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15:54 17.11.2017
Wolf in einem Wildpark. Quelle: dpa
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Potsdam

Es sollte der Durchbruch für eine nationale Strategie im Umgang mit dem Wolf werden. Was ist ein Problemwolf? Was ist auffälliges Verhalten? Die Umweltminister der Länder tagten in Potsdam bis spät in die Nacht. Der Durchbruch kam nicht, Am Ende stand nur eine Aufforderung an den Bund: Man erwarte „ein einheitliches Vorgehen beim Umgang mit auffälligen Wölfen“ und eine klare Definition, welches Verhalten eines Wolfs im Umgang mit Menschen und Weidetieren problematisch sei. Die Frage klingt akademisch, ist aber zentral. Nur auffällige Wölfe dürfen vergrämt oder letztendlich geschossen werden.

Für das Umweltministerium der scheidenden Ressortchefin Barbara Hendricks (SPD) ist die Konferenz eine Niederlage. Das Bundesamt für Naturschutz hat eine solche Definition bereits erarbeitet. Sie sei „sachgerecht“ und sollte angenommen werden, appellierte ihr Staatssekretär Jochen Flasbarth gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) an die Konferenzteilnehmer. Wenn ein Wolf sich notorisch auf 30 Meter einem Menschen nähere oder wiederholt Weidetiere reiße, könne er geschossen werden.

Mecklenburg-Vorpommerns Agrarminister Till Backhaus (SPD) und seinen Ressortkollegen war das nicht konkret genug. „Ich konnte dem Papier nicht zustimmen, das muss klarer ausgearbeitet werden“, sagte er. Backhaus wirft dem Bund zudem vor, die Zahl der Wölfe in Deutschland herunterzuspielen. „Der Bund zählt nur die ausgewachsenen Wölfe, die Rudel sind aber viel größer“, sagt er. Konsens herrscht zumindest in der Zahl der Rudel: 62 bis 65 Wolfsrudel gibt es in Deutschland, auch in Thüringen und Bayern werden bald Rudel heimisch sein. Der Bund kommt auf 150-160 ausgewachsene Wölfe, Backhaus rechnet mit mehr als 600 der Raubtiere insgesamt.

Landwirte sind alarmiert: Die Population wachse jedes Jahr um 30 Prozent, sagen Bauernverbände. Backhaus berichtete, welche Angst die Rückkehr des Wolfs auch in den Dörfern auslöse: „Es gibt Eltern, die ihre Kinder nicht mehr im Sandkasten spielen lassen.“

Die Minister versuchen zu beruhigen: Die Weidehaltung sei „unverzichtbar“ und daher besser zu unterstützen: Der Bau von Schutzzäunen soll in Zukunft zu 100 Prozent finanziert werden können, die Arbeitsleistung eingeschlossen. Dafür sollen auch Bundesmittel fließen. „Das schafft Akzeptanz“, sagen die Minister unisono.

Die Verbände der Weidetierhalter forderten eine Regulierung durch Abschuss. „Der Bestand der Wölfe nimmt rasant zu und sie erhalten sich aus dem vorhandenen Bestand“, schreiben sie in einem Brief, der dem RND vorliegt.

Die Naturschutzverbände haben eine sachliche Debatte angemahnt. «Keine Frage, wir brauchen einheitliche Regeln, wie mit auffälligen Wölfen umzugehen ist», sagte Leif Miller, Bundesgeschäftsführer des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu). Weidetierhalter dürften von der Politik nicht länger allein gelassen werden. Allerdings hätten bisher nur wenige Wölfe in Deutschland ein auffälliges Verhalten gezeigt. Die Umweltminister tagen bis Freitag in Potsdam.

Die Diskussion über den Umgang mit Wölfen hat in den vergangenen Monaten an Schärfe zugenommen. Viele Nutztierhalter und Jäger wollen die bisher streng geschützten Wildtiere legal abschießen dürfen, vor allem, wenn sie Weidevieh gefährlich werden könnten. Umweltschützer setzen auf Prävention, etwa durch Elektrozäune oder Herdenschutzhunde. Sie halten einen Abschuss verhaltensauffälliger Tiere nur als letztes Mittel in Absprache mit den zuständigen Behörden für gerechtfertigt.

Reinhard Jung vom Bauernbund Brandenburg sagt: „Die Konferenz hat offensichtlich keinerlei Fortschritte erzielt. Wir wollen kein Geld, wir wollen keine Beratung, wir wollen Prävention. Wir wollen uns gegen den Wolf wehren können. Wenn er sich in ausgewiesenen Rudelgebieten auf 1000 Meter unseren Herden nähert, soll er in der nächsten Saison geschossen werden können. Zäune führen nur zu einem Wettrüsten unter den Tierhaltern. Da können wir gleich wieder die Staatsgrenze West um unsere Weiden aufbauen.“

In Deutschland gibt es nach den jüngsten offiziellen Zahlen vom September vergangenen Jahres 47 Wolfsrudel - Tendenz steigend. Die ersten Tiere waren nach dem Jahr 2000 nach Ostdeutschland eingewandert. Nach Angaben der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Wolf wurden 2015 bundesweit rund 100 000 Euro an Ausgleichszahlungen für Schadensfälle durch Wölfe an Nutztierhalter überwiesen. Die Investitionen in vorbeugende Schutzmaßnahmen für Nutztiere beliefen sich auf rund eine Million Euro.

Von Jan Sternberg und Rasmus Buchsteiner / RND

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