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Nachrichten Politik Berliner Piraten-Politiker tot in Wohnung aufgefunden
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19:22 19.09.2016
Der Piraten-Politiker Gerwald Claus-Brunner ist tot aufgefunden worden. Quelle: dpa
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Berlin

Es war ein Tod mit Ankündigung. In seiner Abschiedsrede im Berliner Abgeordnetenhaus sagte der Piratenpolitiker Gerwald Claus-Brunner im Juni: „Und ihr werdet auch in der laufenden Legislatur für mich am Anfang irgendeiner Plenarsitzung mal aufstehen dürfen und eine Minute stillschweigen.“ Dann fügte er hinzu: „Vielen Dank, das war's.“ Am Montagnachmittag wurde der 44-Jährige tot in einer Wohnung in Berlin-Steglitz gefunden. Neben ihm lag ein weiterer Toter.

Die Piratenpartei schrieb in einer Mitteilung, Claus-Brunner habe sich wohl selbst getötet. Man habe gewusst, dass er unheilbar krank gewesen sei. Die Polizei habe der Partei mitgeteilt, es liege weder ein Unfall noch Fremdverschulden vor. „Genauere Umstände sind uns nicht bekannt.“ Auch zu dem zweiten Toten äußerte sich die Polizei nicht weiter.

Polizisten vor der Wohnung in Lichterfeld, in der Gerwald Claus-Brunner aufgefunden wurde. Quelle: dpa

Am Montagabend standen Polizisten vor dem Mietshaus im südlichen Berliner Stadtteil Lichterfeld. Die Straße gehört zu einer ruhigen Wohngegend mit breiten Straßen und großen Bäumen. Vor dem Haus hängt ein Piraten-Wahlplakat mit Claus-Brunners Gesicht für die Abgeordnetenhauswahl am vergangenen Sonntag, bei der die Piraten nach fünf Jahren aus dem Parlament flogen. In die Wohnung im zweiten Stock gingen Mitglieder der Spurensicherung der Polizei in weißen Schutzanzügen.

Markenzeichen: Palästinensertuch und Latzhose

Claus-Brunner war eine auffällige Erscheinung. Er gehörte zur Berliner Piratenfraktion, die 2011 überraschend mit 8,9 Prozent und 15 Abgeordneten als erste in einen deutschen Landtag einzog. Er war sehr groß, trug grundsätzlich immer eine Latzhose, mal in blau, mal in orange, und dazu ein Kopftuch.

Um das Kopftuch gab es im Abgeordnetenhaus anfangs einigen politischen Aufruhr, weil Brunner auch Palästinensertücher um seinen Kopf wickelte. Die ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, forderte ihn damals auf, das Palästinensertuch abzulegen, weil es für Nationalismus, bewaffneten Kampf und Anti-Zionismus stehe. Claus-Brunner wies den Vorwurf des Antisemitismus zurück und trug daraufhin zu seinem Kopftuch einen Davidsstern.

Latzhose und Palästinensertuch: So wurde Gerwald Claus-Brunner bundesweit bekannt. Quelle: dpa

Der Präsident des Abgeordnetenhauses, Ralf Wieland (SPD), akzeptierte die Kopftracht zähneknirschend und meinte: „Mir gefällt es nicht, ich sehe aber keine Möglichkeit, es ihm wegzunehmen.“

Claus-Brunner setzte sich dafür ein, Geschlechtergrenzen nicht mehr als solche zu definieren. Die Anrede ans Parlament in seiner letzten Rede im Juni lautete: „Sehr geehrte Senatoren beliebigen Geschlechts, sehr geehrte Kollegen beliebigen Geschlechts, sehr geehrte Gäste beliebigen Geschlechts.“ Sich selbst sah er als bisexuell an, „zu 95 Prozent schwul und zu 5 Prozent hetero“.

"Faxe, wir werden dich vermissen“

Vor seiner Zeit als Pirat war Claus-Brunner Zeitsoldat, Kommunikationselektroniker, Mechatroniker und Reisender. Die Piraten schrieben: „Seine Arbeit im Abgeordnetenhaus hat ihm einen neuen Weg in seinem Leben aufgezeigt.“ Besonders in den ersten Jahren der Piraten saß er auch in einigen Fernseh-Talkshows und wirkte mit der ungewöhnlichen Kleidung ein wenig aus dem Rahmen gefallen, aber durchaus eloquent.

Mit einer gewissen Sturheit eckte Claus-Brunner häufig auch in der eigenen Fraktion an. Die Piraten zerstritten und beschimpften sich, viele Berliner Abgeordnete traten aus, manche strebten Karrieren in anderen Parteien an. Claus-Brunner klagte nach einigen internen Querelen, er sei moralisch und seelisch am Ende. Später sagte er: „Ich halte durch, weil ich sicher bin, dass ein großer Teil der Basis hinter mir steht.“

In seiner letzten Parlamentsrede sagte er, man wolle ihn „ruhig stellen und klein halten“. Es gab Zwischenrufe aus den eigenen Reihen, Claus-Brunner erwiderte: „Sei still Alex, ich finde das nicht in Ordnung von Dir. Gerade Du.“ Der Piraten-Abgeordnete Heiko Herberg twitterte am Montag: „Ich hab Gerwald nicht gemocht, er mich nicht. Darin waren wir uns einig. Aber das heute ist scheiße :( …“

Die Partei schrieb: „Faxe, wie wir ihn alle nannten, war nie unumstritten, Faxe war nie einfach und er hatte es auch nie leicht. Jeder von uns kann eine Geschichte über ihn erzählen.“ Am Ende hieß es: „Lebwohl, Faxe! Wir werden dich vermissen.“

RND/LVZ

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