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Panorama Wenn der Hochzeitstraum platzt
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12:02 28.07.2018
Ein Prinzessinenkleid aus Tüll und Spitze ist der Traum vieler Bräute – doch je größer die Erwartungen, desto häufiger landet das Traumkleid am Ende ungetragen auf ebay. Quelle: iStockphoto
Hannover

Julias Traumkleid ist eine schlichte, bodenlange A-Linie. Seitlich gerafft und mit Schnürung am Rücken. Trägerlos, das Dekolleté mit Perlen verziert. Der Preis: 699 Euro. Vor der Hochzeit sollte es nur etwas angepasst werden, hier und da vielleicht noch abgesteckt. Dann sollte alles perfekt sein. Wie eine Prinzessin wollte Julia vor den Altar treten.

Einmal im Leben die Hauptrolle spielen. Einfach unentschuldigt zu spät kommen dürfen. Den ersten und letzten Kuss des Abends bekommen. Und natürlich den ersten Tanz. Das war Julias großer Traum.

Sechs Wochen später sagte sie die Hochzeit ab. Denn irgendwann war ihr klar geworden, dass nur sie es war, die jedes Detail des großen Festes plante – ihr Freund dagegen hegte offensichtlich Fluchtgedanken. Julias perlenbesetzte A-Linie lagerte noch ein paar Monate zwischen Mottenkugeln im Kleiderschrank, dann beerdigte sie sie auf Ebay. “Verkaufe Brautkleid, ungetragen.“

Je größer die Erwartungen, desto tiefer der Fall

Aus der Traum: Die Kleinanzeigen im Internet erzählen Hunderte dieser Geschichten. Je größer die Erwartungen sind, desto tiefer ist der Fall. Und den erleben vor allem Frauen. In der Regel sind es nämlich die jungen Männer, die kurz vor dem Jawort die Panik packt. Denen das Urteil lebenslang plötzlich unerträglich erscheint.

“Im Gegensatz zu Frauen ziehen Männer meistens erst kurz vor der Hochzeit ihre Bilanz“, bestätigt Volker van den Bloom, Sexual- und Paartherapeut aus Aachen. Dann beginnt das große Abwägen. Auf einmal können Alltäglichkeiten eine immense Bedeutung bekommen, ein kleiner Tick nur, eine Marotte der Braut kann die spontane Notbremsung auslösen.

Dabei wächst die Sehnsucht nach verlässlichen Bindungen. Die Deutschen trauen sich wieder. Bis vor Kurzem war Ehelosigkeit, die andauernde Freiwilligkeit einer Beziehung, ein Symbol von Freiheit. Mittlerweile aber suchen die gut ausgebildeten Millennials, also die zwischen 1980 und 2000 Geborenen, wieder Sicherheit in Zweisamkeit. Rund 407 000 Paare gaben sich laut Statistischem Bundesamt allein im Jahr 2017 das Jawort. Wurden 2007 gerade einmal 368 000 Eheschließungen gezählt, so werden die Heiratswilligen seitdem wieder kontinuierlich mehr.

Mehr Eheschließungen, weniger Scheidungen – doch der Rekordwert von über 750 000 Quelle: RND

Bis der Rekordwert von 1950 erreicht wird, als in nur einem Jahr 750 520 Paare zueinander “Ja“ sagten, ist es zwar noch ein weiter Weg. Doch selbst Wissenschaftler sprechen bereits von einem Comeback des bürgerlichen Ehemodells – jeder Scheidungsstatistik zum Trotz und mit allem, was dazugehört: Fotograf und Hochzeitstorte, Video und Fotoalbum.

Das Wichtigste aber, das alles in den Schatten stellen und für massenhafte Likes auf digitalen Kanälen sorgen muss, ist das Kleid. Es gibt zurzeit nur wenige Dinge bei einer Eheschließung, die einen ähnlich hohen Symbolwert haben. Brautkleider standen einst für Jungfräulichkeit und repräsentierten zugleich Stand und Reichtum der Familie. Viele Modelle wurden zu Ikonen der Modegeschichte. Auch heute sagt ein Kleid viel über die Braut. Über ihren Modegeschmack und das Bild, das sie von sich hat. Jedes Exemplar erzählt eine Geschichte. Manche von ihnen sind traurig wie die von Julia.

Legendär ist die übergroße und romantische Robe, in der die 21-jährige Kindergärtnerin Diana Spencer 1981 ihren Prinz Charles heiratete. Für heutige Verhältnisse soll Dianas Hochzeitskleid mit den berühmten Puffärmeln aus Seidentaft umgerechnet bescheidene 8000 Euro gekostet haben. Für den reinseidenen Prinzessinnentraum von Meghan Markle, Dianas Schwiegertochter und mittlerweile Herzogin von Sussex, soll der Palast dagegen großzügige 230 000 Euro hingelegt haben.

