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Politik „Daddy Cool“ und der „Herrscher“: Das sind die Kandidaten
Nachrichten Politik „Daddy Cool“ und der „Herrscher“: Das sind die Kandidaten
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07:00 27.10.2018
Wahlplakate zur Landtagswahl in Hessen. Quelle: imago/Revierfoto
Wiesbaden

Kurz vor der Landtagswahl in Hessen zeichnen sich ein spannendes Rennen ab. Letzten Umfragen des Online-Meinungsforschungsinstituts Civey für den „Spiegel“ und die „Hessische Niedersächsische Allgemeine“ (HNA) zufolge könnten die Christdemokraten mit 27 Prozent Zustimmung trotz starker Verluste stärkste Kraft in Hessen bleiben. Die SPD kommt auf 22 Prozent und die Grünen auf 18,5 Prozent. Viertstärkste Kraft würde nach der Umfrage die AfD mit 13 Prozent. Die Linke folgt mit 8 Prozent. Die FDP erreicht 7,5 Prozent.

Sollten die Wähler am Sonntag so abstimmen, würde es für eine Neuauflage der schwarz-grünen Koalition nicht reichen. Für eine große Koalition würde es knapp. Wahrscheinlicher wäre ein Dreierbündnis. Bei einer Jamaika-Koalition aus CDU, Grünen und FDP könnten Volker Bouffier (CDU) Ministerpräsident bleiben. Für die SPD mit Thorsten Schäfer-Gümbel an der Spitze bliebe ein Ampel-Bündnis mit den Grünen und der FDP oder Rot-Rot-Grün mit der Linken in Reichweite. Denkbar wäre auch eine Deutschland-Koalition aus CDU, SPD und FDP. Am Ende wird es womöglich auch darauf ankommen, welche Spitzenkandidaten mit wem gut auskommen. Wer steht eigentlich zur Wahl? Ein Überblick:

Der „Daddy Cool“ der CDU

CDU: Volker Bouffier, Ministerpräsident. Quelle: Getty Images

Volker Bouffier(66), Jurist, muss nichts mehr werden. Seine Freunde sagen: Gerade das lässt ihn stark wirken in diesen Tagen. Die Junge Union feiert ihn als „Daddy Cool“. Zwei Dinge beruhigen Bouffier: Erstens war er nun schon acht Jahre Ministerpräsident in Hessen, und dass dies schlechte Jahre für Land und Leute waren, behauptet eigentlich niemand. Zweitens kann er jederzeit die elegante Option nutzen, zurückzukehren in seine von zwei Partnern weiterbetriebene kleine, aber feine Rechtsanwaltskanzlei in der Nähe des Gießener Universitätsklinikums. Dort übrigens bahnte „Buffi“ die Ehe mit seiner Frau Ursula an – die Radiologieassistentin hatte sich vor 28 Jahren an ihn als Scheidungsanwalt gewandt, um sich von ihrem ersten Mann scheiden zu lassen. Es gibt bei Bouffier noch einen dritten Grund für eine im Verhältnis zu anderen Politikern deutlich größere Gelassenheit: Im Alter von 22 Jahren wurde er Opfer eines Autounfalls; monatelang musste er, schwer verletzt an Beinen und Wirbeln, in der Klinik verbringen, erst nach zwei Jahren konnte er wieder gehen. Wer so etwas hinter sich habe, sagt Bouffier, für den relativiere sich das Gewicht von Problemen aller Art.

Der „Herrscher“ der Grünen

Grünen: Tarek Al-Wazir. Quelle: Getty Images

Tarek Al-Wazir (47), Diplom-Politologe, ist heute Hessens beliebtester Politiker. Geboren wurde der Grünen-Politiker in Offenbach. Seine Mutter, Lehrerin, ist Deutsche, sein Vater, Diplomat, stammt aus dem Jemen, die Eltern trennten sich drei Jahre nach der Geburt. Seine Mutter nahm ihn als kleiner Junge mit zu Demonstrationen gegen die Startbahn West in Frankfurt. Als Al-Wazir als Landtagsabgeordneter im Jahr 2000 eine seiner ersten Reden hielt, rief der CDU-Abgeordnete Clemens Reif: „Geh zurück nach Sanaa.“ Dort, in der Heimatstadt seines Vaters, hatte Al-Wazir zwei Jahre seiner Schulzeit verbracht und seine Frau kennengelernt, mit der er zwei Kinder hat. Inzwischen entpuppt sich Al-Wazir als ein Machtzentrum eigener Art. Wenn sich die Möglichkeit böte, würde er wohl nach dem Amt des Regierungschefs greifen. Die Al-Wazirs, raunen einige in Wiesbaden, seien im Jemen lange Zeit „eine Herrscherfamilie“ gewesen. Tatsächlich ist „al Wazir“ Arabisch für „der Minister“.

