Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Politik Das Verfassungsgericht will mehr Gerechtigkeit
Nachrichten Politik Das Verfassungsgericht will mehr Gerechtigkeit
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:52 19.12.2017
60 000 Bewerber im Jahr, 10 000 Plätze: Medizinstudenten in Halle. Quelle: Foto: dpa
Karlsruhe

Siebeneinhalb Jahre warten, das muss doch wohl reichen, dachte Fabian Schertlin im vergangenen Frühjahr. Ganz sicher war er sich, dass er nun endlich den ersehnten Studienplatz in Medizin bekommen würde. So sicher, dass er schon mal zu seinem Chef ging, kündigte und seine Freunde zu einer großen Party einlud. Einer Endlich-Studieren-Party. Dass siebeneinhalb Jahre Warten nicht reichen könnten, das konnte sich der junge Mann aus Geislingen in Baden-Württemberg nicht vorstellen. „Im Nachhinein“, sagt er heute, „war das natürlich ein bisschen naiv.“

Als der Brief dann kam, stand da tatsächlich: abgelehnt. Fabian war noch ins Losverfahren gekommen. Da hatte er den Platz dann um fünf Ränge verpasst. „Es ist eigentlich egal, ob man den Platz dann um 30 oder um 5 Ränge versäumt“, sagt er. „Aber das machte es noch absurder.“ Die Party hat er dann trotzdem gefeiert. Aus Trotz.

Inzwischen, seit Oktober, nach 16 Semestern Wartezeit, studiert der mittlerweile 27-jährige Fabian Schertlin nun tatsächlich an der Universität Mannheim Humanmedizin. In den acht Jahren des Wartens hat er eine Ausbildung zum Rettungsassistenten gemacht und sechs Jahre in diesem Beruf gearbeitet. Er hat unzählige Unfallopfer versorgt und Schwerkranke betreut. „Aber dieses lange Warten war natürlich auch verrückt.“ Findet Fabian. Und findet nun auch das Bundesverfassungsgericht.

Fabian Schertlin musste acht Jahre warten bis er sein Medizinstudium beginnen konnte. Quelle: RND

Deutschlands oberste Richter haben am Dienstag ihr lange erwartetes Urteil zum Numerus clausus im Fach Medizin gefällt. Und es sind Erfahrungen wie die des nicht mehr ganz jungen Fabian Schertlin, die die Richter des Ersten Senats zu einer ihrer zentralen Aussagen brachten: Künftig muss es eine Obergrenze von vier Jahren für die Wartezeit auf einen Medizinstudienplatz geben. Die Richter halten zumindest Teile des derzeitigen Vergabesystems für die 10 000 äußerst begehrten Studienplätze in Deutschland für verfassungswidrig. Das Urteil hält durchaus die eine oder andere Klatsche für die deutsche Bildungspolitik bereit: Dass Bewerber aus dem einen Bundesland schlechtere Chancen auf einen Medizinplatz haben als die aus einem anderen, weil die Abiturnoten etwa in Thüringen viel großzügiger verteilt werden als zum Beispiel in Niedersachsen, das verstößt laut Bundesverfassungsgericht nicht nur gegen das Gerechtigkeitsgefühl, sondern auch gegen das Grundgesetz.

Die Richter bemängeln das Vergabeverfahren

Ähnlich verhält es sich mit den Verfahren, die die Hochschulen einsetzen, um jene 60 Prozent der Plätze zu verteilen, über die die Universitäten selbst bestimmen dürfen. Dass es hier einen Wildwuchs von Boni für Freiwilliges Soziales Jahr, Berufsausbildungen oder auch nur die Teilnahme an der Mathe-Olympiade gibt – auch das halten die Verfassungsrichter für unzulässig. Die Richter haben das System aber nicht komplett umgeworfen. Sie haben vor allem akzeptiert, dass 20 Prozent der Plätze weiterhin über einen zentralen Numerus clausus vergeben werden, daran rütteln sie nicht.

