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Nachrichten Politik Das ist die neue Frauke Petry
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16:46 23.04.2017
Die AfD-Vorsitzenden Frauke Petry und Jörg Meuthen mit Alice Weidel. Quelle: dpa
Köln

Die neue Hoffnung der AfD ist 38 Jahre alt, blond und so schnell, dass sie sogar die „heute Show“ sprachlos machen kann. Der unangefochtene Strippenzieher der Nationalisten aber ist 76 Jahre alt und trägt Tweed. Alice Weidel aus Baden-Württemberg und Vize-Parteichef Alexander Gauland sind das Spitzenduo für die Bundestagswahl. Mit stehenden Ovationen feierten die knapp 600 Delegierten am Sonntag im Kölner Maritim-Hotel diesen Aufbruch nach einem turbulenten Parteitag. Sogar Frauke Petry bekam noch einmal stehenden Applaus, nachdem Gauland sie persönlich angesprochen hatte: „Wir brauchen Sie in der Partei!“

Doch die Vorsitzende hat sich von der Partei entfremdet. Und so ist der Jubel am Sonntag auch ein brüchiger Burgfrieden nach einem katastrophalen Sonnabend für Petry. Um 14.15 Uhr tritt sie in rotem Kostüm mit Babykugel und schwarzer Jacke vor eine Traube von Journalisten in der Lobby des Maritim-Hotels in Köln. Kurz zuvor hatte sie eine krachende Niederlage erlitten. Der Antrag zur strategischen Ausrichtung der AfD, für den sie am Morgen noch in einer kämpferischen Rede geworben hatte, war bei den Delegierten durchgefallen. Der Parteitag hatte entscheiden, keine Strategiedebatte führen zu wollen. Petry hatte eine Festlegung auf einen „realpolitischen“ Kurs verlangt und Gauland und andere der „Fundamentalopposition“ geziehen.

„Ich glaube, dass die Partei hier einen Fehler macht“

Petry sagt nach ihrer Niederlage leise und fast regungslos: „Ich glaube, dass die Partei hier einen Fehler macht. Ich halte das für eine folgenschwere Entscheidung. Ich werde mir das die kommenden Wochen und Monate anschauen.“

Ein paar Meter weiter sitzt Matthias Moosdorf an einem Cafétisch. Der Leipziger Cellist hat im vergangenen Jahr Frauke Petry begleitet und beraten, er hat die Hochzeit von ihr und Marcus Pretzell organisiert - und sich nun tief enttäuscht abgewandt. Mit Petry und Pretzell streitet er um unbezahlte Rechnungen. Moosdorf schüttelt den Kopf: „Was sagt sie denn da? Ich, Frauke Petry - und ihr, die Partei? Sie müsste doch Wir sagen!“

Jörg Meuthen weiß, wann man vom „Wir“ reden muss - und wie man einen Parteitag begeistert. „Et hätt noch immer jot jejange“, zitiert er das alte kölsche Motto. Soll heißen: Auch eine noch so zerstrittene AfD wird einen vernünftigen Parteitag hinbekommen. Und zu Petrys Strategiedebatte hat er ebenfalls eine einfache Empfehlung: „Ganz einfach: Lassen wir das.“ Der Saal jubelte. Vor einem Jahr in Stuttgart hielt Meuthen schon einmal eine umjubelte Rede, mit der er sich für die Nationalisten in der AfD interessant machte. Damals wetterte er gegen das „linksrotgrün versiffte 68er-Deutschland“, jetzt sagt er, in den Straßen seiner Stadt sehe er „nur vereinzelt Deutsche“. In Stuttgart hatten Petry und Pretzell Meuthen nach der Rede als ernstzunehmenden Gegner ausgemacht. In Köln macht Meuthen Petrys Niederlage komplett.

Viele lehnen Weidel ab

Nun ist also Weidel das junge Gesicht der Partei. Doch viele auf der extrem Rechten lehnen die Ökonomin vom Bodensee ab. Sie selbst sieht sich als sowohl wirtschafts- als auch gesellschaftspolitisch liberal. Und sie ist mit einer Frau verpartnert. Gauland und seine Mitstreiter setzten sich dennoch durch. Die AfD lässt sich führen, wenn man es geschickt anstellt. Auch Weidel hat in Baden-Württemberg seit Monaten für ihren Weg nach Berlin gearbeitet, geworben und Posten versprochen. Landesvorsitzende wurde sie trotzdem nicht, weil sie sich für den Parteiausschluss von Björn Höcke eingesetzt hat. Doch Weidel weiß genauso gut wie Meuthen, wie die Partei rhetorisch zu begeistern ist. Und so hält die sonst so kühl wirkende Ökonomin eine feurige Parteitagsrede: „Wir haben es allen gezeigt! Wir sind stärker als je zuvor! Wir sind die einzige Partei für Deutschland in der Bundesrepublik Deutschland!“ Den meisten Applaus aber erhält sie für eine Forderung, die Sie vor dem Parteitag schon einmal versuchsweise in die Öffentlichkeit geworfen hatte: „Wir empfehlen jedem Erdogan-Ja-Sager, in die Türkei zu gehen, denn genau da gehören sie hin!“. Petrys „Zukunftsantrag“ hätte eine Phantomdebatte befeuert. Es ist ein klares Votum des Parteitags, Themen in den Vordergrund zu stellen, keine Personen.“ Sie bleibt selbst in ihrem Nationalismus anschlussfähig zur Union. Und in ihrer Sprache modern: „Wir werden Deutschland rocken!“, ruft sie in den Saal, und alle stehen auf. Sogar Frauke Petry.

Von RND/Jan Sternberg

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