Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Politik Berlin – ein Tag danach
Nachrichten Politik Berlin – ein Tag danach
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:00 20.12.2016
Am Absperrgitter an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche legende Trauernde Blumen nieder. Quelle: dpa
Anzeige
Berlin

Der Tatort am Morgen danach: Die Polizei hat das Areal vor der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche weiträumig mit gelbbraunen Sichtschutzplanen abgesperrt. Die Zufahrt zu dem Platz mit den zerstörten Weihnachtsbuden ist ebenfalls blockiert. Nur kurz räumen Beamte die Schranken zur Seite, damit die Tatwaffe, der Sattelschlepper, abtransportiert werden kann. Erst das Fahrerhaus, aus dessen zersplitterter Windschutzscheibe noch die Reste einer Plastiktanne und Weihnachtsschmuck herausragen. Anschließend der lange Anhänger.

Kurz vor Weihnachten raste Anis Amri 2016 mit einem Lastwagen auf den Berliner Weihnachtmarkt an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Zwölf Menschen kamen dabei ums Leben. Die Bilder vom Breitscheidplatz nach dem Anschlag.

Trauer braucht einen Ort. An einer Stelle, an der die Sichtschutzwand einen Knick macht, legen die Ersten Blumen im Gedenken an die Opfer des LKW-Anschlags vom Vorabend nieder. Ronny, ein kräftiger Berliner mit großen Ohrringen, hat rosafarbene Margeriten mitgebracht. „Aus Mitgefühl“, sagt der Mann, steckt die Hände tief in die Taschen und bläst Atemwölkchen in die kalte Luft. „Keiner meiner Freunde ist unter den Opfern. Aber es kann uns doch alle treffen. Deswegen bin ich hier“, sagt er.

Blumen, Kerzen und Abschiedsbriefe

Er wird unterbrochen vom rauen Gesang eines Mannes, Bierflasche in der einen, Plastiktüte in der anderen Hand. Er stimmt über den Blumen, den Kerzen und den ersten Abschiedsbriefen ein albanisches Klagelied an. Später erläutert er, es handle von einer Mutter, die ihre Tochter verloren hat.

Doch die meisten Menschen, die sich an diesem Dienstagvormittag am Aufgang zum Bikini-Haus gegenüber der Gedächtniskirche versammelt haben, sind Reporter. Man hört Spanisch, Polnisch, Englisch – das Interesse der internationalen Presse an dem LKW-Anschlag in Berlin ist groß. Bilder von der Ruine der Gedächtniskirche, dem Berliner Mahnmal gegen Krieg und Zerstörung, gehen um die Welt.

„Das ist Terror, was denn sonst?“

Plötzlich knallt es, man schreckt kurz auf. Ein Mannschaftswagen der Polizei ist über einen aufgeblähten, blauen Plastikhandschuh der Spurensicherung gerollt. Entwarnung.

Eine junge Frau nähert sich dem Blumenhügel, sie legt einen schmalen Strauß Tulpen nieder. Maria heißt sie, sie hat gestern Abend noch in ihrem Büro gegenüber der Kirche gearbeitet, als eine Kollegin entsetzt zu ihr stürmte und berichtete, was sie soeben unten auf dem Markt beobachtet hatte. „Ich bin so erleichtert, dass meinen Mitarbeitern oben im Büro und unten in unserem Bekleidungsgeschäft nichts passiert ist“, sagt Maria. Für heute hat sie ihren Angestellten freigestellt, ob sie zur Arbeit kommen oder nicht.

Derweil nähert sich eine ältere Frau dem Tatort, elegant gekleidet mit Hut und langem Mantel. Sie ist zornig. Sie hat eine Botschaft für die Journalisten: „Ihr immer mit eurem mutmaßlich, mutmaßlich, mutmaßlich. Das ist Terror, was denn sonst?“ Sie will jetzt zum Bahnhof, raus aus Berlin. „Es ist doch nicht mehr auszuhalten hier“, ruft sie. Mit ihrem Rollkoffer eilt die ältere Dame durch einen Strom von Berlinern hindurch, die mit Blumen und Kerzen in der Hand zum Tatort kommen.

Von RND/Marina Kormbaki

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

„Berlin – so bitter es klingt – war überfällig“: André Schulz, Chef des Bundes Deutscher Kriminalbeamte fürchtet, Deutschland müsse sich an Terror gewöhnen. Viele Jahre sei die Gefahr nicht erkannt worden. Er fordert bessere Kontrollen von Flüchtlingen.

20.12.2016

Die Trauer steht ihr ins Gesicht geschrieben: Bundeskanzlerin Angela Merkel hat mit großer Bestürzung auf den Terrorangriff in Berlin reagiert. Sie kündigt eine lückenlose Aufklärung und harte Strafen an.

20.12.2016
Politik Kommentar zu Berliner Anschlag - Unheil im Advent

Weihnachten 2016 wird nun anders sein als die Weihnachtsfeste zuvor. Selbstverständlichkeiten werden jetzt zum Sicherheitsthema, uralte Traditionen werfen jetzt neue Fragen auf. Ein Kommentar.

20.12.2016
Anzeige