte mir noch die nötige geistige und sittliche Reife für solch eine Unverschämtheit. Jetzt war es Zeit. mal näher auf mich eingehen zu dürfen.

Sie verraten dann aber gar nicht so viel von sich. Sie schweifen ab, verwirren durch Zeitsprünge und sogar eine Traumsequenz, in der Sie sich eine US-Karriere erfinden.

Das ist ein Antischlafmittel. Wenn man 400 Seiten hat, muss man Möglichkeiten finden, den Leser bei der Lektüre wach zu halten.

Wer bei der Lektüre auf den “anderen“ Otto hofft, der geht leer aus. Otto ist immer gut drauf. Wo ist das Otto-Geheimnis? Wo die dunkle Seite?

Muss man die haben? Ich suche noch danach. Das ist wahrscheinlich so, weil ich aus einer heilen Welt komme. Deren Nachteile werden nicht verschwiegen: übermäßiges Harmoniebedürfnis und fehlende Diskussionsbereitschaft gerade in familiären Konfliktsituationen. Berufliche Tiefpunkte und Selbstzweifel gibt es auch – für Ihren Geschmack zu wenig?

Schon. Ihre Kindheit im Buch erscheint als perfektes Idyll.

War so, tut mir leid. Wir haben uns immer geliebt und umeinander gesorgt: Hast du Pipi gemacht? Hast du dir die Hände gewaschen? In dieser richtigen Reihenfolge? Ist immer noch so.

Für Ihre Mutter, eine tiefgläubige Baptistin, muss es aber die Hölle gewesen sein: Der Sohn macht Beatmusik, reißt schlüpfrige Witze und lästert im “Wort zum Montag“ Gott.

Das hat ihr zunächst nicht so gut gefallen. Da musste sie sich immer vor der Gemeinde entschuldigen und rechtfertigen. Halleluja! (lacht)

Im Buch ruft sie ständig: “Sündig! Sündig!“

Es gab schon erzieherische Maßnahmen. Aber als ich meinen Eltern von meinem ersten Geld ein Häuschen gekauft habe, sagten sie: “Mach so weiter, mein Junge.“

Beinahe ein Rockstar – Otto liebt Chuck Berry und die Beatles. Quelle: Frank Bauer

Sie haben Ihre Künstlerkarriere als Kind mit Zeichnungen begonnen. Schließt sich mit dem Malen jetzt der Kreis?

Kann sein. Jetzt hat das aber solche Dimensionen angenommen, dass meine Bilder derzeit sogar im Frankfurter Caricatura-Museum ausgestellt werden.

Wo das Geheimnis gelüftet wird, warum der Schreiende auf Edward Munchs Bild “Der Schrei“ schreit. Er wird von Heino verfolgt. Wie findet Heino das?

Ich weiß nicht (grinst breit). Ich habe noch nicht mit ihm geredet.

Was ist das überhaupt mit Ihnen und Heino? Seinen Auftritt als Grabvagabund im ersten “Otto“-Film fand er auch nicht so gut.

Wir sind uns schon ein paar Mal begegnet. Ein angenehmer Typ. Er hat ja selbst auch ein Rockalbum gemacht, ist über seinen Schatten gesprungen. Und letztlich ist Parodie doch die aufrichtigste Form der Verehrung. Zumindest (lacht) beweist es, wie populär Heino ist.

Was würde Ihr Hamburger Kunstprofessor, der Bauhaus-Künstler Hans Thiemann, zu Ihren Bildern sagen?

Thiemann! Der hat an mich geglaubt. Ich malte lange am “Mädchen mit der Wollmütze“, einem meiner ersten Bilder, und er hat mich niemals korrigiert. Dann kam da der andere Professor, Rudolf Hausner, mit seinem Rolls-Royce aus Wien und der kratzte doch glatt mit seinem Fingernagel über mein Bild. (Imitiert den Wiener Dialekt) “Interessant, was die jungen Leute heute so fertigkriegen.“ Das war ein phantastischer Realist! Auf seinen Bildern gab er einer Nadel in 14 Kilometer Entfernung noch einen Lichtpunkt (macht ein Ploppgeräusch mit den Lippen).

Im Buch nennen Sie die Künstler Ihrer Zeit die “Lucky Generation“.

Den Namen habe ich mir ausgedacht, da ich rückblickend das Gefühl hatte, uns wäre alles leicht gemacht worden: So viele Möglichkeiten und so wenige Hindernisse – so viel Glück wird kaum eine andere Generation gehabt haben.

Und für künftige Künstlergenerationen könnte es vielleicht auch weniger “lucky“ werden. In ganz Europa blühen Rechtspopulismus, Fremdenhass, sogar Antisemitismus.

Zum Propheten tauge ich gar nicht. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass man so gar nichts aus der Vergangenheit gelernt haben sollte.

“Unpolitisch bin ich dauerhaft bis heute“, sagen Sie im Buch. Kann man sich das heute noch leisten?

Da trenne ich zwischen privater und öffentlicher Person, ausnahmsweise. Wenn ich mich öffentlich aus den genannten Gründen nicht zu politischen Fragen äußern möchte, heißt das nicht, dass ich privat keine Meinung dazu hätte. Aber gibt es nicht schon genug Meinungen auf der Welt?

Fühlen Sie sich denn vor Ihrem Publikum tatsächlich zuweilen wie ein Hochstapler?

Dieses Gefühl kennen viele, die vor Publikum auftreten – manchmal fragt man sich: Was habe ich zu bieten, was andere nicht auch oder sogar besser könnten? Und dann muss man sich ganz schnell antworten: Das soll das Publikum entscheiden, es hat sowieso immer recht.

