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Panorama Schausteller und Gäste trotzen den Erinnerungen
Nachrichten Panorama Schausteller und Gäste trotzen den Erinnerungen
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17:00 27.11.2017
Die Polizei zeigt verstärkte Präsenz. Quelle: epd
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Berlin

Der Tag ist nicht einfach für Peter Müller und seine Kollegen. Der 59-Jährige ist seit 34 Jahren Schausteller auf dem Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche. Er verkauft im „Sternenzauber“ Glühwein, Wurst und Grünkohl. Im letzten Jahr, am 19. Dezember, verfehlte der tunesische Attentäter Anis Amri mit seinem gestohlenen Sattelzug Müllers Bude nur knapp. Seinem Sohn Maximilian zerlegte der Terrorist die Hütte. „Aber sie leben, alle“, sagt Peter Müller. Elf Besucher starben, auch der Lkw-Fahrer wurde ermordet, mehr als 50 Menschen wurden verletzt. Einige von ihnen bleiben ihr Leben lang eingeschränkt. Eine kleine Gedenkstätte auf der Treppe zur Kirche erinnert an sie alle.

Nun also wieder Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz, zum 34. Mal. Äußerlich hat sich wenig verändert. Die Buden schlängeln sich über den Platz um die Kirche, auf der einen Seite rauschen auf der Budapester Straße die Autos und Laster vorbei, auf der anderen Seite auf dem Ku’damm. Seit diesem Jahr fassen den Platz 100 Betonklötze ein – jeder zwei Meter lang und eine halbe Tonne schwer. Viele sind liebevoll mit Tannenbäumen eingekleidet.

Eine Stunde vor Öffnung des Weihnachtmarkts treffen sich die Schausteller mit Pastor Martin Germer zur Andacht. Viele Mitarbeiter der mehr als 200 Budenbetreiber sind da. Germer sagt, „Schock, Erschrecken und Fassungslosigkeit stecken noch ein Jahr danach in uns.“ Jeder gehe damit zwar anders um. Aber alles flackere immer mal wieder auf, „bei Tage und erst recht wohl bei Nacht.“ 12 Kerzen, eine für jeden Toten, stehen auf dem Altar. Davor eine Wiederauferstehungskerze, die seit Ostern brennt. Germer schickt die Leute mit einem Gebet zur Arbeit. Darin heißt es: „Lass mich bedenken mein Vorrecht, als Schausteller Freude und Vergnügen zu bringen zu allen Menschen, besonders aber der Jugend, den Einsamen und denen, die vom Glück benachteiligt sind.“

Mehr Poller und mehr Polizei sollen Markthändler und die erwarteten bis zu 1,5 Millionen Besucher besser schützen. Die Beamten wissen, dass dies in erster Linie dem Sicherheitsgefühl dient. „Der Preis der Freiheit bleibt eine größere Verwundbarkeit“, sagt Polizeioberrat Dirk Schipper-Kruse vom zuständigen Revier 25. „Wir haben keine Erkenntnisse über konkrete Gefährdungen auf Weihnachtsmärkten.“ Es ist aber damit zu rechnen, dass auch in Berlin wie in anderen Städten spontan Rucksäcke oder Taschen kontrolliert werden.

Sicherheit kostet. Jeder Schausteller hat in diesem Jahr 20 Prozent mehr für die Pacht zu berappen. Sie murren, aber letztlich ist es ja auch für sie wichtig, dass sich die Besucher sicher fühlen, so der Chef des Schaustellerverbands, Michael Roden. „Es sind alle Betreiber dabei, die im letzten Jahr hier waren.“

Nun klingelt und bimmelt es wieder allüberall auf dem Breitscheidplatz. Bratenduft, Lichter und Weihnachtsmusik erinnern an unbeschwerte Zeiten bei Glühwein und Kartoffelpuffer. „Es wird Zeit, dass es wieder losgeht“, findet Peter Müller. „Wir alle hier leben schließlich davon.“ Die Berlinerin Angelika Koy ist eine der ersten, die über den gerade eröffneten Markt schlendert. Als das Attentat geschah, hatte sie den Platz gerade verlassen. „Natürlich komme ich wieder“, sagt sie. „Ich lasse mich doch nicht vertreiben.“ Der Amerikaner Jeremy Taylor erzählt, dass er nur kurz in der deutschen Hauptstadt sei, aber unbedingt hierher wollte. „Solidarität ist wichtig. Das Leben muss weitergehen und die Toten werden nicht vergessen.“

Am Jahrestag des Anschlags bleibt der Weihnachtsmarkt geschlossen. Es gibt einen Gedenkgottesdienst, an dem Angehörige von Getöteten und Verletzte teilnehmen werden – dem Vernehmen nach auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Eingeweiht wird eine offizielle Gedenkstätte – ein mit einer Metalllegierung gefüllter Riss, der von der Kirche bis zur Budapester Straße reicht.

Von Thoralf Cleven / RND

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