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Panorama Ziemlich beste Freundinnen
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20:23 18.05.2018
Wir haben im Alter von 14 Jahren andere Erwartungen an eine Freundin als mit Anfang 20. Quelle: Unsplash
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Hannover

Der Liebeskummer brannte im ganzen Körper, es war schlimm, kaum auszuhalten. Aber alles wäre noch viel schlimmer gewesen, wäre Kati nicht da gewesen. Denn Kati ist eine fantastische Zuhörerin, eine wunderbare Freundin, die hilft, noch die allergrößten Probleme zu bewältigen.

Allerdings hat Kati einen etwas merkwürdigen Kleidergeschmack, weswegen sie beim Shoppen keine große Hilfe ist. Da kommt dann Nora ins Spiel. Nora ist eine fantastische Beraterin in der Umkleidekabine, eine wunderbare Freundin, die hilft, mit Stil durchs Leben zu gehen.

Aber Nora ist abends schnell müde und bleibt lieber zu Hause, als feiern zu gehen. Wenn ihr die Augen zufallen, wird Alex erst richtig fit. Alex ist ein fantastisches Feierbiest, eine wunderbare Freundin, die hilft, an der Bar oder auf der Tanzfläche all das Schlimme und Dunkle des Lebens zu vergessen. Und den Liebeskummer sowieso.

Vielfalt der Freundschaften

Heute regiert auch in der Freundschaft die Vielfalt. Den einen Freund, die eine Freundin für alle Fälle, die in jeder Lebenslage unterstützt und einen das ganze Leben begleitet, gibt es nur noch selten. „Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Beste, was es gibt auf der Welt“, sangen die Comedian Harmonists 1930 in der Tonfilm-Operette „Die Drei von der Tankstelle“. Ein Freund, nur ein guter Freund? Heute reicht das oft nicht mehr, heute haben wir unterschiedliche Freunde für unterschiedliche Bedürfnisse. Und es kann sogar vorkommen, dass wir in einem neuen Lebensabschnitt – nach der Ausbildung, nach der Hochzeit oder nach einem Berufswechsel – alte Freunde gegen neue austauschen.

Was zunächst selbstbezogen und hartherzig klingt, ist sehr menschlich. „Freunde müssen nicht gleichzeitig alle Bedürfnisse erfüllen“, sagt der Berliner Psychotherapeut und Buchautor Wolfgang Krüger. „Die Splittung hat etwas mit Lebenspraxis zu tun. Es gibt Freunde, mit denen kann man nur Golf spielen. Mit anderen kann man gut shoppen gehen.“ Es sei eine Frage des Lebensrealismus, was mit einem einzelnen Freund oder einer einzelnen Freundin möglich sei, sagt Krüger. „Und den Rest werde ich mit anderen machen.“

Experten wie Krüger sprechen von Freundschaftsvielfalt. Schon der griechische Philosoph Aristoteles ging von unterschiedlichen Freundschaftsgruppen aus. Krüger unterscheidet zwischen Herzensfreundschaften (mit Menschen, denen man vertraut und nahezu alles erzählt), Durchschnittsfreundschaften (mit Menschen, die man zum Geburtstag einlädt und die ein bisschen mehr über einen wissen) und Bekanntschaften, Kollegen oder Nachbarn.

Freundschaftsvielfalt im Lauf des Lebens

Viele unserer Freundschaften unterliegen bestimmten Entwicklungsabschnitten. Wir haben im Alter von 14 Jahren andere Erwartungen an einen Freund als mit Anfang 20. Allein unser Tagesablauf verändert sich mit der Zeit gravierend. Während der Schulzeit sind wir täglich mit Gleichaltrigen zusammen, teilen viele Hobbys, Sorgen, Wünsche. Alles dreht sich um Noten, neue Computerspiele und die erste Liebe. Dann der große Schritt ins Erwachsenendasein: Die Zeit von Ausbildung, Studium, Job steht an. Viele Schulfreunde verlieren sich in dieser Phase aus den Augen. Die Karriere tritt in den Vordergrund – vielleicht an einem ganz neuen Wohnort. Neue Freundschaften entstehen in Lerngruppen an der Uni, bei Praktika oder am Arbeitsplatz.

„Unsere Identität hat nun mal solche Entwicklungsabschnitte“, erklärt Psychologe Ulrich Schmitz aus Köln. „Und so haben auch unsere Freundschaften immer wieder Phasen, in denen sie sich neu definieren müssen. Es sollten Gemeinsamkeiten bleiben, um die Freundschaft am Leben zu halten.“ Für feste Freundschaften braucht es große gemeinsame Schnittmengen im Leben. Verändert sich das Leben, geht ein Stück der Schnittmenge verloren. Da kann eine Freundschaft schnell mal ihre Basis verlieren.