Es hat zumindest bis heute recht mit Ihnen. Am 22. Juli werden Sie 70. 1972, als es bei Ihnen richtig losging, war man mit 70 ein alter Mann.

Ja, das ist komisch, wie sich die Perspektive verschiebt – heute sind 60-Jährige für mich die reinsten Säuglinge.

Wie werden Sie Ihren 70. Geburtstag feiern?

Nach Hochstaplerart im Rathaus zu Emden – falls sie mich reinlassen.

Und was kommt danach? Ein Remake des ersten “Otto“-Films? Nach 33 Jahren wäre es mal an der Zeit.

Gern. Aber wer spielt die Titelrolle des Otto?

Schwierig.

Mein Sohn hat schon abgelehnt, das wäre nicht sein Niveau.

Kulttier aus dem hohen Norden: Ottos Ottifant. Quelle: Ottifant Productions GmbH

Zur Person: Otto Waalkes

Fast wäre aus dem Emder Otto Waalkes ja ein waschechter Rock-’n’-Roller geworden. In seinem Buch “Kleinhirn an alle“ (Heyne, 436 Seiten, 22 Euro) nimmt Musik einen breiten Raum ein, findet man bezüglich Ottos großer Leidenschaft sogar ein Zeitparadoxon: Stones-Songs von 1964 und 1965 will er mit seiner Band The Rustlers bereits 1963 aufgenommen haben.

“Ta-ha-ha-haim is on my side“, singt Otto denn auch den Stones-Song beim Interview in der Braunschweiger Buchhandlung Graff. Und sagt: “Waren wir also unserer Zeit voraus. Zeit, dass ich dafür mal Tantiemen von Herrn Jagger einfordere.“ Irgendwie, das wird schnell klar, ist ein Interview mit Otto nur die intimere Variante einer Otto-Show.

Ist er Beatles- oder Stones-Fan? “Beides“, wählt Otto. “Die Rustlers brauchten immer Material. Die Beatles hatten diese feinen Gesangsstücke, die waren komplizierter (singt): ’Michelle, ma-belle …‘ Aber dann kamen die Stones mit dem neuen Rock (singt): ’I can’t get no – öh-öh-öh!‘“

Sogar mit dem Eindeutschen hätten sie in Emden schon früh angefangen. Genauer mit dem Einplattdeutschen. Aus Elvis Presleys “Heartbreak Hotel“ wurde bei den Rustlers eine wilde Seefahrtgeschichte. Otto greift zur Akustikgitarre, schrammelt: “Joke Jansen war Matrose / he ging op groote Fahrt …“

Elvis oder Chuck Berry? “Chuck Berry – auf jeden Fall“, entscheidet sich Otto. “Mein Bruder war ja Vorsitzender im Elvis-Presley-Fanclub, aber ich mochte Chuck Berry gern mit seinen fantastischen Riffs und Texten.“ Schwupp – schon wieder springt ihm die Gitarre in den Arm. “Deep down in Louisiana close to New Orleans …!“ Otto singt “Johnny B. Goode“. Die Gitarre scheint allzeit sprungbereit neben seinem Stuhl zu vibrieren. Was wurde am Ende aus den Rustlers? “Eine aufgelöste Band.“

Die anderen aus seiner Hamburger WG, Marius Müller-Westernhagen und Udo Lindenberg, wurden Rockstars. Bei Otto dagegen gab es – so erzählt er – bald mehr Beifall für die Pannen als für die Musik. Und so wurde der Ostfriese zum König der Comedians (damals hieß das noch Blödelbarde). Nicht schelmisch wie Heinz Erhardt, sondern auf die Post-68er-Art: weniger züchtig, mehr anarchisch bis völlig abgedreht.

Die Alten fanden Figuren wie den Reporter Harry Hirsch, die naive Susi Sorglos und das Comictier Ottifant gewöhnungsbedürftig, Ottos Rock-Parodien samt ihrem langhaarigen Darbieter erst recht. Für die Jugend der 70er-Jahre aber war Otto schnell der Rockgott ohne Band. Sein “Mao Tse-Tung, King Kong – Iiiidi Amin“ sangen die Teenager von 1976 wie den Mittelteil von Queens “Bohemian Rhapsody“.

Sonstige Erfolge? “Otto – Der Film“ von 1985 ist bis heute mit 14,5 Millionen Zuschauern der erfolgreichste deutschsprachige Film überhaupt, sein Hauptdarsteller mit einem Bekanntheitsgrad von 88 Prozent nach einer Umfrage des Marktforschungsinstituts Splendid Research vom Mai 2018 der populärste Komiker hierzulande. Das Faultier Sid, das er seit 2002 in den “Ice Age“-Computertrickfilmen synchronisiert, ist zudem das beliebteste Faultier der Deutschen.

Und Otto malt. Seine Parodien großer Meisterwerke sind bis zum 2. September im Frankfurter Museum Caricatura zu sehen (ab 14. September im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe). Alle paar Jahre geht er auf Blödeltour. Und gerockt wird auch noch – am 3. August im Heavy-Metal-Mekka Wacken. Privatleben? “Zwei Ehen habe ich erfolgreich abgeschlossen“, sagt Otto. Einen Sohn hat er aus der ersten: Benjamin heißt er.

Was ihm von seinen Künsten am meisten liegt? “Das war alles immer eins“, sagt Otto in Braunschweig. “Ich hab’ das gemacht, was mir Spaß gemacht hat. Genügend Leute trennen zwischen Arbeit und Vergnügen, bei mir verschmelzen Arbeit und Vergnügen ziemlich nahtlos. Jeder Arbeitstag ist ein Feiertag, deswegen gibt’s bei mir auch keine Arbeitszeitbegrenzung.“

Von Matthias Halbig

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