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Panorama Wie rebellierte die Jugend im Osten, Stefan Wolle?
Nachrichten Panorama Wie rebellierte die Jugend im Osten, Stefan Wolle?
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20:09 06.04.2018
Revolte fand in den Sechzigerjahren in der DDR mehr in den Köpfen der Jugend als auf der Straße statt – auch weil nach einer kurzen Phase der liberalen Jugendpolitik jede Kritik mit Repressalien beantwortet wurde. Quelle: dpa

Herr Wolle, im Jahr 1968 wurden Sie 18 Jahre alt. Waren Sie ein Rebell?

In dem Alter waren wir das doch alle, oder? Ich war damals noch ziemlich naiv, etwas verträumt. Es gab in mir Unzufriedenheit, auch Skepsis gegenüber den real existierenden, ziemlich beengten Verhältnissen in der DDR. Die meisten von uns wussten, dass in der Schule in den Fächern Geschichte oder Staatsbürgerkunde nur Märchen erzählt wurden.

Und die Revolte?

Revolte fand damals mehr in den Köpfen als auf der Straße statt. Klar, wir bewunderten die Studenten im Westen, die sich offen mit Polizisten anlegten. Der Westen hatte aber in den Sechzigerjahren nicht die Anziehungskraft, die er später besaß. Viele sahen negative Seiten – Arbeitslosigkeit, Vereinsamung des Menschen, das Gefühl, es gehe überall nur ums Geld. Dazu kam der Unwille, mit der Nazizeit abzurechnen. In der DDR war 1968 der Blick in Richtung Prag für viele hoffnungsvoller als der Blick über die Mauer. In der Tschechoslowakei tat sich etwas, was nach dem schmeckte, was sich viele in der DDR wünschten – Freiheit und Sozialismus.

Wie ist das zu erklären, sieben Jahre nach dem Mauerbau?

Klar, der Mauerbau war eine Zäsur. Familien wurden zerrissen, der Zugang zum Westen war endgültig verschlossen. Viele sahen dennoch im auszubluten drohenden Osten das bessere Deutschland. 1963 gab KPdSU-Chef Nikita Sergejewitsch Chrustschow angesichts der schlechten Versorgungslage in der Sowjetunion grünes Licht für Überlegungen, wie man die Wirtschaft verbessern könnte. Die Planwirtschaft sollte durch Marktmechanismen ergänzt werden, Kritik war erwünscht, die Macht der Partei durfte aber nicht infrage gestellt werden. Es gab überall in den sozialistischen Ländern interessante Ideen, aber auf besonders fruchtbaren Boden stieß das in der Tschechoslowakei. Kunst und Kultur erlebten in dieser Zeit fast im ganzen Ostblock eine Blütezeit. Ende 1965 wurde das in der DDR von der SED auf dem berüchtigten elften Plenum des Zentralkomitees abgewürgt. Filme und Musik wurden verboten. In Prag hingegen ging es weiter. Wir hofften, Leute wie der tschechoslowakische Kommunistenführer Dubcek würden sich auch hier durchsetzen.

Wurde der Aufbruch im Westen gar nicht wahrgenommen?

Oh doch. Als 1964 in der Bundesrepublik gegen den Besuch des kongolesischen Machthabers Tschombé protestiert wurde, weil er als Mörder des ersten frei gewählten Ministerpräsidenten Lumumba galt, berichteten auch die DDR-Medien ausführlich. Das Publikum in der DDR, das die Berichte mit denen der Westmedien verglich, staunte darüber, wie antiautoritär die Jugend im Westen mit ihrer Regierung und den Behörden umging.

Blick auf den Präsidiumstisch während der 22. Delegiertenkonferenz des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) am 4. September 1967 in Frankfurt am Main. An der fünftägigen Versammlung nahmen Delegationen des sowjetischen Studentenrates und des Zentralrates der Freien Deutschen Jugend (FDJ) teil, Hauptthema der Konferenz ist die Standortbestimmung des SDS gegenüber der politischen Entwicklung in der Bundesrepublik. Quelle: dpa

Woran erinnern Sie sich dabei?

Ich fühlte mich wie viele meiner Altersgenossen mit den Linken, die im Westen gegen den Vietnamkrieg, Nazis oder Diktatoren demonstrierten, solidarisch. Wir sprachen von demokratischem Sozialismus und meinten Freiheit. Da war sich die Jugend in Ost und West ziemlich einig. Es ging uns um die Verbesserung der Welt. Ich erinnere mich an meine Verblüffung über die Vorlesung des Philosophen Marcuse an der Freien Universität Berlin, die im SFB ausschnittweise gesendet wurde. Wie der die Verhältnisse, in denen er lebte, offen anprangerte – unglaublich. Und wie unverschämt Rudi Dutschke vor einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss auftrat – das hätte sich in der DDR niemand getraut. Es ging mir damals dabei weniger um die politischen Inhalte, sondern um den freiheitlichen Gestus.

