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Panorama Sekte führt krude Gemeinde in Mexiko
Nachrichten Panorama Sekte führt krude Gemeinde in Mexiko
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07:19 21.09.2016
Ein mittelalterlich anmutendes Tor versperrt den Eingang zur Sekten-Gemeinde. Quelle: dpa
Nueva Jerusalén

In der mexikanischen Ortschaft Nueva Jerusalén (Neu-Jerusalem) nimmt das Leben einen besonderen Weg: ohne Wasseranschluss, Straßenbeleuchtung und ärztliche Versorgung. Schon seit 40 Jahren lässt sich die Sekte, die die Gemeinde gründete, nicht mit irdischen Niederungen von ihrem Glauben ablenken.

Ländlich ist die Gegend um Nueva Jerusalén, rund 250 Kilometer westlich von Mexiko-Stadt. Viele der rund 5000 Einwohner sind Bauern. Den Eingang bildet ein mittelalterlich anmutendes Tor mit Rittertürmchen. Wer als Frau hindurchtreten will, darf weder kurzen Rock noch Make-up tragen und muss das Haar bedeckt halten. So wie die Frauen im Ort.

Gründungspriester wurde exkommuniziert

Der Ort ist arm, die Kirchen aber imposant. In ihnen wird die „Virgen del Rosario“, die Jungfrau des Rosenkranzes, verehrt. Sie soll der Legende nach 1973 einer Frau erschienen sein und ihr die Gründung der Gemeinde aufgetragen haben. Die Frau bat den Priester Nabor Cárdenas um Hilfe und „Papá Nabor“ gründete La Ermita, die Einsiedelei, wie Nueva Jerusalén auch heißt.

Der katholischen Kirche wurde das zu bunt, sie exkommunizierte den Priester irgendwann. Seit dessen Tod 2008 leitet Antonio Lara Barajas die Gemeinde. Er teilt sich die Führung mit einer „Seherin“, durch die angeblich um die 200 „Gesegnete“ sprechen. Herkömmliche Kommunikationsmittel wie Telefon oder Internet sind tabu. Bildung, Technik, Fortschritt allgemein - für die Sekte alles „Teufelszeug“. Auch Zeitungen, Radio und Fußballspielen sind verboten.

Bewaffnete Männer sorgen für Ordnung

Die Ordnung im Dorf kontrolliert Anwohnern zufolge die sogenannte „Jesus-und-Maria-Wache“: rund 60 mit Waffen ausgestattete Männer, die vermeintlich den Willen der Jungfrau durchsetzen. „Auf diese Art nehmen uns die Religiösen als Geiseln. Sie haben hier die totale Kontrolle“, erzählt die Einwohnerin Margarita Mora. „Ich glaube an Gott, aber ich halte mich nicht für fanatisch. Ich trage dieses Tuch auf dem Kopf, weil ich nicht will, dass meine Kinder hören, wie sie mich beleidigen.“

Der Fanatismus zeigte sich 2012, als Bewohner die drei Schulen im Ort zerstörten, aus Protest gegen laizistische Bildung. Die Regierung scheint dem Treiben freien Lauf zu lassen. „Sie ignoriert das“, sagt Filiberto Avilés. Er zählt zu einer kleinen Gruppe, die der Sekte abgeschworen hat. Avilés glaubt, dass sich die Regierung lieber nicht mit den Fanatikern im Dorf anlegen will. „Es ist leichter für die Regierung zu behaupten, dass sie nicht auf Konfrontation gehen wolle.“

Fälle von Kindesmissbrauch

Auch Avilés bekam Probleme dieser Weltsicht zu spüren: Die religiösen Führer verhinderten, dass seine behinderte Tochter ärztliche Hilfe erhielt. „Sie verwehrten dem medizinischen Personal, das ihr Medikamente bringen sollte, den Zutritt.“ Die Dissidenten-Gruppe will sich nun nicht mehr alles gefallen lassen. Sie macht die religiösen Führer und die selbst ernannte Gottes-Polizei für Kindesmissbrauch, Drohungen und Morde verantwortlich.

Der 30-jährige Óscar Montero erzählt, ein Priester habe sich an ihm vergangen, als er sieben Jahre alt war. Mindestens zehn ähnliche Fälle seien aktenkundig, sagt er. Aber keine Behörde, keine nationale oder internationale Menschenrechtsorganisation habe bisher ins isolierte Leben der Gemeinde eingegriffen. „In der Gemeinde gibt es mindestens 400 Kinder. Viele von ihnen besitzen noch nicht einmal eine Identität im Geburtenregister - sie existieren offiziell gar nicht“, sagt Montero. „Man verbietet ihnen, zur Schule zu gehen. Sie müssen schuften und sind dem sexuellen Missbrauch ausgesetzt.“

Staat fürchtet „ein Klima der Gewalt“

Missbrauchsfälle seien ihr nicht bekannt, sagt die Beauftragte für Religions-Angelegenheiten von Michoacán, Teresita Vega. Allerdings gebe es auch kein Register, das Nueva Jerusalén als religiöse Gemeinde erfasst. „Es gibt das Recht auf Glaubensfreiheit“, sagt sie schlicht. Mit Blick auf die Anzeigen erklärt sie vage: „Es ist kompliziert: Wenn man den Finger auf empfindliche Stellen legen würde, könnten wir damit ein Klima der Gewalt erzeugen.“ Der Gemeindeführer sei schon mehrfach zum Gespräch gebeten worden. Anführer Lara Barajas sei der Einladung bisher aber nicht gefolgt.

Von RND/dpa

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