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Zum Tod von Benno Ohnesorg: Erstmals Bilder der Berliner Polizei veröffentlicht

50. Todestag Zum Tod von Benno Ohnesorg: Erstmals Bilder der Berliner Polizei veröffentlicht

Kurz vor dem 50. Todestag von Benno Ohnesorg holt die Polizei erstmals Fotos aus ihren Archiven. Sie zeigen ein dunkles Kapitel der Berliner Polizei.

Der andere Blick: Das Bild aus der Sammlung der Berliner Polizei zeigt den sterbenden Benno Ohnesorg, die Studentin Friederike Hausmann – und den Kameramann, der das berühmte Bild machte.

Quelle: Polizei Berlin

Berlin. Die Fotografen und Kameraleute der West-Berliner Polizei waren mittendrin am 2. Juni 1967. Sie dokumentierten den katastrophalen Einsatz vor der Deutschen Oper bis ins letzte Detail. Ihre Fotos zeigen aus Sicht der Uniformierten, wie die Einheiten der Bereitschaftspolizei auf die Demonstranten losgehen. Sie zeigen gezogene Knüppel und Verletzte, dokumentieren Verhaftungen durch zivil gekleidete Greifertrupps. Und auch die Polizeifotografen zeigen den sterbenden Benno Ohnesorg im Hof der Krummen Straße 66/67, erschossen durch den Polizisten Karl-Heinz Kurras.

Das Motto hieß „Leberwursttaktik“

Beim Besuch des Schahs von Iran, Reza Pahlavi, und der Kaiserin Farah Diba in Berlin hatten Hunderte Studenten auf der anderen Straßenseite gegen sein Unrechtsregime demonstriert. Sie warfen Mehltüten, Farbeier, Tomaten. Aus ungeklärter Richtung flog ein Stein, der einen Polizisten am Kopf traf. Die Fotos zeigen, wie er durch die Reihen seiner Kollegen geführt wird, damit ihn jeder sehen konnte. Es ging das Gerücht um, dass ein weiterer Polizist von Demonstranten erschossen worden sei. Polizeipräsident Erich Duensing sprach von der Leberwursttaktik: „In die Mitte hineinstechen und nach den Seiten ausstreichen.“ Die Polizeifotos zeigen die Einstichstelle: knüppelschwingende Polizisten, die mitten zwischen verängstigte, irritierte Demonstranten schlugen

Die Bilder verschwanden schnell im Archiv

Die Bilder verschwanden im Archiv, die meisten von ihnen wurden 50 Jahre lang nicht mehr hervorgeholt. Die Fotografen waren unterwegs, um die Polizeiarbeit zu dokumentieren – doch nach dem katastrophalen Ende jenes Abends sollte sie keiner mehr sehen. Auch in den Strafprozessen gegen Karl-Heinz Kurras, spielten sie keine Rolle. Dieser wurde zweimal freigesprochen.

Das erste Mal beschäftigt sich die Polizei mit diesem düsteren Kapitel

Nun werden die Fotos zum ersten Mal der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, in einer kleinen Ausstellung in der Polizeihistorischen Sammlung im Polizeipräsidium Berlin. Hinter Vitrinen mit historischen Uniformen pinnt Museumsleiter Jens Dobler Abzüge an eine Stellwand. Es ist das erste Mal, dass sich die Berliner Polizei auf diese Weise ihres dunkelsten und folgenreichsten Einsatzes der Nachkriegsgeschichte stellt. Die Bedeutung ist weit größer, als es die Stelltafeln und Schwarz-Weiß-Fotos vermuten lassen. Die Fotos aus den eigenen Reihen zeigen, was passiert, wenn sich eine Polizeitruppe von den Bürgern entfernt, die sie schützen soll. „Der Geist in der Polizei war damals militärisch geprägt“,sagt Dobler, „und die demonstrierenden Studenten waren der Feind.“

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Es ist eines der dunkelsten Kapitel der Westberliner Polizei nach 1945. Am 2. Juni 1967 erschoss Karl-Heinz Kurras den Studenten Benno Ohnesorg – die Aufklärung des Attentats ließ zu wünschen übrig.

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Bereits zwei Jahre nach dem Einsatz bezeichnete der neue Polizeichef Klaus Hübner den 2. Juni 1967 als „schwarzes Kapitel“ der Berliner Polizei. Er versuchte den „Duensing-Geist“, wie er den noch aus gemeinsamen Wehrmachtstagen stammenden Korpsgeist nannte, aus der Polizei zu vertreiben. Dieser Korpsgeist war es, der den Waffennarren und – wie 2009 herauskam – Stasi-Spitzel Kurras vor einer Verurteilung bewahrte. Beweismittel verschwanden, an der Leiche Ohnesorgs wurde die Einschussstelle aus dem Schädel gebrochen, in den Prozessen hatte kein Polizist etwas gesehen oder gehört, was Kurras belastet hätte.

War es ein kaltblütiger Mord?

Auch für Jens Dobler geht die These des Publizisten Uwe Soukup zu weit, Kurras habe Ohnesorg kaltblütig ermordet. Was er sagt, ist dies: „Es gab keine Notwehrsituation. Kurras war nicht in Gefahr, am allerwenigsten von Ohnesorg.“

Das Ende des Einsatzes war zugleich Beginn von etwas Neuem

So bleibt am Ende der polizeiinternen Bilderschau das Foto, das der fotografierende Beamte vom sterbenden Ohnesorg gemacht hat. Es ist anders als die zur Ikone gewordenen Fotos der knienden Friederike Hausmann, die den Kopf des Erschossenen hält. Der Polizeifotograf hält etwas mehr Abstand, er nimmt einen Kameramann mit aufs Bild, der seine Filmkamera direkt auf die Szenerie hält. Er zeigt nicht nur das Ende eines Einsatzes. Sondern auch schon den Anfang von etwas Neuem.

Von Jan Sternberg

Berlin 52.5200066 13.404954
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