Der „ehrliche Makler“ der SPD

SPD: Thorsten Schaefer-Guembel. Quelle: imago/Eibner

Über Thorsten Schäfer-Gümbel (49) , geborener Schäfer, ist schon viel gespottet worden in Hessen: erst der schrullige Doppelname, dann noch die dicke Brille. Doch inzwischen ist quer durch die politische Szenerie der Respekt gewachsen für den unermüdlichen Sozialdemokraten, der es nach zwei erfolglosen Anläufen als Spitzenkandidat in den Jahren 2009 und 2013 nun zum dritten Mal wissen will. Viele, die ihn näher kennenlernen, schätzen ihn und verweisen nicht zuletzt auf seinen Charakter. Jüngst nahmen er und seine Frau einen minderjährigen Flüchtling in die bereits fünfköpfige Familie auf. „TSG“ hat sich hochgearbeitet, er war der erste Hochschulabsolvent in seiner Familie . Sein Vater war Lkw-Fahrer, seine Mutter Putzfrau. Im Alter von 20 bedrohte eine Netzhautablösung seine Sehkraft, die Ärzte reagierten mit Notoperationen – und Spezialbrillen. Schäfer-Gümbels politische Karriere begann bei den hessischen Jusos – bei denen er sich aber zu keiner Strömung bekannte, sondern als linker Pragmatiker einsortiert wurde. In seiner hessischen SPD führte „TSG“ zusammen, was andere gespalten hatten. Das Auftreten als „ehrlicher Makler“ half ihm auch 2017 bei der Erarbeitung von Steuerkonzepten für die Bundespartei: Einerseits mutete er den Reichen höhere Lasten zu. Andererseits vermied er eine Wiedereinführung der Vermögensteuer – was seinem Konzept einen pragmatischen Anstrich und auch Anerkennung außerhalb der SPD verschaffte.

Die lächelnde Luxus-Linke

Linke: Janine Wissler. Quelle: imago/Pacific Press Agency

Janine Wissler(37) von der Linkspartei, oft im roten Jackett unterwegs, zeigt sich lächelnd – und inhaltlich knallhart. Die Politologin sammelt Punkte etwa bei Mitgliedern von Attac und von Verdi, denen Hessens SPD nicht mehr links genug ist – und die auf Rot-Rot-Grün hoffen. Wissler wirkt übers eigene Milieu hinaus. Seelenruhig konfrontierte sie jüngst Unternehmerinnen mit ihrer langen Liste von Forderungen: Schluss mit Befristungen, höherer Mindestlohn, kürzere Arbeitszeit – am Ende bedankten sich die Managerinnen für Wisslers „Offenheit“. Luxus und Linkssein schließen sich in Wisslers Welt nicht aus. Sie selbst gehe auch „nicht zum Elf-Euro-Friseur“, sagt sie.

Ernster Grünen-Gegner

FDP: Rene Rock. Quelle: imago/Emmanuele Contini

Rene Rock(50), einst Mitherausgeber eines Anzeigenblatts im Landkreis Offenbach, hat seine Lieblingsgegner fest im Blick: die Grünen. Fast jeden Tag arbeitet sich der FDP-Spitzenkandidat mit großem Ernst an der Konkurrenz ab, zuletzt im Kampf gegen Fahrverbote für ältere Dieselfahrzeuge: Ministerpräsident Bouffier müsse endlich mal seiner grünen Umweltministerin Priska Hinz „das Thema Diesel abnehmen“. Mit Al-Wazir verbindet Rock ein auch ins Persönliche gehendes Spannungsverhältnis. Als Ministerpräsidenten, etwa einer grün-rot-gelben Ampel, will Rock Al-Wazir nicht unterstützen. Ein Jamaika-Bündnis mit den Grünen würde Rock aber mitmachen.

Isolierter Snoopy-Fan

AfD: Rainer Rahn. Quelle: dpa

AfD-Spitzenkandidat Rainer Rahn (66), Zahnarzt in Frankfurt, trägt gern Krawatten mit Comicfiguren wie Snoopy – und ist ein schwer berechenbarer Rebell von rechts. Rahn stammt aus Karlsruhe, ist aber fest in Hessen verwurzelt. Jahrelang war das Nein zum Flughafenausbau sein Hauptthema. Früher war er bei der FDP. Damals wie heute gehen ihm viele seiner eigenen Parteifreunde auf die Nerven. Noch schlimmer findet er Journalisten. Ein fürs Fernsehen verabredetes „Blind Date“, bei dem er auf Flüchtlinge hätte treffen sollen, ließ er jüngst platzen und verkündete vor bereits laufenden Kameras, schon die Idee sei „scheiße“. Rahn gilt als Einzelgänger und wird auch nach der Wahl einsam bleiben. Niemand will mit ihm koalieren.

Von Matthias Koch

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