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18:21 10.05.2018
Was bei Ellenbogenschmerzen zu tun ist, verrät die Dame auf dem Bildschirm. Quelle: Foto: dpa
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Erfurt

Lange ist in Deutschland über Vor- und Nachteile von ärztlichen Behandlungen und Beratungen von Patienten über Datenleitungen geredet worden. Telemedizin – schon das Wort stammt aus Zeiten, in denen voluminöse Bildschirme viel Platz auf den Schreibtischen einnahmen.

Heute kommunizieren Patienten weltweit längst mit Ärzten über Apps auf ihren Smartphones, über Videochats – von zu Hause aus. In Deutschland ist das eher noch die Ausnahme, das Gesundheitswesen ist komplex und die Mediziner stehen laut Musterberufsverordnung unter Fernbehandlungsverbot.

Persönlicher Kontakt wird überflüssig

Der Deutsche Ärztetag in Erfurt hat hier nun den Weg für eine Liberalisierung frei gemacht. In Deutschland tätige Mediziner können Patienten unter bestimmten Voraussetzungen sogar ausschließlich per Telefon, SMS, E-Mail oder Onlinechat behandeln – neu ist: ohne vorherigen persönlichen Kontakt in der Praxis.

Nach dem Beschluss des Ärztetages ist Ärzten „im Einzelfall“ nunmehr eine ausschließliche Beratung oder Behandlung über digitale Medien erlaubt, wenn dies medizinisch vertretbar ist und die erforderliche ärztliche Sorgfalt bei Diagnostik, Beratung, Therapie und Dokumentation gewährleistet wird. Der persönliche Patientenkontakt soll für Ärzte aber weiterhin Vorrang haben. Bislang waren in Deutschland praktizierenden Ärzten solche Fernbehandlungen nur nach einer persönlichen Untersuchung möglich.

Für viele Patienten ist der Arztbesuch 2.0 bereits Realität

Was Teilen der deutschen Ärzteschaft wie eine Revolution vorkommen mag, ist für viele Patienten längst Realität. Schätzungsweise 40 Millionen Deutsche suchen jährlich nach Antworten auf medizinische Fragen im Internet. Youtube-Videos, in denen Ärzte Beschwerden erklären und Behandlungsmöglichkeiten erläutern, sind schon lange Hits im Netz. Ernährungsdocs machen im Fernsehen Quote, und Start-ups sind auf dem Sprung, mit einfachen digitalen Angeboten Geld zu verdienen.

Man muss das nicht alles gut finden und die Gefahr, Scharlatanen aufzusitzen, steigt natürlich mit der Entfernung zwischen Medizinern und ihren Patienten. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) begrüßt deshalb, dass die Ärzteschaft das Thema jetzt offensiv angeht. Mit Online-Sprechstunden würden Patienten unnötige Wege und Wartezeiten erspart, erklärte Spahn gestern. „Damit helfen wir Ärzten und Patienten.“ Er kündigte an, einen Runden Tisch mit Vertretern der Ärzteorganisationen und ihrer Selbstverwaltung sowie des Deutschen Pflegerates einzuberufen. Dieser Expertenkreis soll die praktische Umsetzung des Beschlusses beraten. Spahn: „Ärzte können die digitale Welt aktiv gestalten, anstatt dass es andere tun.“

Kommerzielle Anbieter haben das Thema längst entdeckt

Der Minister hat recht. Längst stehen kommerzielle Anbieter auf der Matte, die telemedizinische Versorgung über Callcenter anbieten oder eng mit der Pharma-Industrie verbunden sind. Dr. Google oder Dr. Microsoft sind längst keine Hirngespinste in Vorstandsetagen mehr. In den USA stecken die Internetgiganten Milliarden in Angebote wie Doctor on demand oder MD Live.

In Deutschland hat die Münchner Firma Teleclinic zwei Modellprojekte der Ärztekammer Baden-Württembergs mit einer App für Videoberatung begleitet, in denen 200 Ärzte auch unbekannte Patienten online betreuen durften. Das Problem ist hier das vieler ländlicher Regionen in der Bundesrepublik: Die Mehrheit der niedergelassenen Ärzte nähert sich dem Pensionsalter. Und nur ein geringer Teil des ärztlichen Nachwuchses hat Landlust. Teleclinic-Mitgründer Patrick Palacin hat den internationalen Markt gut im Blick. Seine Einschätzung: „Deutschland ist so ein bisschen hintendran.“

Kritiker warnen vor unpersönlicher Beratung

Nicht schlimm findet das Arzt und TV-Moderator Eckart von Hirschhausen. Seiner Ansicht nach schadet überbordende Digitalisierung dem Gesundheitssystem. „Viele Ärzte schauen heute erst mal auf den Bildschirm statt ihren Patienten in die Augen“, kritisierte er am Mittwochabend bei einer Podiumsdiskussion in Hannover.

Von Thoralf Cleven/RND

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