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06:37 16.11.2017
Arbeitgeber-Präsident Ingo Kramer: Jamaika muss Deutschland zukunftsfest machen. Quelle: dpa
Berlin

Die Wirtschaft glaubt an die Jamaika-Koalition – und fordert von der künftigen Regierung, Deutschland zukunftsfest für das nächste Jahrzehnt zu machen. Im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) plädiert Ingo Kramer, Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), für mehr Zuwanderung sowie mehr Flexibilität bei Arbeitszeiten und Renteneintrittsalter.

Fast vier Wochen haben Union, FDP und Grüne nun verhandelt. Jetzt kommt die „Nacht der Entscheidung“. Wie viel Schrecken löst der Gedanke an Neuwahlen bei Ihnen aus?

Ich glaube nicht daran, dass Jamaika scheitert. Die Verhandlungsführer haben von Anfang an ergebnisorientiert verhandelt – unabhängig von der öffentlichen Begleitmusik. Ich wüsste nicht, was die Alternative zu dieser Koalition sein sollte. Man kann die Bürger nicht solange wählen lassen, bis das Ergebnis allen Beteiligten passt.

Trauen Sie Jamaika eine Agenda 2030 zu?

Bei der Agenda 2010 ging es darum, das Ruder in schwierigen Zeiten herumzureißen. Heute sind wir nicht mehr der kranke Mann Europas. Deutschland ist wirtschaftlich in einer hervorragenden Situation. Jetzt gilt es, dafür zu sorgen, dass das auch im nächsten Jahrzehnt so bleibt. Ich weiß, es ist in der Politik schwer, über Legislaturperioden hinweg zu denken. Aber das ist die große Aufgabe.

Soziale Wohltaten bringen nur „kurzfristigen Applaus“

Was gehört dazu?

Wir brauchen jetzt Antworten auf die demografische Entwicklung und kluge Konzepte für Digitalisierung und Bildung. Ich bin dafür, das Kooperationsverbot zu überwinden. Der Bund muss Investitionen in Schulen stärker fördern können und eine Ganztagsbetreuung sicherstellen, damit Mütter auf Wunsch einer Vollzeitbeschäftigung nachgehen können. Es ist gut, dass Union, FDP und Grüne in einem ersten Schritt den Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in der Grundschule schaffen wollen.

Deutschland erlebt einen Aufschwung wie lange nicht. Was kann Jamaika da eigentlich verkehrt machen?

Da gibt es jede Menge. Der größte Fehler wäre, die zur Verfügung stehenden Mittel einseitig einzusetzen und vor allem für soziale Wohltaten zu verwenden. Das bringt kurzfristig Applaus, würde uns in wirtschaftlich schlechteren Zeiten erheblich belasten. Ich halte nichts davon, die Mütterrente weiter auszuweiten. Das würde uns alle sieben Milliarden Euro pro Jahr kosten. Mich befremdet, wie sehr sich die CSU in dieses Thema verbissen hat. Jamaika muss dafür sorgen, dass die Lohnzusatzkosten weiter unter der 40-Prozent-Marke bleiben. Sonst werden wir im internationalen Wettbewerb zurückfallen.

Sie fordern flexiblere Arbeitszeiten. Ist der Acht-Stunden-Tag ein Auslaufmodell?

Es wird immer alles verkürzt auf den Acht-Stunden-Tag. Wir wollen, dass es bei der 40-Stunden-Woche bleibt. Die Arbeitszeit muss aber anders verteilt werden können. Unser Recht schreibt elf Stunden ununterbrochener Ruhezeit zwischen zwei Arbeitstagen vor. Das stammt aus der Zeit industrieller Fabrikarbeit. In Zeiten digitalisierter und globalisierter Arbeitsprozesse, die auch im Home Office stattfinden, ist unsere gegenwärtige Regelung ein Anachronismus. Wir müssen uns veränderten Bedingungen anpassen, sonst werden wir in der Digitalisierung die Verlierer sein.

Langes Arbeiten muss attraktiver werden

Braucht der deutsche Arbeitsmarkt mehr Zuwanderer?

Nach 2030 wird es in Deutschland sechs Millionen weniger Menschen im erwerbsfähigen Alter geben. Ohne mehr Zuwanderer werden wir dramatische Wohlstandsverluste in Kauf nehmen müssen und die kleiner werdende jüngere Generation wird die Soziallasten nicht erwirtschaften können. Deshalb plädiere ich für ein Einwanderungsgesetz, das für gesteuerte Zuwanderung sorgt. Dabei geht es übrigens nicht allein um das Anwerben fertig Qualifizierter. Wir brauchen auch Einwanderer, die das Zeug für eine Facharbeiterausbildung hier in Deutschland haben, wenn wir auch nach 2030 noch 45 Millionen Erwerbstätige haben wollen.

Thema Rente: Wird diese Koalition die Deutschen auf eine längere Lebensarbeitszeit einstimmen müssen, wenn es nach den Arbeitgebern geht?

Im Moment stellt sich die Frage nicht. Erst 2031 wird die Rente mit 67 vollständig umgesetzt sein. Das sollten wir abwarten. Aber es geht darum, längeres Arbeiten attraktiver und den Renteneintritt flexibler zu machen. Da sollten gezielt Anreize gesetzt werden – zum Beispiel, indem ein späterer Rentenbeginn anders als heute nicht mehr dazu führt, dass dadurch ein höherer Teil der Rente besteuert wird.

Die Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie startet. Wie viel Verständnis haben Sie für die Forderung der IG Metall nach Arbeitszeitreduzierung für Schichtarbeiter und Eltern mit kleinen Kindern?

Die Vorstellungen der IG Metall sind völlig weltfremd. Die Metall- und Elektroindustrie leidet schon heute unter Fachkräftemangel. Wenn es jetzt zu Arbeitszeitverkürzungen kommt, wird es dieser wichtigen Branche in Zukunft nicht mehr so gut gehen wie heute. Die Funktionäre der IG Metall übersehen, dass es mit der 28-Stunde-Woche schwer wäre, Kundenwünsche mit Blick auf Preis, Qualität und Liefertermine zuverlässig zu erfüllen. Es geht in dieser Branche schließlich nicht allein um Großkonzerne mit 10.000 Beschäftigten, sondern auch um den 80-Mann-Betrieb. Der kommt mit weiterer Arbeitszeitreduzierung in schwieriges Fahrwasser.

Von Rasmus Buchsteiner / RND

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