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Panorama Wie passt der NSU-Mörder zu Peggy?
Nachrichten Panorama Wie passt der NSU-Mörder zu Peggy?
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19:12 14.10.2016
In einem Waldstück nahe Rodacherbrunn (Thüringen) wurden im Juli dieses Jahres die Skelettteile der vermissten Peggy gefunden worden. Quelle: dpa
Nürnberg

Bundesinnenminister Thomas de Maizière drückt in einem Satz aus, was seit Donnerstagabend die Republik bewegt und selbst langgediente Ermittler den Kopf schütteln lässt. „Dass jetzt der Verdacht besteht, dass einer der NSU-Terroristen auch noch der Mörder der kleinen Peggy sein könnte, ist unfassbar“, sagt der CDU-Politiker. Und auch der Präsident des Bundeskriminalamtes, Holger Münch, sagt: „Der Fall NSU zeigt, dass nichts unmöglich ist.“

Waren bisher Verbindungen Uwe Böhnhardts oder aus dem NSU-Umfeld zum Fall Peggy bekannt?

Auf dem Gelände des Campingplatzes in Lichtenberg (Bayern) wurde das NSU-Trio gesehen. Quelle: dpa

Nein. Im gesamten Komplex Peggy ist niemals der Name eines Mitglieds des sogenannten „Nationalsozialistischen Untergrunds“ oder eines mutmaßlichen Unterstützers aufgetaucht.

Wo und wann wurde die DNA-Spur gefunden und untersucht?

Der Fund sei im „direkten Zusammenhang“ mit der Entdeckung der Skelettteile erfolgt, sagt der Leitende Oberstaatsanwalt Herbert Potzel. Untersucht wurde die DNA-Spur beim Landeskriminalamt in München – also nicht wie die Skelettteile Peggys in der Rechtsmedizin in Jena.

Kann auch eine Verunreinigung der DNA-Probe zu dem Treffer geführt haben?

Der Bayreuther Oberstaatsanwalt Herbert Potzel schließt das nicht aus. Die Rechtsmedizin der Uni Jena, wo im November 2011 Böhnhardts Leichnam obduziert wurde und im Juli Peggys Knochen untersucht wurden, schließt eine zufällige Übertragung von DNA am eigenen Institut aus. Die Spurensicherung am Fundort der toten Peggy und die Untersuchung der dort gefundenen Spuren seien nicht von der Jenaer Rechtsmedizin durchgeführt worden. Auch BKA-Präsident Holger Münch sieht nach eigenen Angaben aktuell keine Hinweise auf eine Verunreinigung oder Verwechslung.

War bisher etwas über Verbindungen zwischen dem NSU-Komplex und Fällen von toten Kindern oder Kindesmissbrauch bekannt?

Neonazi Tino Brandt wurde in 66 Fällen des Kindesmissbrauchs für schuldig befunden. Quelle: dpa-Zentralbild

Ja, in mehreren Fällen. In den Akten gibt es mehrere Hinweise auf NSU-Unterstützer, gegen die der Verdacht des Kindesmissbrauchs bestand. Im NSU-Prozess wurden einige Zeugen aus der rechtsradikalen Szene damit konfrontiert. Einer dieser Männer räumte ein, er habe eine Collage gezeichnet, die zerstückelte Kinder zeigte. Der bekannteste Fall ist der des früheren Thüringer Neonazi-Drahtziehers Tino Brandt, der vor zwei Jahren wegen Kindesmissbrauchs in 66 Fällen verurteilt wurde. Ein anderer Zeuge bezichtigte in einer Polizeivernehmung Uwe Böhnhardt, einen neun Jahre alten Jungen in Jena ermordet zu haben. Der Fall ist bis heute nicht aufgeklärt.

Was sind die nächsten Ermittlungsschritte?

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) betont, man gehe mit Hochdruck allen denkbaren Hinweisen nach. Erstes Ziel der Ermittler ist es derzeit, eine Verunreinigung der DNA-Probe auszuschließen. Sollte das gelingen und der spektakuläre Zusammenhang der beiden Komplexe NSU und Peggy bestätigt werden, tun sich unzählige weitere Fragen auf. Eine beantwortet das BKA: An Kindersachen aus dem letzten gemieteten Wohnmobil der mutmaßlichen NSU-Terroristen, die in der Asservatenkammer des Bundeskriminalamtes lagern, darunter unter anderem eine Sandale, wurde demnach keine DNA-Spur Peggys entdeckt.

Welche Fragen und Spekulationen stehen im Raum?

Allen voran steht die Frage nach Peggys mutmaßlichem Mörder. Parallel gibt es aber weitere dicke Fragezeichen: Gab es doch Kontakte der Rechtsextremisten nach Oberfranken? Oder waren sie dort vielleicht auf der Durchreise? Einen Monat nach dem Verschwinden Peggys sollen die mutmaßlichen NSU-Terroristen Böhnhardt und Uwe Mundlos den zweiten NSU-Mord in Nürnberg verübt haben – gewohnt haben sollen sie damals in Zwickau. Der Vorsitzende des NSU-Untersuchungsausschusses im Bundestag, Clemens Binninger (CDU), fordert eine neue Untersuchung bislang anonymer DNA-Spuren an NSU-Tatorten. Zudem überprüfen die zuständigen Staatsanwaltschaften mindestens einen Kindsmord neu: den des toten Jungen in Jena. „Da war Herr Böhnhardt und sein Name schon einmal im Visier und das müssen wir alles viel, viel gründlicher betrachten“, sagt Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke).

Welche Auswirkungen haben die Entwicklungen auf den NSU-Prozess?

Möglicherweise keine allzu gravierenden. Im Prozess geht es nur um die angeklagten Taten, im Wesentlichen also um die rassistisch motivierte Serie von neun Morden, dazu den Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter und 15 Banküberfälle. Eine Konsequenz könnte es aber für die Hauptangeklagte Beate Zschäpe geben. Ein Opferanwalt will erneut thematisieren, dass auf einer Computerfestplatte des NSU-Trios Dateien mit Kinderpornografie gefunden wurden. Mit einem Beweisantrag will er klären lassen, was Zschäpe davon wusste.

Von RND/dpa

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