Gab es Begegnungen zwischen protestierenden Studenten aus dem Westen mit Kommilitonen im Osten?

Das spielte sich eher in Berlin ab, in Cafés und Kneipen rund um die Humboldt-Universität. Denn in der DDR konnte man nicht einfach so in eine Uni oder Vorlesung gehen. Aber ja, solche Treffen gab es – und sie erzeugten Unruhe und Debatten. Linksgerichtete westdeutsche Studentenverbände wie der SDS suchten Kontakt mit der DDR-Jugendorganisation FDJ, um Möglichkeiten der Zusammenarbeit und Unterstützung auszuloten. Die Genossen bekamen aber schnell kalte Füße, weil sie merkten, dass die jungen Leute aus dem Westen nicht einzuhegen waren.

Im Westen stellte die Jugend Eltern und Großeltern die Frage, wie die sich unter den Nazis verhalten hatten. Spielte das in der DDR eine Rolle?

Nein. Der Antifaschismus gehörte ja zum Gründungsmythos der DDR. Der erste deutsche Nachkriegsfilm überhaupt war 1946 “Die Mörder sind unter uns“ von Wolfgang Staudte. Er behandelte genau dieses Thema und wurde in der sowjetischen Besatzungszone uraufgeführt. In den Nachkriegsjahren wurde das ethisch-moralische Verhalten des Einzelnen im Osten intensiv diskutiert – wenn auch mit stark ideologischer Schlagseite. Mir persönlich ist erst später klar geworden, dass da eine kollektive Entschuldung stattgefunden hatte.

Der Widerspruch war …

… dass in der DDR der Widerstand des einzelnen Antifaschisten in der Nazizeit betont und gelobt, gleichzeitig von uns jedoch Kadavergehorsam erwartet wurde. Bis zum Überdruss ist allen eingeimpft worden, gegen Faschismus und Krieg zu sein – ansonsten hieß es: Fresse halten! Die Ideale kollidierten mit der Realität. Dieser Dauerkonflikt war die kritische Masse in der DDR, die 1989 zum Sturz der SED führte.

Anläßlich der Festspiele der Arbeiter- und Bauernjugend des Bezirkes Schwerin fand am 22.9.1963 eine große Demonstration statt, an der 50000 Jugendliche und Sportler teilnahmen. | Quelle: Zentralbild

Wie konnte die so lange kleingehalten werden?

Brave wurden belohnt, Aufsässige bestraft. Die Entscheidung – passe ich mich an oder nicht – musste jeder früh treffen. Wenn es um den Übergang von Schule zur Oberschule ging, zum Studium, zum attraktiven Job. Weil nahezu jeder nach dem Besten strebt, wurde die Anpassung tief verinnerlicht. Witzigerweise funktionierte das bei den vom Staat hofierten Arbeitern weniger. Da wurde viel offener und weniger ängstlich geredet als unter Intellektuellen. Die hatten nichts zu verlieren.

Die Revolte äußerte sich auch äußerlich. Die Haare wurden länger, Männer ließen sich Bärte stehen. Wie war das in der DDR?

Die Haare wuchsen von allein, aber mit den Nietenhosen, wie Jeans oft genannt wurden, oder den langen Kutten war es so eine Sache. Da brauchte man eine Oma, die in den Westen fahren durfte, oder Verwandte, die Pakete schickten. Glück war, wenn eine Jeans drinsteckte. Das größte Glück war, wenn sie auch noch passte. Also bei den Klamotten war die Provokationsschwelle niedrig. In der Schule hieß es dann: “Geh nach Hause und zieh dir mal was Anständiges an.“ Doch das war fast nebensächlich. Das Verbindende der Nachkriegsgeneration in Ost und West war die Musik. Das Verhältnis zu den Beatles war in der DDR ein politischer Seismograf. Mal wurde die Beatmusik toleriert, dann wiederum sagte SED-Chef Ulbricht Ende 1965: “Mit der Monotonie dieses ,Je, je, je’ und wie das alles heißt sollte man doch Schluss machen.“ Ist noch heute ein Lacherfolg. Für uns hieß das damals: Schluss mit lustig.

Im Westen trat eine Generation den Marsch durch die Institutionen an, und manche wurden Bundesminister. Wie war das mit den Ost-68ern?

In der DDR wurden nicht die Institutionen verändert, sondern die Institutionen veränderten viele von uns. Im Westen haben die 68er eine Revolution gewollt und lösten Reformen aus. Die Ost-68er haben von einer Reform geträumt und lösten 20 Jahre später eine Revolution aus. Die Bürgerrechtler wollten 1989 mit dem Rückenwind der Perestroika Gorbatschows endlich einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz. Diese Idee Dubceks konnte aber nicht mehr die Massen ergreifen.