Dass Freunde mal bleiben, mal wechseln, gehört zum Leben dazu, meint auch Wolfgang Krüger. „Wir wissen, dass innerhalb von sieben Jahren die Hälfte aller Durchschnittsfreundschaften scheitert“, sagt er. „Die sogenannten Herzensfreundschaften aber, in denen wir uns alles erzählen, haben eine Dauer von über 30 Jahren. Sie halten oft lebenslang.“

Freunde mit unterschiedlichen Rollen

Aber sie sind trotzdem nicht die einzigen. Da Menschen mehr oder weniger vielfältige Persönlichkeitsstrukturen haben, bedarf es auch unterschiedlicher Freunde. Dabei ist die Splittung für Wolfgang Krüger sehr wichtig: „Wir brauchen nicht nur die Herzensfreundschaften. Die brauchen wir vor allem in Krisenzeiten, damit uns jemand versteht“, sagt er. „Aber für unser Gefühl der Sicherheit und des Aufgehobenseins brauchen wir ein ganzes soziales Dorf. Und da haben auch die sogenannten Durchschnittsfreundschaften ihre Bedeutung.“

Die größte Bewährungsprobe findet im Alter um die 30 statt. Viele von uns finden in diesem Zeitfenster den zukünftigen Ehe- oder Lebenspartner und planen, eine Familie zu gründen. Da rücken die frühere beste Freundin oder der beste Freund durchaus mal in den Hintergrund. Das müsse aber kein K.-o.-Kriterium für eine Freundschaft sein, sagt Psychologe Ulrich Schmitz: „Wenn Interessen oder Lebensabschnitte auseinandergehen, dann ist es wichtig, dass der Freund diese Abschnitte zumindest begleitet.“

Für Sonja (55) etwa bedeutete es eine große Umstellung, als ihre beste Freundin Annette geheiratet und Kinder bekommen hat: „Ich war damals Single. Und natürlich habe ich zu spüren bekommen, dass Annette immer weniger Zeit für mich hatte. Das hat auch wehgetan. Zehn Jahre später war ich an der Reihe mit Kinderkriegen. Und dann lief es umgekehrt und Annette hat sich öfter gemeldet.“ Die Freundschaft von Sonja und Annette hält nun bald 40 Jahre.

Die Bedeutung von Freundschaft ist in den vergangenen 30 Jahren stark gewachsen. „Wir leben in einer Blütezeit der Freundschaft“, sagt Krüger. Als Grund dafür nennt der Berliner Therapeut die schwindende Bedeutung familiärer Bindungen. Noch vor Jahrzehnten lebten die meisten Familien an einem Ort. Mittlerweile ist es ganz normal, dass die Verwandtschaft manchmal sogar auf mehrere Erdteile verteilt lebt. Die Beziehungen mögen die Distanz zwar überbrücken, das Familiengefühl bleibt. Aber im Alltag fehlen sie. An die Stelle des familiären Kontakts im Alltag treten dafür allerdings andere Bindungen.

„Sisters by Chance, Friends by Choice“ (Schwestern durch Zufall, Freunde nach Wahl) heißt eine englische Redensart. Anders gesagt: Wir suchen selbst gewählte Beziehungen, die wir frei aussuchen können. Freunde geben uns dafür mehr Möglichkeiten als Familienmitglieder, die wir nicht auswählen können.

Mindestens so wichtig wie die Familie

Wie wichtig Freunde überhaupt im Leben sind, zeigt eine aktuelle Studie vom Marktforschungsinstitut Statista. Von 1000 Befragten gab mehr als die Hälfte an, dass ihr Freunde mindestens so wichtig sind wie die Familie, betont auch Krüger. „Sich aufeinander verlassen können“ war das wichtigste Kriterium der Befragten für eine gute und enge Freundschaft.

Unsere Bindungen zu Menschen außerhalb der Familie seien heute viel intensiver als noch vor einigen Jahrzehnten. „Wir sind heute in der Lage, über uns selbst nachzudenken. Das war unseren Eltern und Großeltern in den Kriegs- und Nachkriegszeiten kaum möglich, sie waren mit Überleben und Wiederaufbau beschäftigt.“ Krüger definiert Freundschaften als Sympathiebeziehungen, in denen Menschen offen und vertrauensvoll über sich selbst sprechen können. Der Forscher schätzt, dass das in Deutschland erst seit rund 40 Jahren in dieser Intensität möglich ist.

Doch ab wann ist überhaupt ein Freund ein Freund? Und was ist mit all den 387 Freunden, mit denen wir über Facebook verbunden sind? Krüger antwortet mit einer Gegenfrage: „Wem würde ich erzählen, wie meine Mutter war, dass ich fremdgegangen bin oder wegen einer privaten Krise eine Therapie gemacht habe?“

Ähnlich sieht das Sebastian (39): Er hat zwei gute Freunde. Beide leben 600 Kilometer entfernt. Sebastian sieht sie durchschnittlich ein- bis zweimal im Jahr. „Wir telefonieren nicht viel. Aber wenn was ist, sind wir füreinander da. Das weiß ich.“ Die Distanz und die Häufigkeit der Kontakte spielen für Sebastian keine Rolle – anders als das tiefe Vertrauen, das ihn mit seinen Freunden verbindet. Für den Alltag hat er mehrere Kumpels vor Ort, mit denen er mal ins Kino geht oder ein Bier trinkt. Es ist ein Arrangement, mit dem er gut leben kann.

Dass Männer mit deutlich weniger freundschaftlichem Kuschelfaktor auskommen als Frauen, ist für den Psychologen Ulrich Schmitz übrigens ganz normal: „Trotzdem suchen Männer und Frauen genau dasselbe in einer Freundschaft. Entscheidend ist für beide der emotionale Austausch.“ Und der muss ja nicht auf einen Menschen beschränkt sein.

Von Andrea Mayer-Halm

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