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Politik „Anne Will“ über Missbrauch: Alle, selbst der Bischof, gegen den Vatikan
Nachrichten Politik „Anne Will“ über Missbrauch: Alle, selbst der Bischof, gegen den Vatikan
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06:20 25.02.2019
Bischof Stephan Ackermann hatte in der „Anne-Will“-Sendung einen schweren Stand. Quelle: imago/Jürgen Heinrich
Berlin

Der Bischof war nicht zu beneiden. Stephan Ackermann, katholischer Oberhirte von Trier und Beauftragter der Kirche für Fragen des sexuellen Missbrauchs, hatte die ganze Runde gegen sich. „Wie entschlossen kämpft die Kirche gegen Missbrauch?“, hatte Anne Will gefragt, und nach dem viertägigen Krisengipfel im Vatikan war die Antwort schnell gefunden: Nicht entschlossen genug.

Vor allem die Abschlussrede von Papst Franziskus traf auf einhellige Enttäuschung. „Warum soll ich seinen Worten glauben, so lange keine Taten folgen?“, sagte Matthias Katsch von der Betroffenenorganisation „Eckiger Tisch“. Der Papst habe durch seine vagen Worte eine Chance versäumt: „Null Toleranz bei Missbrauch rechtlich verbindlich zu machen, einen Rahmen zu schaffen für Entschädigung“ –nichts davon habe Franziskus angesprochen.

„Der Papst hat heute eine Riesenchance verpasst – jetzt ist die Staatengemeinschaft aufgefordert zu handeln“, sagte Katsch. In den 1970er Jahren wurde er als Schüler am Canisius-Kolleg in Berlin von zwei Patres missbraucht – öffentlich wurden seiner und viele weitere Fälle erst 2010. Juristisch sind sie längst verjährt.

„Im Kloster verwahrt“

Jahrzehntelang hat die katholische Kirche Missbrauch durch Priester verschwiegen, vertuscht, verdrängt. Heribert Prantl von der „Süddeutschen Zeitung“ berichtete aus seiner früheren Arbeit als Staatsanwalt in Bayern. Da habe die Kirche von der weltlichen Justiz die Einstellung von Verfahren gefordert, weil der Beschuldigte „in einem Kloster verwahrt“ sei. Die Kirche stecke in einer „Jahrtausendkrise“, da brauche es eigentlich „Jahrtausendreformen“, forderte der Journalist. Doch Franziskus habe versagt: „Ich habe mich geärgert über die Rede des eigentlich so sympathischen Papstes.“

Was also macht der Bischof, dessen oberster, eigentlich unfehlbarer Chef so attackiert wird? Ackermann zeigt seine eigene ehrliche Enttäuschung über die Ergebnisse des Gipfels. Er habe sich vom Papst konkretere Aussagen gewünscht: „Eine Art To-do-Liste, das hatte ich mir auch stärker erwartet. Was machen wir?“

Prantl kritisiert „Doppelmoral“

Zuspruch bekam die Kirche ausgerechnet von der zweiten Opfervertreterin – und der einzigen Frau neben der Moderatorin in der Runde. Agnes Wich wurde im Alter von neun Jahren von ihrem Gemeindepriester missbraucht, sie schilderte ihren langen, auch spirituellen Leidensweg, der sie schließlich zurück zum Katholizismus geführt hat. „Die katholische Kirche traut sich erstmals an die Vergangenheit heran“, lobte sie vorsichtig zweifelnd.

Prantl ärgerte an Franziskus’ Rede vor allem, dass er relativiere. Der Papst sprach von den vielen Orten, an denen Missbrauch geschehe – in den Familien, in den Vereinen. „Aber keine andere Institution tritt mir dem moralischen Überlegenheitsanspruch auf wie die Kirche!“ rief der Journalist und beschwerte sich über die katholische „Doppelmoral“.

Endlich ging es auch um Machtstrukturen

Dass es zwar auch um Moral, aber vor allem um Macht und Machtmissbrauch geht, sagte keiner in der Runde – diese Einsicht musste von außen kommen: „Der Missbrauch von Macht steckt in der DNA der Kirche“, hatte der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ kürzlich gesagt. Und so diskutierte die Runde endlich über Strukturen. Agnes Wich berichtete, dass vor ihrem Priester intern gewarnt worden sei, aber dass nicht sein konnte, was nicht sein darf – der Hochwürden war damals quasi unantastbar, auch wenn er ein Vergewaltiger war.

„Es ist gut dass die Überhöhung des Hochwürden entblättert ist“, sagte Bischof Ackermann, der es sich aber doch zu einfach machte. In der Kirche gäbe es eben auch „Sünder“, sagte er –und diese theologisch verbrämende Sprache verlagert das Problem dann doch wieder weg von der Machtstruktur der Institution Kirche. Zudem warnte Ackermann vor einem globalen Backlash: Die wahre Bedrohung komme zwar „von den Verbrechen in der Kirche“, das werde aber nicht überall in der globalen Institution so gesehen. „Anderswo wird gesagt, wir müssen die Heiligkeit des Amtes noch viel schärfer betonen.“ Es gäbe eine „Ungleichzeitigkeit“ der Aufarbeitung, nicht nur global, sondern auch zwischen einzelnen Ländern Europas.

Das Thema Missbrauch, und die Strukturen, die ihn ermöglichen, wird die Kirche noch sehr lange nicht verlassen.

Lesen Sie hier:
Papst Franziskus legt Punkte-Plan gegen Missbrauch vor

Von Jan Sternberg/RND

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