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Panorama Trägt die Bahn Mitschuld am Zugunglück?
Nachrichten Panorama Trägt die Bahn Mitschuld am Zugunglück?
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08:53 08.11.2016
Völlig verkeilt: Rettungskräfte bergen aus diesen beiden Zügen die Opfer – zwölf Menschen sind gestorben.
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Traunstein

Als Michael P. von seinem Computerspiel hochblickt, ist es schon zu spät: In wenigen Sekunden werden die beiden Züge aufeinanderprallen, die der Fahrdienstleiter bei Bad Aibling auf eine eingleisige Strecke geschickt hat. Zwölf Menschen sterben, 89 werden verletzt, und das alles nur, weil P. auf seinem Handy spielte, statt sich auf seine Arbeit zu konzentrieren. So jedenfalls steht es in der Anklageschrift für den Prozess gegen den 40-Jährigen, der am Donnerstag vor dem Landgericht Traunstein beginnt.

Aber ist P.s Fehlverhalten wirklich die einzige Unglücksursache? Nach Informationen des RedaktionsNetzwerks Deutschland fehlt auf dem Stellwerk, in dem er die Züge ins Verderben lenkte, eine wichtige technische Vorrichtung. „Wir haben erfahren, dass dort ein Melder nicht eingebaut ist, der einmal eingestellte Fahrstraßen anzeigt“, sagt Karl-Peter Naumann, Ehrenvorsitzender des Fahrgastverbandes Pro Bahn.

Gerade bei eingleisigen Strecken sei diese Anzeige Standard, erklärt Naumann. Sie hätte im Fall Bad Aibling dem Fahrdienstleiter signalisiert, dass er den Abschnitt bereits für einen Zug freigegeben hat, und somit verhindert, dass er auch für die Gegenrichtung grünes Licht gab. Naumann fordert jetzt, dass „alle vergleichbaren Stellwerke in Deutschland aus Gründen der Prävention überprüft werden“.

Handy-Daten überführen Fahrdienstleiter

„Dungeon Hunter 5“ heißt das Online-Computerspiel, das nach Ansicht der Staatsanwaltschaft Traunstein Michael P.s Aufmerksamkeit bis unmittelbar vor dem Zusammenstoß restlos in Anspruch nahm. „Die Beschäftigung mit seinem Smartphone lenkte den Angeschuldigten von der Regelung des Zugverkehrs ab“, heißt es auf Seite zwei der elfseitigen Anklage. Die Namen der Toten und Verletzten samt medizinischer Befunde füllen allein sieben Seiten.

Sein Fantasy-Kampfspiel aus dem Mittelalter hatte der Fahrdienstleiter um 5:11:23 Uhr gestartet. Die gespeicherten Daten in seinem Handy dokumentieren, dass er während der gesamten Dauer aktiv gespielt hat, sein Smartphone lief immer im Vollbildmodus. Noch um 6:38:11 Uhr rekrutierte er einen neuen Krieger und kaufte um 6:40:47 eine zusätzliche Mission. Fast zur selben Zeit gab er dem Personenzug aus Rosenheim freie Fahrt. Drei Minuten später erlaubte er auch dem Gegenzug aus Bad Aibling die Ausfahrt aus dem Bahnhof. Fünf Minuten danach beendete er sein Computerspiel – genau 61 Sekunden vor dem tödlichen Zusammenprall der beiden Personenzüge.

Beschuldigter setzt Notruf ab – und drückt falschen Knopf

Aber damit noch nicht genug. Als der Beschuldigte seinen verhängnisvollen Fehler bemerkte, versuchte er voller Panik die Lokführer über Zugbahnfunk noch zu warnen. „Achtung! Züge sofort anhalten“, lautete der Notruf, den er über das Mobilfunknetz der Bahn absetzte. Doch in der Hektik des Augenblicks wählte er dafür die falsche Taste – und der Notruf erreichte nicht die beiden Lokführer, sondern das Streckenpersonal. Hätte er die richtige Taste gedrückt, hätten die Zugführer bremsen können, und das Unglück wäre im letzten Moment noch verhindert oder zumindest erheblich abgemildert worden. „Die Kollision hätte vermieden werden können“, heißt es dazu lapidar in der Anklageschrift.

Wenige Sekunden nach diesem zweiten Fehlgriff wurde dem Fahrdienstleiter klar, dass er seinen Notruf ins Leere gesendet hatte. Um 6:47:42 setzte er ihn erneut ab, dieses Mal an die richtige Adresse. Aber die beiden Lokführer hörten die Warnung nicht mehr – die ungebremste Kollision ihrer Züge hatte sie da schon das Leben gekostet.

Bereits am Unglückstag geriet der Fahrdienstleiter ins Visier der Ermittler, blieb aber zunächst auf freiem Fuß. Zwei Monate später wird das schier Unfassbare bekannt: Beim Auslesen der Daten auf dem beschlagnahmten Smartphone des Mannes stellen die Ermittler fest, dass er bis kurz vor dem Unfall auf seinem Handy spielte. Der Ermittlungsrichter schickt ihn daraufhin in Untersuchungshaft. Aus Mitleid von Opfern und Hinterbliebenen mit dem erfahrenen Bahn-Mitarbeiter wird Wut. „Ich möchte dieser Person einmal in die Augen schauen“, sagte ein durch den Unfall schwer geschädigter 18-Jähriger jüngst dem „Münchner Merkur“. Der junge Mann musste als Folge seiner körperlichen Dauerschäden seine Ausbildung aufgeben.

Von Hartmut Reichardt

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