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Politik Darum entschied sich Amerika für Trump
Nachrichten Politik Darum entschied sich Amerika für Trump
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18:37 09.11.2016
Der Republikaner Trump profitierte von den Stimmen der Menschen in den „Flyover Countries“. Quelle: imago
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Washington

Von einem bizarren Auftritt war die Rede, damals am 16. Juni vergangenen Jahres. So mancher Beobachter mokierte sich über den Geschäftsmann aus New York, der wie aus dem Nichts das höchste Staatsamt übernehmen will. Doch viele Menschen außerhalb von Manhattan horchten bei einem Satz auf: Donald Trump will die illegale Zuwanderung bekämpfen und den Industriearbeitern Amerikas wieder Hoffnung geben.

Vom Außenseiter zum Präsidenten

Der Milliardär mag in der Politik als Außenseiter gelten. Ein Neuling auf der großen Bühne ist Trump auch zu Beginn des Wahlkampfes keineswegs: Seit Jahren ist der Mann mit der seltsam-markanten Frisur in den Medien präsent, veranstaltet Fernsehshows, Schönheitswettbewerbe und äußert sich wie zufällig regelmäßig zu politischen Themen.

„Amerika muss sich wieder um sich selbst kümmern“, ist ein Satz, den seine Landsleute von ihm schon seit Jahren kennen. Bereits in den achtziger Jahren, als er von manchen als „zweiter Robert Redford“ bezeichnet und wegen seines Reichtums angehimmelt wurde, besitzt Trump eine kleine Fangemeinde. Und immer mal wieder macht das Gerücht die Runde, der Really-TV-Star könnte tatsächlich in die Politik einsteigen. Als er 2014 von befreundeten Republikanern in New York gefragt wird, ob er vielleicht Interesse an der Bewerbung für einen Senatssitz habe, lehnt er mit der Begründung ab: „Vielen Dank Leute, aber ich mache das große Ding.“ Seinen Slogan „Make America Great Again“ hatte er sich unmittelbar nach Barack Obamas Wahlsieg 2012 patentieren lassen.

Trump ahnt die Stimmung im Land wie kein anderer

Obwohl Trump in einem Luxusappartement seines eigenen Wolkenkratzers wohnt, ahnt er besser die Stimmung im Land als viele professionelle Beobachter. Nobelpreisträger Paul Krugman schrieb am Mittwoch in der „New York Times“ von „unserem unbekannten Land“. Erschüttert stellt der Wirtschaftswissenschaftler fest, allzu sehr auf das eigene soziale Umfeld und die urbane Atmosphäre gesetzt zu haben.

Eine Selbstanklage, die am Tag nach der Wahl von vielen New Yorkern und Washingtonians zu hören ist. Nur ungern erinnern sie sich jetzt daran, wie sie das Herzland der Trump-Anhänger gern bezeichnen: „Flyover Country“. Staaten im Mittleren Westen, die weniger von Touristen besucht werden und über denen die Flugzeuge von Küste zu Küste fliegen. Diese ländlichen Gebiete, die zwischen den Metropolen liegen, gelten eher als lästig. West Virginia zum Beispiel oder Nebraska. Die Menschen in diesen Regionen fühlen sich seit Jahren verspottet und vergessen. Jetzt kommt die Quittung.

Während in den Metropolen über die Einrichtung von Extra-Toiletten für Transgender an öffentlichen Schulen diskutiert wird und es als Tabu gilt, sich abfällig über Frauen, Afroamerikaner oder Hispanics zu äußern, haben viele Intellektuelle keine Scheu, von einem „Hillbilly“ (Hinterwälder) zu sprechen, wenn jemand eine Basketballkappe trägt und einen Pickup-Lastwagen fährt. Die Veralberung der Provinzler mag spaßig klingen, ging aber einher mit mangelnden Antworten auf die Frage, wie sich die Lage der früheren Industriearbeiter verbessern lässt, die vor zehn oder zwanzig Jahren in Stahlwerken hohe Löhne erhielten und heute als „Burger Flipper“ mit Mindestlohn in Fast-Food-Restaurants ihr Auskommen suchen.

Historiker: Trump bedient unterschwelligen Rassismus

Trump spielt allerdings auch auf einer anderen, düsteren Klaviatur: Seine Hasstiraden gegen illegale Zuwanderer transportieren zwischen den Zeilen Vorbehalte gegen alle Menschen, die nicht zum vermeintlich guten alten Amerika gehören. „Es geht nicht allein um Globalisierungsopfer, die Trump anspricht“, sagt der Niall Ferguson. Nach Meinung des renommierten Historikers bedient dieser Politiker auch den unterschwelligen Rassismus im Land.

Aus Sicht der Weißen jenseits der Metropolen stellt sich die Geschichte der USA eben nicht als eine permanente Einwanderung dar: Zwischen den zwanziger und fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts kam der breite Zustrom faktisch zum Erliegen. Und bis Ende der sechziger Jahre wurden quasi nur Europäer ins Land gelassen. Die „Nation der Nationen“, wie sich Amerika heute gerne nennt, mag in den Metropolen entlang der Ost- und Westküste Realität geworden sein – nicht aber im „Flyover Country“. Landkreise wie Hampshire County in West Virginia sind mit einer fast 100 prozentig weißen Bevölkerung in vielen Bundesstaaten noch immer eher die Regel als die Ausnahme. Die Zuwanderung findet wesentlich stärker in den Metropolen mit ihren chancenreichen Arbeitsmärkten statt.

Eine Situation, die frühzeitig von Trump und seinen Beratern Corey Lewandowski und Conway Kellyanne erkannt wurde.

Statistisch gesehen standen sie zwar auf einem ziemlich aussichtslosen Posten, da die nicht-weiße Bevölkerung bereits einen Anteil von mehr als 30 Prozent besitzt. Doch das Trump-Team setzte auf den Mobilisierungsfaktor - und überrascht mit seinem Coup Amerika und die gesamte Welt.

Das „Flyover Country“ entschied offenbar die US-Wahl. Damit sind die Staaten im Mittleren Westen gemeint, die weniger von Touristen besucht werden und über denen die Flugzeuge von Küste zu Küste fliegen. Quelle: RND

Von RND/Stefan Koch

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