Stefan Wolle ist Historiker und wissenschaftlicher Leiter des DDR-Museums in Berlin. Quelle: privat

Mauerbau, innenpolitische Öffnung, Kulturschock: Die ambivalenten Sechzigerjahre in der DDR

Den Glauben an den staatlich propagierten Sozialismus verlor Stefan Wolle noch mit 17. Als am 21. August 1968 sowjetische Panzer durch Prag rasselten und die zarten Pflänzchen einer beispielhaften Demokratisierung im Ostblock niederwalzten, tat sich für den Abiturienten “eine Kluft auf, die sich nie wieder schließen sollte“.

Eigentlich stammt der Historiker aus einer Familie überzeugter kommunistischer Intellektueller. Doch als Wolle aus seinen letzten großen Ferien kam, hatte sich die Atmosphäre in der DDR grundlegend geändert. Das Aufbruchsgefühl endete für viele seiner Generation abrupt. Nicht wenige schlugen den Weg in die innere Emigration ein. Andere opponierten mehr oder weniger offen – ein Drahtseilakt.

Die Sechzigerjahre waren für DDR-Bürger eine einzige Berg- und Talfahrt. Als wegen schlechter Versorgung und fehlender Perspektiven immer mehr Fachkräfte in den Westen gingen und das Land auszubluten drohte, reagierte die Staatsführung unter SED-Chef Walter Ulbricht 1961 mit dem Mauerbau. Die wirtschaftliche und soziale Lage stabilisierte sich zwar und verbesserte sich sogar – die Löhne stiegen und die Fünf-Tage-Woche wurde eingeführt. Der Lebensstandard in Bezug auf Konsumgüter konnte jedoch nie an das “Westniveau“ heranreichen.

Im Jahr 1964 wurden neue Personalausweise eingeführt, die erstmals als Staatsbürgerschaft “Bürger der Deutschen Demokratischen Republik“ angaben. Gleichzeitig begann 1963 eine unerhörte – und kurze – Zeit einer liberalen Jugendpolitik. Das Verhältnis zur Jugend sollte frei sein von “Gängelei, Zeigefingerheben und Administrieren“, beschloss das Politbüro in einem Jugendkommuniqué.

Wie Pilze schossen neue Beatbands in das Licht der Öffentlichkeit, es gab Diskussionsveranstaltungen mit bislang verpönten Dichtern wie Wolf Biermann. Im Mai 1964 fand das “Deutschlandtreffen der Jugend“ statt. 500 000 junge Leute aus aller Welt trafen sich in Ost-Berlin. Der Berliner Rundfunk entwickelte damals mit “DT 64“ sogar ein eigenes Jugendprogramm. Es hielt sich bis nach dem Mauerfall.

Kritik wurde trotzdem nicht akzeptiert. Als der Berliner Physikprofessor Robert Havemann im Jahr 1964 mehr Informations- und Bewegungsfreiheit für DDR-Bürger anmahnte, wurde er zunächst gerügt, dann aus der SED ausgeschlossen, anschließend erhielt er Berufsverbot.

Anfang 1965 wurde das “einheitliche sozialistische Bildungssystem“ von der Kinderkrippe bis zur Hochschule installiert. Im Herbst des Jahres gerieten “dekadente westliche Musik“ und “Gammler“ genannte Beatfans ins Visier der SED-Führung. Bands sollten bei englischen Namen, “ungepflegtem Äußeren“ oder mangelnder Notenkenntnis die Lizenzen entzogen werden. Allein im Bezirk Leipzig betraf das 54 von 58 Bands, schreibt der 2000 verstorbene Historiker Peter Borowsky.

Mit dem Dezember-Plenum des Zentralkomitees der SED war endgültig Schluss mit Liberalismus: Filme wurden verboten, Theaterstücke abgesetzt, Bücher verbannt. Erich Honecker positionierte sich mit einer Grundsatzrede gegen die Politik der Öffnung von 1963. Im Jahr 1967, parallel zu den studentischen Unruhen im Westen, versuchte die DDR-Führung mit einer Hochschulreform Universitäten und Hochschulen auf Linie zu bringen, was mäßig gelang.

Stefan Wolle studierte Geschichte an der Humboldt-Universität Berlin, wurde zeitweise relegiert und arbeitete als Hilfsarbeiter. Von 1976 bis 1989 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Akademie der Wissenschaften der DDR. Seit 2005 ist Wolle wissenschaftlicher Leiter des DDR-Museums Berlin.

Von Thoralf Cleven

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