Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Politik Amerika auf Droge
Nachrichten Politik Amerika auf Droge
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:09 12.12.2017
Die USA erleben derzeit eine massive Drogen-Epidemie. Quelle: raoraby
Anzeige
Washington

Am Anfang sollten einfach nur diese Schmerzen aufhören. Irgendwie. Am Ende hat Jason Gruber nur noch gehofft, dass sein ganzes Leben einfach nur aufhört. Irgendwie. Weil es sowieso schon längst nicht mehr sein Leben ist.

Jason Gruber ist 53 Jahre alt, Lastwagenfahrer, überschuldet, krank und drogensüchtig. Jason Gruber ist der Inbegriff eines neuen Typus Junkie, dessen wachsende Zahl die US-Regierung dazu bewogen hat, eine Opioid-Epidemie auszurufen.

Das neue, das trostlose Leben des Lastwagenfahrers Jason Gruber begann vor zwei Jahren mit der Berufskrankheit der Trucker, die den größten Teil ihres Alltags eingezwängt in ihrer Fahrerkabine verbringen – einem Bandscheibenvorfall. Vielleicht begann es aber auch erst mit der typischen Reaktion amerikanischer Ärzte auf Schmerzen: hohe Dosen an Schmerzmitteln. Und wenn das nicht mehr hilft, noch höhere Dosen. Bis der Patient, schleichend erst, kaum spürbar, abhängig ist von Opioiden. Und hineinrutscht in eine regelrechte Junkie-Karriere.

Erst die OP – dann nur noch Pillen

Als die Schmerzen bis tief in die Beine zogen, gab es erst einmal Schmerzmittel, dann eine Operation. „Nach der OP wurde ich mit den Pillen fast zugeworfen“, erinnert sich Gruber. Innerhalb von zwei Jahren war der kräftige Familienvater ein gebrochener Mann. Die „guten Zeiten“, das waren die, in denen er von montags bis freitags mit dem Fernlastwagen unterwegs war und sich am Wochenende über das Zusammensein mit der Familie zu Hause in dem Städtchen Martinsburg in West Virginia freute. „Wir kamen über die Runden, konnten uns hin und wieder auch etwas leisten.“

Dann kamen die Schmerzen und mit ihnen die Opioide. Er hat sich eine Weile mit diesen Drogen, die ganz legal und auf Rezept und jedes Mal in etwas höherer Dosis ins Haus kamen, über Wasser gehalten. Bis er die meiste Zeit so zugedröhnt war, dass an ein produktives Leben nicht mehr zu denken war. Und er mehr brauchte, als selbst sein großzügiger Arzt ihm geben wollte. Und er auf Heroin umstieg. Und Frau und Sohn ihn verließen, weil sie mit diesem plötzlich so fremden Mann nichts mehr verband. Und die Sucht ihn in die Schulden getrieben hatte.

„Ich hätte mir nie träumen lassen, dass ausgerechnet mir so etwas passiert“, sagt Gruber. Suchtkarrieren dieser Art sind typisch für die neue Drogenwelle in Amerika. Pro Jahr sterben in den USA mehr als 50 000 Menschen an einer Überdosis. Zum Vergleich: In Deutschland kamen im vergangenen Jahr 1300 Menschen nach der Einnahme illegaler Substanzen ums Leben.

Ein ganz normaler Weg? Erst die legalen Drogen – und dann der Absturz ins Junkieleben. Quelle: imago stock&peopleimago stock&people

Gegen die stille Katastrophe stemmt sich auch die Regierung: Donald Trump rief jüngst den „nationalen Gesundheitsnotstand“ aus, um seine Landsleute für eine landesweite Kraftanstrengung zu gewinnen: „Es wird Zeit, unsere Gemeinden von der Sucht zu befreien. Wir können die erste Generation sein, die die Opioid-Epidemie beendet.“ Der Präsident erscheint bei dieser Krise glaubwürdiger als sonst, zumal er freimütig über die Alkoholprobleme seines älteren Bruders erzählt, der vor Jahrzehnten an der Sucht starb.

Der Chef des Weißen Hauses kommt allerdings nicht auf die Besonderheiten der gegenwärtigen Suchtwelle zu sprechen: Das Drama beginnt oftmals dort, wo die Gesundheit des Menschen im Mittelpunkt stehen sollte – im Sprechzimmer der Ärzte. Seit Mitte der Neunzigerjahre steigt die Abgabe verschreibungspflichtiger und hoch dosierter Schmerzmittel rapide an – allem Anschein nach auch, weil sie von der Werbung massiv befeuert wird.

Über den Ausgangspunkt der Opioidkrise sind sich Fachleute nicht ganz einig, aber einiges spricht dafür, dass die Regierungsagentur für Kriegsveteranen den Stein ins Rollen brachte. Es ging vor allem um das Leben der schwer verletzten Vietnam-Heimkehrer. Viele von ihnen fanden nie wieder den Weg zurück ins zivile Leben, in Arbeit und Verantwortung, weil sie chronische Schmerzen litten. Vor 25 Jahren sagte die Agentur dem Schmerz der Veteranen den Kampf an und versuchte, den Versehrten einen leichteren Zugang zu Medikamenten zu verschaffen.