“Die letzte große Bestätigung von Weiblichkeit“

Die Normalverdienerin lässt sich ihren Traum in Weiß mit Korsage und ein wenig Spitze auf Satin im Schnitt 650 bis 3500 Euro kosten. Was darunter liegt ist nichts anderes als ein schlichtes Abendkleid, behaupten Brautmodenfachleute wie Christoph Manhart, Geschäftsführer im Hochzeitshaus Berlin. Der Unterschied im Fachjargon ist ganz einfach: Ein Abendkleid wird geschneidert – ein Brautkleid wird “gebaut“.

Aber warum wollen junge, gebildete Frauen, deren Mütter sich im Zweifel nach dem Standesamt im Hosenanzug auf der Rathaustreppe fotografieren ließen, plötzlich aussehen wie ein viel zu teuer verpacktes Geschenk? Warum wollen erwachsene Frauen, die mitten im Leben stehen, wieder von ihren Vätern zum Altar geführt werden? Sind die immer üppigeren Hochzeitsfeste Vorboten einer Gesellschaft, die wieder konservativer wird?

Wissenschaftlerinnen wie Cornelia Koppetsch, Soziologin an der TU Darmstadt, sehen das anders. Der Griff zum klassischen Brautkleid sei nicht unbedingt ein Rückschritt im traditionalistischen Sinn. Vielmehr würden junge Frauen heute beidem einen gleich hohen Wert beimessen: Erfolg und Schönheit. “Sexyness wird für diese Frauen immer wichtiger“, sagt Koppetsch. Die Hochzeit in Weiß sei ihnen so etwas wie die letzte große Bestätigung von Weiblichkeit. Zerbricht dieser Traum – wie im Fall von Julia –, so ist nicht nur der Partner weg, sondern auch ein psychologisch bedeutender Rückzugsort.

Zwischen Nostalgie und Psychologie

Frauen, die alles können und auch wollen, was Männer lange für sich beanspruchten, finden sich in Arbeitswelten wieder, die extrem technisiert sind. Weiblichkeit spielt hier – wenn sie nicht ausnahmsweise als Strategie dient – keine Rolle.

Da flüchten Menschen wie Julia ins Private, wo Romantik und Weiblichkeit, vielleicht sogar einmal Schwäche ausgelebt werden dürfen. Der Traum von der Prinzessin hat für Sozialwissenschaftler daher immer zwei Seiten: eine nostalgische und eine eher psychologische. Die Braut darf endlich mal wieder auf ihre eindeutige Geschlechteridentität zurückgreifen, einfach Frau sein.

Nicht wenige Bräute allerdings verpacken ihr “Frausein“ am Ende in schlichte Kleidersäcke, um diese samt Inhalt meistbietend zu versteigern. Mehr als 2000 Frauen, die ihre ungetragenen Brautkleider zum Kauf anboten, hat Hannah Winkler kontaktiert. Die 32-jährige Journalistin aus Bremen war selbst auf der Suche nach einem Hochzeitskleid, als sie auf die unzähligen geplatzten Träume im Internet stieß und neugierig wurde.

Geschichten über Sehnsüchte und zerplatzte Träume

Winkler stellte Fragen, die Freunde oft nicht zu fragen wagen. Sie chattete, telefonierte und besuchte die Frauen. Einige weinten in den Gesprächen, andere – wie auch Julia – zogen ihre Kleider wieder und wieder an in der Hoffnung, sich endlich lösen zu können. Als würden sie wieder und wieder die letzten SMS lesen, in denen der Partner schreibt, dass Schluss ist.

Oft hingen die Kleider wie Mahnmale in der Wohnung, einfach weil sie so voluminös sind und man sie so schlecht verstecken kann. Andere waren achtlos über Stühle oder auf Sofas geworfen, als habe ihre Besitzerin sich auf dem Sprung zum Traualtar schnell noch einmal umentschieden. 13 Geschichten stellte Winkler zu ihrem Buch “Verkaufe Brautkleid, ungetragen“ zusammen. Es sind Geschichten über Sehnsüchte und zerplatzte Träume. Sie erzählen davon, wie leicht sich Partner zwischen all den Tüllschichten verlieren können.

Das trägerlose Kleid mit Schleppe und dem herzförmigen Ausschnitt etwa gehörte Josie, einer jungen Frau mit süddeutschem Akzent. In London hatte sie Patrick standesamtlich geheiratet. Da trug sie Pink und ihr Ehemann einen grünen Anzug. Kirchlich aber sollte es Weiß sein, für 1400 Euro. Kurze Zeit später allerdings war Patrick weg. Ohne ein Wort der Erklärung ließ er seine Ehefrau sitzen. Auch Josie sagt: “Ich wollte einfach nur Prinzessin sein.“ Kurz darauf schaltete sie eine Anzeige: “Verkaufe Brautkleid, ungetragen.“

Von Nora Lysk

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