Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Panorama TV-Irrtümer in der Leichenhalle
Nachrichten Panorama TV-Irrtümer in der Leichenhalle
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:42 27.11.2016
Der Umgang mit Toten wird in Krimis oft falsch dargestellt. Das beschreibt der populäre Rechtsmediziner Michael Tsokos in seinem Buch. Quelle: Foto: Fotolia
Hannover

Heutzutage gehören Rechtsmediziner zum festen Ensemble der meisten Krimireihen. Es ist jedoch noch gar nicht so lange her, da war dieser Berufsstand in Deutschland praktisch unbekannt. 1997 bekam der „Tatort“ aus Köln mit dem markanten Glatzkopf Joe Bausch, im Brotberuf Gefängnisarzt, seinen ersten populären Rechtsmediziner. Einige Jahre später hatte der WDR die Idee, eine völlig neue Kombination auszuprobieren: Seit 2002 muss sich Hauptkommissar Frank Thiel (Axel Prahl) im „Tatort“ aus Münster mit dem ebenso blasierten wie brillanten Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) rumärgern.

Natürlich ahnen die meisten Zuschauer, dass ein TV-Krimi nur bedingt die Wirklichkeit wiedergibt. Wenn man aber praktisch gar nichts über einen Berufsstand weiß, füllt das Fernsehen die Lücke fast automatisch; deshalb hat Boerne das Bild des Rechtsmediziners in der Öffentlichkeit geprägt wie kein anderer. Michael Tsokos, Leiter des Instituts für Rechtsmedizin an der Berliner Charité, hat nun ein kurzweiliges Buch über die größten Irrtümer bei der Darstellung seines Berufsstands geschrieben („Sind Tote immer leichenblass?“, Droemer-Verlag).

Rechtsmediziner sind Ermittler

Das neue Buch von Michael Tsokos: Sind Tote immer leichenblass? Quelle: Droemer

Tsokos versichert, seine Kollegen und er würden niemals „auf die Idee kommen, nach Feierabend Verdächtige zu beschatten oder uns nachts Zutritt zu einem Tatort zu verschaffen“. Es sei „pure Fantasie“, dass Rechtsmediziner bei der Verhaftung und Vernehmung von Verdächtigen zugegen seien. Großen Anteil am Bild des Rechtsmediziners hätten auch US-Serien wie „CSI“ oder „Criminal Minds“, bei deren Hauptfiguren es sich jedoch um hochrangige Kriminalermittler mit naturwissenschaftlicher Ausbildung handle; ihre Arbeitsweise habe mit der hiesigen Realität nichts zu tun.

Angehörige identifizieren die Opfer

Tsokos nennt diesen Fehler den „kriminaltechnischen Super-GAU“: Bei etwa der Hälfte aller Morde handele es sich um Beziehungstaten. Häufig finde die Spurensicherung erst im Rahmen der Obduktion statt. Angehörige würden zwangsläufig DNS-Spuren, Fasern oder gar Fingerabdrücke auf dem Leichnam hinterlassen. Und weil sich anschließend nicht klären lasse, ob diese Spuren schon vorher vorhanden gewesen seien, wären diese Menschen „aus dem Schneider“. Die Sektionssäle seien für Unbefugte generell tabu. Ohnehin seien die postmortalen Veränderungen oft so stark, dass eine Identifizierung anhand der Gesichtszüge kaum noch möglich sei, weshalb dies meist anhand unveränderlicher Kennzeichen wie Operationsnarben und Tätowierungen geschehe.

Der Tod als Schlafes Bruder

Der Rechtsmediziner Michael Tsokos weiß, wie es wirklich in den Leichenhallen zugeht. Quelle: dpa

Wenn sie nicht gerade durch Gewalteinwirkungen entstellt sind, sehen Tote im Film meist wie leichenblasse Schlafende aus. Die Veränderungen, die die sterblichen Überreste durchlaufen, werden den Zuschauern erspart: Fäulnis- und Gasbildungen sorgen laut Tsokos dafür, dass sich die Haut bläulich-violett verfärbt und Leichenflecken bildet. Diese Flecken seien auch ein Grund dafür, warum sich Sektionssäle keineswegs, wie viele Filme nahelegen, im Keller befänden: weil Kunstlicht die Verfärbungen, die auch Aufschluss über eine Todesursache geben können, verfremde. Und während die Leichen im Krimi gern tagelang auf Obduktionstischen herumliegen, werden sie in der Regel unmittelbar nach der Obduktion zur Bestattung freigegeben. Ins Reich der Fabel gehöre auch die verbreitete Überzeugung, Haare und Fingernägel wüchsen nach dem Tod weiter. Dieses „Scheinphänomen“ entstehe, weil die Haut und somit auch die Fingerkuppen nach dem Tod austrockneten und daher schrumpften; das führe dazu, dass Bartstoppeln und Fingernägel stärker hervorträten.