Ein Land ohne Schmerz

Der gut gemeinte Ansatz führte jedoch zu einem Paradigmenwechsel: Schon verlangten unzählige, hoch bezahlte Sportler, die sich eine leichte Verletzung zugezogen hatten und schnell wieder aufs Spielfeld zurückkehren wollten, nach wirksameren Medikamenten. Die Pharmaindustrie ließ sich nicht lumpen und fühlte sich von der steigenden Nachfrage ermuntert.

Als Verkaufsschlager entpuppte sich das Schmerzmittel Oxycodon. Vor allem die Firma Purdue brachte es mit Produkten wie „OxyContin“ zu einem Milliardenumsatz – indem sie die Risiken der Medikamente herunterspielte und die Pharmareferenten in den Arztpraxen mit Nachdruck auf Kundenfang gingen. Das Unternehmen wurde zwischenzeitlich zu einer Rekordstrafe in Höhe von mehr als 500 Millionen Euro verurteilt, doch andere Unternehmen betreiben das Geschäft mit dem Schmerz mindestens genauso aggressiv. Leichtere Schmerzen mal aushalten? Eine Therapie, die vielleicht etwas Zeit in Anspruch nimmt? Sogar verschreibungspflichtige Medikamente werden öffentlich mit Millionenbudgets beworben und dürfen per Post verschickt werden. In den Supermärkten füllen die harmloseren Varianten in Vorratsdosen ganze Regalreihen. Amerikaner kennen keinen Schmerz.

In einem aufsehenerregenden Gerichtsverfahren spricht Mike DeWine von einem unmoralischen Verhalten einiger Pharmafirmen: „Sie wissen, dass es falsch ist, und machen dennoch damit weiter“, sagt der Generalstaatsanwalt des Bundesstaates Ohio. Seiner Einschätzung nach werden die Suchtgefahren durch die Einnahme hoch dosierter Schmerzmittel bewusst außer Acht gelassen.

Der Preis ist hoch und die Fakten sind erschütternd: In den vergangenen 15 Jahren stieg in den USA die Zahl der Süchtigen, die an einer Überdosis starben, um etwa 130 Prozent. In diesem Jahr starben so viele Menschen an einer Überdosis wie noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen. Und: Die meisten dieser Toten waren an einer Überdosis eines verschreibungspflichtigen Medikaments gestorben. 80 Prozent der Heroinabhängigen, die in den vergangenen 20 Jahren süchtig geworden sind, haben mit Opioid-Medikamenten, mit Schmerzmitteln, als Einstiegsdrogen angefangen.

Wenn Heroin günstiger ist

Das Opioid wirkt langsam und kontinuierlich, wenn es geschluckt wird. Wenn man die Tablette dagegen zerkleinert und schnupft, erlebt der Patient einen Kick wie nach einer Heroinspritze. Schnelle Erleichterung – aber auch schnelle Abhängigkeit. Heroin wirkt ähnlich, ist aber auf Dauer deutlich preisgünstiger als die Tabletten.

Jurist DeWine spricht von einem Einstieg in die Abhängigkeit ausgerechnet unter medizinischer Aufsicht. Es räche sich, dass das US-Gesundheitssystem die zügige Verordnung von Medikamenten bevorzuge und nur ungern langwierige Therapien empfehle. Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus sind viele Patienten völlig auf sich allein und eine Dosis Schmerztabletten gestellt. Und für Tausende beginnt der Abstieg.

Noch dramatischer als in Ohio ist die Situation im Nachbarstaat West Virginia: In dem kleinen Bundesstaat, der nur knapp zwei Millionen Einwohner zählt, registrierten die Behörden im vergangenen Jahr mehr als 800 Tote, die an einer Überdosis starben. Keith Humphreys, Gesundheitsexperte an der Stanford-Universität, sieht ein ganzes Bündel von Ursachen für die Drogenepidemie in den verarmten ländlichen Regionen: „Es ist eine Spirale nach unten. Die Menschen verlieren zuerst den Job und dann die Krankenversicherung. Die medizinischen Einrichtungen liegen oft weit voneinander entfernt. Wer in dieser Situation mit hoch dosierten Schmerzmitteln in Kontakt kommt, findet nur noch schwer aus dem Elend heraus.“

Tara Mayson sucht Wege aus ebendiesem Elend. Für andere. Sie hat sich diesen Sonnabend, den einzigen freien Tag in dieser Woche, anders vorgestellt. Aber wenn sich die Klinik meldet und mitteilt, dass ein Platz frei ist, lässt die Mutter von zwei Teenagern alles liegen. Zu kostbar ist dieser Platz. Also setzt Tara Mayson sich in den frühen Morgenstunden ins Auto, holt Jason Gruber ab, fährt sechs Stunden zur Klinik, begleitet Jason in die Aufnahme, trinkt einen kurzen Kaffee und fährt sechs Stunden wieder zurück nach Hause. Sie macht das immer so, nicht nur für Jason: „Je schneller der Entzug beginnt, umso besser.“

Schmerzmittel, Heroin, Fentanyl: Viele US-Amerikaner finden keinen Ausweg mehr aus der Sucht. Quelle: AP

Mayson ist ein „Hope Dealer“. Die 46-Jährige gehört zu einer kleinen Gruppe Ehrenamtlicher aus Grubers Heimatstadt Martinsburg, die für Drogenkranke einen Entzugs- oder Rehabilitationsplatz suchen und die Betroffenen persönlich dort abliefern. „Wir wollen den Menschen Hoffnung geben, die allein keine Hoffnung finden“, sagt sie.

