Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Politik Wir schotten unsere Meinung ab
Nachrichten Politik Wir schotten unsere Meinung ab
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:00 14.01.2019
Zur aktuellen Handball-WM fungiert Kretzschmar als WM-Botschafter, sein neues Buch heißt „Hölleluja“. Quelle: dpa
Leitartikel

Manchmal überrollt eine Debatte sogar die Beteiligten daran – auch den, der sie ausgelöst und nur versehentlich einen riesigen Gesprächsbedarf zutage gefördert hat.

So geht es gerade dem Ex-Handball-Profi und derzeitigem WM-Botschafter Stefan Kretzschmar, 1973 in Leipzig geboren, der in einem Interview eigentlich nur beklagte, dass Profi-Sportler heute keine Ecken und Kanten mehr hätten, weil sie das schlecht vermarktbar mache. Doch seine Sätze verstanden viele grundsätzlicher: als Kritik an der gesamten Debattenkultur – und das traf einen Nerv.

Zwar komme man in Deutschland nicht für seine Meinung in den Knast, befand er. Aber für Äußerungen, die vom politischen Mainstream abweichen, zum Beispiel vom „ungefährlichen“ „Refugees welcome“, riskiere man Ärger, bis hin zu Repressalien durch den Arbeitgeber. „Wir haben heute eigentlich keine Meinungsfreiheit mehr“, spitzt er zu.

Thilo Sarrazin kann nicht klagen

Damit hat Kretzschmar natürlich zum falschen Wort gegriffen. Denn in Medien, Politik und vor Gericht ist die Meinungsfreiheit hierzulande nicht nur geschützt, sondern fast schon heilig. Allerdings spricht er ja auch nicht als Verfassungsjurist oder Feuilletonist, sondern – womöglich unbeabsichtigt – als „Normalbürger“ und ostdeutsche Identifikationsfigur.

Natürlich lässt sich die Unterdrückung missliebiger Meinungen in Diktaturen nicht mit der heutigen Lage gleichsetzen. Auch scharfe und vielfache Widerworte kann niemand als Zensur hinstellen, und selbst wenn sich Sponsoren von einem Profisportler oder die Bundesbank sich, wie 2010, von Thilo Sarrazin trennt, weil man verschiedene Ansichten vertritt, zeigt das nur, dass auch Unternehmen eigene Werte haben. Über mangelnde Verbreitung ihrer Ansichten können Prominente und Bestseller-Autoren wie Sarrazin dennoch nicht klagen.

Der Osten kennt es, nicht vorzukommen

Dass Kretzschmars Sätze dennoch aufgeregten Diskussionen auslösten, ist kein Zufall. Dahinter steckt die Zeitenwende, die sich durch die Digitalisierung im öffentlichen Diskurs vollzieht: Was als Anpassung der Informationen an eigene Vorlieben gedacht war, hat sich zur Begrenzung der Nachrichtenversorgung auf den eigenen Horizont entwickelt. Durch die riesige Medienvielfalt kann sich jeder seine Neuigkeiten und Analysen so zusammenstellen, dass sie nur die eigene Sicht bestärkt. Auch viele der schrumpfenden Printmedien setzen sich auf spitze, also einheitliche Zielgruppen.

Dass das – überzogene – Gefühl, es gebe keinen freien Meinungsaustausch, im Osten besonders verbreitet ist, liegt dabei daran, dass die Menschen dort seit 30 Jahren die Erfahrung kennen, im öffentlichen Diskurs kaum vorzukommen. Und wenn, dann als Problemfall. Der Frust über das Stigma ist so groß, dass es viele etwa in Chemnitz nicht einmal störte, dass Neonazis in ihrem Demonstrationszug mitliefen. Immer wieder hört man im Osten, wer vor West-Chefs allzu offen spreche, riskiere den Job und dass man die ständige Veröffentlichung von Regierungspositionen in den Massenmedien als Denk-Vorgabe empfinde.

Der Stammtisch ist heute öffentlich

Solche Kritik gibt es auch in Westdeutschland, und wer sie teilt, findet in den Online-Medien, wo sich jeder zu Wort melden kann, wie er mag, ganz sicher Gleichgesinnte. Der Stammtisch ist heute öffentlich, die schrillsten Stimmen dringen am besten durch. Widerspruch dient oft nicht dem Austausch von Argumenten, sondern hat etwas Standrechtliches und zielt auf Applaus von der „eigenen“ Seite.

So entstand etwas, das der Präsident des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger und Vorstandschef des Springer-Verlages, Mathias Döpfner, gerade als zunehmend „intolerantes Meinungsklima“ kritisierte. Bundespräsident Steinmeier gab den Deutschen für 2019 auf den Weg, sie müssten „wieder lernen, zu streiten, ohne Schaum vorm Mund, und lernen, Unterschiede auszuhalten“. Wenn damit gemeint ist, auch andere Sichtweisen an sich herankommen zu lassen, wäre das ein erster Schritt.

Zu einer offenen Debattenkultur gehören keine rassistischen Parolen. Wohl aber abweichende Stimmen, Zweifel und Skepsis, unsichere Positionen. Gerade weil Themen wie Flüchtlingspolitik und die Ost-West-Debatte emotionalisieren, kocht die Aufregung dabei zu schnell hoch. Aber gerade wenn sich Bürger zu Recht oder zu Unrecht ignoriert fühlen, muss auch Ablehnung und Ängsten Raum gegeben werden, ohne sie sofort als „irrational“ abzutun. Sonst stürzen sich Vereinfacher wie AfD & Co. auf diese Sorgen – nicht, um sie zu lösen; sondern, um sie für sich zu instrumentalisieren.

Von Steven Geyer/RND

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Diesen Dienstag muss er zum Krisengespräch ins Bundesverkehrsministerium: Bahnchef Richard Lutz. Der Spitzenmanager kämpft um sein Amt und benötigt viel Geld für mehr Pünktlichkeit auf der Schiene.

14.01.2019

Der ehemalige Profi-Handballer aus Leipzig sagt, es gebe in Deutschland eigentlich keine Meinungsfreiheit. Die RND-Korrespondenten Markus Decker und Steven Geyer debattieren darüber.

14.01.2019

Einen Tag vor der Abstimmung über den Brexit-Deal gilt eine Niederlage der Regierung schon als ausgemacht. Weit weniger klar scheint, wie es danach weitergeht. Wird der Brexit noch einmal aufgeschoben? Wird es ein Misstrauensvotum gegen May geben?

15.01.2019