Serienmörder in Serie

Die spannendsten Krimis sind in der Regel jene, in denen die Ermittler einen Serienmörder suchen; spätestens seit „Das Schweigen der Lämmer“ (1991) bilden diese Thriller ein eigenes Subgenre. Bei den Tätern handelt es sich nach Tsokos’ Erkenntnissen aber keineswegs um brillante Superhirne. Ihre Intelligenz werde ebenso überschätzt wie ihre Anzahl, auch wenn der Rechtsmediziner die Autoren in Schutz nimmt: Es sei dramaturgisch natürlich interessanter, „wenn man es nicht mit einem Blödmann zu tun hat“, der seiner Verhaftung nur durch pures Glück entgehe. Er selbst hatte in seiner gut zwanzigjährigen Laufbahn erst zwei Fälle, bei denen ein Serienmörder tatsächlich eine „Signatur“ auf seinen Opfern hinterlassen hat.

Rechtsmediziner sind schräge Vögel

Tsokos räumt zwar ein, dass einige seiner Kollegen in der Tat „etwas spezielle Zeitgenossen“ seien, die auch die eine oder andere Marotte hätten, aber er kenne niemanden, der den oftmals „chronisch schlecht gelaunten Zynikern“ aus dem Fernsehen ähnele. Rechtsmediziner seien „absolut lebensfrohe und fröhliche Menschen“, die sich anders als in „Das Schweigen der Lämmer“ auch keine Mentholpaste unter die Nase schmierten, um sich vor dem Fäulnisgeruch zu schützen: Der Geruchssinn sei im Gegenteil sehr wichtig, weil verschiedene Gerüche auf unterschiedliche Todesursachen schließen ließen.

Zwei Finger am Hals

Auf dieses Detail reagiert Tsokos besonders allergisch. In beinahe jedem Krimi gibt es eine Szene, in der ein Polizist mit zwei Fingern an der Halsschlagader eines Menschen überprüft, ob er noch lebt. In der Realität sei die Todesfeststellung „dann doch wesentlich komplexer“. Atemstillstand, Pulslosigkeit oder weite Pupillen seien unsichere Todeszeichen, die auch die Folge von Stromschlägen, Vergiftungen oder Unterkühlung sein könnten; die Menschen wären dann nur scheintot. Mediziner verließen sich allein auf sichere Todeszeichen wie Leichenflecken, Leichenstarre oder Fäulnis.

Zur Person

Michael Tsokos, Jahrgang 1967, ist Leiter des Instituts für Rechtsmedizin an der Berliner Charité und Freizeitautor mehrerer „True Crime“-Thriller. Sein Sachbuch „Sind Tote immer leichenblass?“ (188 Seiten, 14,99 Euro) ist im Droemer-Verlag erschienen. Tsokos’ bekannteste TV-Kollegen tummeln sich vor allem in US-Importen wie „CSI“, „Medical Detectives“, „Bones – Die Knochenjägerin“, „Crossing Jordan“ oder „Criminal Minds“. Deutsche Produktionen waren unter anderem der Klassiker „Der letzte Zeuge“ mit Ulrich Mühe (1998 – 2007, ZDF) sowie die RTL-Serien „Die Gerichtsmedizinerin“ mit Lisa Fitz (2005 – 2008) und „Post Mortem – Beweise sind unsterblich“ mit Hannes Jaenicke (2007 – 2008). Bekanntester deutscher TV-Rechtsmediziner ist seit 2002 Professor Friedrich-Karl Boerne (Jan Josef Liefers) im „Tatort“ aus Münster. In unregelmäßigen Abständen zeigt RTL zudem die Dokumentationsreihe „Anwälte der Toten“ (seit 1997).

Von Tilmann P. Gangloff

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Panorama Horror-Unfall im Allgäu - Vier Teenager rasen in den Tod

Die Kraft ist unbändig gewesen, mit der das Auto gegen den Baum prallt. Ein 18-jähriger Fahranfänger rast bei nasser Straße in eine Kurve, verliert die Kontrolle und reißt drei Jugendliche mit in den Tod.

27.11.2016

Der November in diesem Jahr war bisher ein bisschen zu warm und ziemlich dunkel. Zum Monatsende ändert sich das aber noch einmal: Pünktlich zum ersten Advent wird es winterlich kalt, wenn auch größtenteils ohne Schnee.

26.11.2016

Fast zwei Tage war sie in der Hand ihres Entführers, dann konnte eine Therapeutin aus Weimar den Kidnapper zur Aufgabe überreden.

26.11.2016