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Politik 100 Prozent für Martin Schulz als Parteichef
Nachrichten Politik 100 Prozent für Martin Schulz als Parteichef
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16:23 19.03.2017
“Wann wir schreiten Seit’ an Seit’“: Martin Schulz beim Singen des Abschlussliedes, mit dem die SPD ihren Parteitag beschloss. Quelle: dpa
Berlin

605 von 605 gültigen Stimmen, drei Stimmen waren ungültig. Das ist ein Votum von 100 Prozent. Selbst der legendäre Kurt Schumacher erzielte „nur“ 99,73 Prozent beim Parteitag 1950. Und Schulz nahm die Wahl an – tief bewegt, wie es sich für solch ein Resultat gehört. Danach beendete er den Parteitag mit einem kämpferischen Schlusswort und schmetterte das alte Kampflied der Sozialdemokratie inbrünstig mit – „Wann wir schreiten Seit’ an Seit’“. Zuvor war Schulz per Akklamation zum Kanzlerkandidaten seiner Partei gekürt worden.

Die Rede von Martin Schulz auf dem Wahlparteitag war mit Spannung erwartet worden. Sie enthielt alles, was das sozialdemokratische Herz begehrt: Eine Lobeshymne auf die Traditionen der Partei, eine Huldigung ihrer Vorsitzenden inklusive Sigmar Gabriel, eine persönliche Geschichte des kleinen Manns aus Würselen, viele Gerechtigkeitsfragen. Nur Aussagen zum Wahlprogramm fehlten.

Schulz schlug gleich zu Beginn seiner Rede auf dem SPD-Parteitag in Berlin einen weiten Bogen in die Geschichte der Partei. Er beschwor Kampfgeist und Widerstandskraft und erntete dafür überschwänglichen Applaus. „Wie viele andere hier bin ich wegen Willy in die SPD gegangen“, sagt Schulz über den ehemaligen Kanzler Brandt und kam dann auf seine eigenen Geschichte zu sprechen. „Nun stehe ich hier vor euch, ein Mann aus Würselen, ein Mann aus einfachen Verhältnissen“, sagt Schulz. „und bewerbe mich für ein großes Mandat“.

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Als sich Schulz anschließend direkt an Sigmar Gabriel wandte, bekam der Parteitag den emotionalen Gabriel zu sehen, mit dem viele Genossen gerechnet hatten. „Dass du Platz für einen anderen gemacht hat, weil du wusstest, dass das besser für Deutschland und die Partei ist, das ist eine politische und menschliche Leistung, die zeigt, was für ein großer Charakter du bist“, sagt Schulz und rührte Gabriel damit zu Tränen.

Schulz schloss sodann eine Grundsatzrede zur Lage Deutschlands und Europa an, machte jedoch zu Beginn gleich eins klar: „Ich werde heute keine programmatische Rede halten, dafür haben wir einen eigenen Parteitag.“ Und so streifte er vor allem Gerechtigkeitsfragen – zwischen Mann und Frau, zwischen Ost und West, in Bildung und der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Immer wieder kam er zu seiner Schlüsselaussage zurück: „Ich möchte, dass der einzelne Mensch Respekt bekommt“, sagte er mehrmals. „’Ich bin euch doch egal’ – dieses Gefühl ist gefährlich für die Demokratie. Aber wenn wir jedem einzelnen Respekt vermitteln, dann gewinnen wir auch die Bundestagswahl.“

Schulz thematisierte auch europakritische und demokratiefeindliche Bewegungen. „Wer in einer Pegida-Demonstration mitläuft, legt die Axt an den Stamm der Demokratie“, sagte Schulz und rief zu zivilgesellschaftlichem Engagement auf. „Euch, den Feinden der Freiheit und der Demokratie sage ich, ihr habt in der SPD den entschiedensten Gegner, den man in diesem Land haben kann.“

Viele große Worte, weniger klare politische Aussagen prägten die Rede. An einigen Stellen jedoch sprach Schulz Klartext – so sagte er in Richtung der türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan: „Wir werden es nicht hinnehmen, dass unsere türkischen Mitbürger gegeneinander aufgehetzt werden. Wir werden auch nicht hinnehmen, dass sie durch Nazivergleiche gegen deutsche Mitbürger aufgehetzt werden. Deshalb muss man auch Herrn Erdogan sagen, dass das so nicht geht.“

Sigmar Gabriel hatte den Parteitag zuvor auf den neuen Vorsitzenden eingeschworen. Martin Schulz, sagte Gabriel an die Adresse von Schulz, habe einen „kühlen Kopf“ und eine „großes und heißes Herz, wenn es um die Menschen geht, für die du dich einsetzt“. Und so erntete Schulz nach seiner Rede minutenlangen Applaus.

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Gabriel hatte nach siebeneinhalb Jahren an der SPD-Spitze den Weg für Martin Schulz freigemacht. Seitdem hat die Partei in Umfragen stark zugelegt. Demoskopen sprechen sogar davon, dass dieser „Schulz-Effekt“ langfristig anhalten wird.

Von RND/dpa/aks/dk