Die Afroamerikanerin ist in dem 20 000-Einwohner-Städtchen geboren und aufgewachsen. Sie wohnt in einer Neubausiedlung wenige Kilometer außerhalb der Stadt, die an Ordnung und Sauberkeit kaum zu überbieten ist. Wie mit dem Lineal sind die Grundstücksgrenzen gezogen, fein säuberlich die Grünflächen gemäht. Hier hat sie ihr eigenes, persönliches Drama erlebt, als ihr Partner nach einer Operation mit hoch dosierten Schmerzmitteln anfing, in kurzer Zeit abhängig wurde und, als der Arzt kein Rezept mehr ausstellen wollte, auf Heroin umstieg. Aus dem Mittelstand ins Nichts, ohne Umweg.

Ganz im Norden von West Virginia liegt Martinsburg. Im Vergleich zu den früheren Kohleabbaugebieten, die eher im Süden des Bundesstaates zu finden sind und zumeist daniederliegen, geht es Tara Maysons Heimatstadt relativ gut. Dank der Nähe zu Washington und Baltimore mangelt es nicht an Arbeitsplätzen. Die große Warenhauskette Macy’s unterhält hier ein Logistikzentrum, der Konzern Procter & Gamble investiert Millionen in ein neues Werk. Beiden Unternehmen fällt es jedoch schwer, die Arbeitsplätze zu besetzen.

Auch das ein typisch amerikanisches Problem. „Zu viele Bewerber scheitern am Drogentest oder am Vorstrafenregister“, sagt Mayson. Sie hilft Ex-Patienten nach dem Entzug bei der Jobsuche. Das Problem: Im Gegensatz zu vielen anderen Industriestaaten bleibt das Vorstrafenregister in Amerika über viele Jahre hinweg für Arbeitgeber einsehbar – und verbaut den Jobsuchenden den Weg zurück in ein geordnetes Leben. Und da schließt sich der Teufelskreis: ohne sauberen Drogentest kein Job, ohne Job keine Perspektive, ohne Perspektive der Rückfall in die Abhängigkeit – und in Beschaffungskriminalität.

Abschied mit einem guten Bild

Lori Swadley hat sich viele dieser Schicksale erzählen lassen. Die 39-Jährige wuchs in der Region auf und kehrte kürzlich nach Martinsburg zurück, um ihren drei Kindern ein ruhiges Umfeld zu bieten: „Es dauerte nur wenige Wochen, bis ich von dem Drogentod eines früheren Bekannten erfuhr“, sagt Swadley. Als sie kurz darauf in der örtlichen Zeitung über die Drogenepidemie in ihrer Umgebung las, erkundigte sie sich etwas genauer über ihren früheren Freundeskreis: „13 meiner Schulfreunde liegen bereits unter der Erde. Alle sind den Drogen zum Opfer gefallen.“

Mit ihrem Ehemann baut Swadley ein Fotografengeschäft auf, produzierte mehrere preisgekrönte Porträts und Serien von Hochzeiten und Schulabschlussfeiern. Doch manchmal setzt sie auch Süchtige ins Bild. Das überall lauernde Thema Amerikas.

Anfangs ging sie in eine Suchtklinik und fragte Patienten um Erlaubnis, sie fotografieren zu dürfen. Mittlerweile muss sie sich diese Mühe nicht mehr machen: „Die Süchtigen stehen unvermittelt vor meiner Tür, klingeln und wünschen sich eine gute Aufnahme. Manchmal erscheint es mir, als ob sie sich mit einem guten Bild verabschieden wollten.“

Von Stefan Koch / RND

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Die Kritik an den Regierungen fiel hart aus: Sie hätten zu wenig getan, um Steuervermeidung und Geldwäsche zu stoppen. Scharf attackierten die Abgeordneten des Europäischen Parlamentes die EU-Mitgliedstaaten. Nun liegen 211 Reformvorschläge auf dem Tisch.

12.12.2017

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron lud zum Klimagipfel, um konkrete Projekte im Kampf gegen den Klimawandel zu diskutieren. Tausende hochrangige Persönlichkeiten kamen – von Jean-Claude Juncker über Leonardo di Caprio bis Bill Gates.

12.12.2017

Nachdem der Bundesgerichtshof den Haftbefehl gegen Franco A. Ende November aufgehoben hatte, erhebt nun die Bundesanwaltschaft Anklage gegen den Bundeswehr-Oberleutnant. Der 28-Jährige soll gegen das Kriegswaffengesetzt verstoßen und einen rechtsextremen Terroranschlag vorbereitet haben.

12.12.2017
Anzeige