Der Befund ist dennoch eindeutig: Es geht ungerecht zu bei der Vergabe der Medizinstudienplätze in Deutschland. Bis 2019 müssen neue Regeln her. Und damit ist die große Debatte nun eröffnet: Wer soll künftig Medizin studieren dürfen? Was macht einen guten Arzt überhaupt aus? Wie erkennt man, wer ein guter Arzt werden könnte? Und wie viele Ärzte braucht Deutschland?

In Hamburg testet das Uniklinikum die Bewerber

Wer Antworten auf diese Fragen sucht, ist zum Beispiel im Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) in Hamburg richtig. Dort ist Wolfgang Hampe Professor am Institut für Biochemie. Daneben leitet er das Auswahlverfahren am UKE. „Das nimmt“, räumt er ein, „mittlerweile einen Großteil meiner Zeit ein.“

Hampes Aufgabe ist die möglichst effektive und gerechte Verwaltung eines Mangels. Rund 10 000 Studienplätze für Humanmedizin gibt es in Deutschland – doch inzwischen bewerben sich pro Jahr mehr als 60 000 junge Menschen darauf. 20 Prozent der Plätze gehen direkt an diejenigen mit den besten Abiturnoten – in der Regel ist hier längst die 1,0 nötig. Weitere 20 Prozent werden an diejenigen vergeben, die am längsten warten – Menschen wie Fabian Schertlin, der Schnitt liegt inzwischen bei 15 Semestern. Die übrigen 60 Prozent dürfen und müssen die Hochschulen selbst vergeben – und hier kommt in Hamburg der Chemieprofessor Hampe ins Spiel.

Die Erfahrungen am UKE spielten am Bundesverfassungsgericht eine zentrale Rolle. Hampe war selbst nach Karlsruhe eingeladen, das Verfahren am UKE gilt als bundesweit vorbildlich. Um einen der 200 Plätze zu bekommen, die die Hochschule selbst vergibt, müssen Bewerber zunächst einen eigens entwickelten naturwissenschaftlichen Test bestehen. Anschließend schicken Hampe und sechs Psychologen-Kollegen die Bewerber durch einen Parcours aus neun Interviewstationen. In je fünf Minuten müssen sie sich dort in alltagsnahen Situationen bewähren.

Eine Aufgabe zum Beispiel: „Vor Ihnen steht gleich ein Darsteller, der eine Person mit leichter Demenz spielt. Die Person ist verwirrt, weil statt analoger Uhren nun digitale Uhren im Zimmer hängen. Kümmern Sie sich um die Person.“ Zwei Beobachter sehen zu, vergeben Punkte. Ein Verfahren, dass auch die sozialen Kompetenzen berücksichtigt. „Zusammengenommen geben diese Tests zuverlässige Hinweise darauf, wer im Studium und später im Beruf erfolgreich ist“, sagt Hampe.

Die Güte einer Abinote schwankt erheblich

Das alles klingt objektiv, vielseitig, aufwendig – wenn Hampe nicht auch von einer groben Ungerechtigkeit berichten müsste. Denn die Basis ist auch bei diesem Verfahren die Abinote. Wer überhaupt zu den Tests eingeladen wird, darüber entscheidet auch hier der Schulabschluss. Doch Hampe ist klar: Abi­note ist in Deutschland längst nicht gleich Abinote. Der Chemiker hat Zahlen zusammengetragen, die die Aussagekraft der deutschen Reifeprüfung massiv infrage stellen: So gehört man in Niedersachsen mit einer 2,0 bereits zu den 7 besten Prozent eines Jahrgangs. In Thüringen dagegen machen die besten 7 Prozent ein Abitur von 1,5 oder besser. Im Hamburg bestehen 60 Prozent eines Jahrgangs das Abitur – in Bayern nur 30.

Jedes Jahr, registriert Hampe, geht die Inflation der Abinoten ein bisschen weiter: „Der Schnitt der Bewerber geht immer weiter nach unten.“ Gekniffen sind diejenigen aus Ländern mit strengeren Kriterien: „Bewerber aus Niedersachsen und Schleswig-Holstein“, räumt Hampe ein, „sind in Hamburg deutlich benachteiligt.“

Auch Interessenten mit immer noch guten Abinoten begeben sich auf eine Reise durch die Wartezeit. Viele machen in der Zwischenzeit eine Ausbildung in der Pflege – und verschärfen den Mangel in diesem Bereich, indem sie dann doch Ärzte werden.

