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Nachrichten Politik Der gezwungene Versuch, den Spalt zu kitten
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23:38 09.11.2016
Der australische Künstler Lushsux zeigt an einer Wand in Melbourne die Präsidentschaftskandidaten Clinton und Trump in einer unvorstellbaren Einigkeit. Nicht ganz so nah, aber weniger befremdlich wirkt ihr friedvoller Umgang miteinander nur einen Tag nach der Wahl. Quelle: AAP
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Das war sie also, die Präsidentschaftswahl in den USA. Eine Präsidentschaftswahl, die in Erinnerung bleiben wird. Nicht nur wegen des unwürdigen, schmutzigen und ermüdenden Wahlkampfs, sondern auch, wegen des Ergebnisses. Kaum einer hatte es vorausgesagt, was am 9. November Gewissheit wurde: Donald Trump wird der 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Und die politischen Eliten, zu denen jetzt auch Trump gehört, wollen nun vor allem eins: kitten.

In seiner ersten Rede als gewählter Präsident sagt Trump: „Jetzt ist es an der Zeit, dass Amerika die Wunden der Spaltung schließt.“ Trump will dort heilen, wo er selbst verletzt hat, möchte die Wunden schließen, die er mit seinem „Kampf gegen die Eliten“ aufgerissen hat. Erst Trumps Finger in der Wunde der Spaltung Amerikas, hat ihn dorthin gebracht, wo er heute steht. Sein Wahlkampf lebte davon, zu unterscheiden. Unterschieden wurde zwischen denjenigen, die mit ihm in einer „unglaublichen und großartigen Bewegung“ gegen das Establishment kämpften und denjenigen, die sich den „kriminellen Clintons“ anschlossen. Zwischen schwarz und weiß, zwischen Amerikaner und Ausländer.

Trump spricht versöhnliche Töne

Nur einen Tag später will der Hetzer Trump versöhnen, sich das verhasste Establishment an den Tisch holen: „Ich sage zu allen Republikanern und Demokraten und Parteilosen im ganzen Land, dass es nun an der Zeit ist, als geeintes Volk zusammenzukommen.“ Diejenigen, die ihn nicht gewählt haben, bittet er um „Orientierung und Hilfe“.

Unlängst hat die unterlegene Demokratin Hillary Clinton Kontrahent Trump angeboten, „zum Wohle des Landes“ zusammenzuarbeiten, ihm die gewünschte Orientierung zu geben. Sie hoffe, dass der Republikaner ein „erfolgreicher“ Präsident sein werde, sagte die Demokratin am Mittwoch in New York. „Wir schulden ihm Unvoreingenommenheit und die Chance, zu führen“, sagt sie weiter.

Noch vor wenigen Tagen drückte sie Trump den Stempel der Unfähigkeit auf, das Präsidentenamt auszuführen. Die USA seien geteilter, „als wir gedacht hätten“, führt Clinton in ihrer Rede nach der Wahlniederlage weiter aus und offenbart dabei, dass sie Trumps Anhänger unterschätzt hat. Noch im Oktober bezeichnete die damalige Präsidentschaftskandidatin diese als „bedauernswert“ und riss damit heftig an dem Spalt, der Amerika teilt.

Amtsinhaber Barack Obama gratulierte seinem Nachfolger Trump und kündigte an, eine friedliche und geordnete Machtübergabe garantieren zu wollen. „Ein friedlicher Übergang der Macht ist eines der wesentlichen Kennzeichen der Demokratie“, sagte Obama vor dem Weißen Haus, wo er sich an diesem Donnerstag mit Trump treffen will. „Wir sind nicht zuerst Demokraten oder Republikaner, zuerst sind wir Amerikaner und Patrioten“, sagte Obama. Das habe er auch Trump in ihrem nächtlichen Telefongespräch zugesichert. Das habe ihn bewegt, sagte der Präsident.

Spaltung von beiden Lagern propagiert

Diese Worte müssen Obama geschmerzt haben, noch als er sie sprach. Erst vor wenigen Tagen offenbarte er seine Haltung gegenüber Trump auf einer Wahlkampfveranstaltung der Demokraten. Trumps Klagen um eine mögliche Wahlmanipulation noch vor dem ersten Wahltag seinen ein Affront. Sie zeigten auch, dass dieser für das Präsidentenamt ungeeignet sei, unterstrich Obama. Sie machten deutlich, dass der Kandidat es an der notwendigen „Führungsstärke und Zähigkeit“ vermissen lasse. Jemand, der angesichts von Schwierigkeiten die Schuld einem Anderen zuweise, habe „nicht das Zeug für diesen Job“.

So tief die Spaltung war, die sowohl Republikaner als auch Demokraten während des unendlichen Wahlkampfs immer wieder propagierten, so unangenehm nah rücken sie nun in ihren Reden für die Außenwelt zusammen. Doch wer soll dieser plötzlichen Einigkeit, dem friedvollen Miteinander nach den beidseitigen heftigen Anschuldigungen während des Wahlkampfes jetzt glauben? Die USA ist gespalten, sie wurde gespalten. Die Wunden lassen sich nicht durch Worte schließen.

Doch vielleicht sind gerade die versöhnlichen Sätze Trumps der Anfang einer vernünftigen Zusammenarbeit der verhassten Lager. Wenn man ihnen Glauben schenken darf.

Von Fabian Wenck/RND/dpa

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