Felix Bayer überbrückte die Zeit bis zum Studium mit einer Ausbildung zum Physiotherapeuten. Quelle: RND

Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts geht unter anderem auf die Klage einer heute 27-Jährigen aus dem südlichen Kreis Stormarn zurück. Mit 21 hatte sie die Klage eingereicht – inzwischen hat sie eine Ausbildung zur Anästhesie- und Intensivpflegerin gemacht. Typisch ist auch der Fall von Felix Bayer. Der 26-Jährige studiert im ersten Semester Medizin an der Universität München. In der Wartezeit hat er in Freiburg eine Ausbildung zum Physiotherapeuten gemacht. Drei Jahre hatte er dann bereits in dem Beruf gearbeitet – in der Schweiz, in Basel, wo der Lohn außerordentlich gut war. „Natürlich kommt man zwischendurch ins Zweifeln, ob man dann noch mal zurückstecken soll“, sagt Bayer. „Aber am Ende war bei mir der Wunsch, Medizin zu studieren, immer mächtiger.“

16 000 Studienplätze wären nötig, um den Bedarf an Ärzten zu decken

Das Bundesverfassungsgericht hat der Politik noch ein paar weitere Hinweise in Sachen Gerechtigkeit gegeben. So darf es künftig nicht mehr sein, dass Bewerber durch die Präferenz für besonders beliebte Studienorte Nachteile haben. Am Grundproblem ändert das jedoch alles nichts: Es gibt zu wenig Studienplätze in Deutschland – trotz Ärztemangels in ländlichen Regionen und weiterer Alterung der Bevölkerung. Für manche ist der Streit um den NC deshalb auch nur das Symptom einer viel tieferen Misere.

Arno Theilmeier etwa ist Gastroenterologe in Mönchengladbach, Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung dort und häufiger meinungsfreudiger Mitdiskutant in Fernsehtalkshows. „Wir haben doch eine perverse Situation“, beklagt er. Junge wohlhabende Bewerber leisteten sich ein Studium im Ausland, ausländische Ärzte wiederum müssten geholt werden. An die Unis hierzulande gelangt man fast nur noch mit dem 1,0-Abitur. „Dabei sind solche Leistungen eher ein Negativkriterium. Für den Beruf braucht man vor allem Empathie, Lebenserfahrung, Durchhaltewillen“, zählt Theilmeier auf. Mindestens 16 000 Studienplätze seien hier nötig, um den zunehmenden Bedarf zu decken, fordert er.

Ist das realistisch? Nachholbedarf hat Deutschland jedenfalls. Laut Centrum für Hochschulentwicklung ist die Zahl der Studienplätze in Deutschland insgesamt seit der Jahrtausendwende von 350 000 auf 500 000 gewachsen, in der Medizin jedoch gleich geblieben. „Der Zuwachs“, konstatiert Cort-Denis Hachmeister, „ist an der Medizin vorbei gegangen.“ Und Fabian Schertlin, der Mannheimer Student, kann Theilmeiers Thesen durchaus etwas abgewinnen. „Von den Erfahrungen, die ich als Sanitäter gemacht habe“, sagt er, „profitiere ich jetzt sehr.“

Von Thorsten Fuchs/RND

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Das US-Abgeordnetenhaus hat die erste Steuerreform seit drei Jahrzehnten gebilligt. Unternehmen und Wohlhabende sollen nach der Reform deutlich weniger Steuern zahlen.

19.12.2017
Politik Speakers’ Corner - Oh Mann!

Es war so einfach, als wir noch arme Studenten waren. Geschenke waren idealerweise praktisch – und halfen beim Geldsparen. Was kann ich meinem Mann heute noch unter den Weihnachtsbaum legen?

19.12.2017

Die EU setzt auf grünen Strom und Sprit. Doch Kritikern gehen die jüngst beschlossenen Maßnahmen zur Umsetzung der Energiewende nicht weit genug. Die wichtigsten Fragen zu den Beschlüssen aus Brüssel.

19.12.2017