Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Politik In der Sackgasse: So geht die Buchmesse mit rechten Verlagen um
Nachrichten Politik In der Sackgasse: So geht die Buchmesse mit rechten Verlagen um
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:41 10.10.2018
Ganz am Rand – und doch im Mittelpunkt des Interesses: Stand des Verlags „Junge Freiheit“ auf der Frankfurter Buchmesse. Quelle: Foto: Arne Dedert/dpa
Frankfurt

Der Künstler Bernhard Siller hat Angst. Er fürchtet, es könnte wieder unruhig, vielleicht sogar gefährlich werden in den nächsten Tagen auf der Frankfurter Buchmesse.

Siller gestaltet Buchstützen, auf satirische Art. Er karikiert Köpfe – von Kafka über Kästner bis zu Kant – und macht daraus Gegenstände, an die man Bücher lehnen kann. Seine kleinen Kunstwerke fielen Besuchern der Messe schon oft ins Auge. Doch in diesem Jahr ist sein Stand unmittelbar neben den rechten Verlagen positioniert. Und dort, in der Halle 4.1, fühlt sich Siller irgendwie unbehaglich.

Die Blicke wandern von links nach rechts

Es ist wie ein Fluch. Die Messe hätte eigentlich ein paar schöne Schlagzeilen anzubieten in diesem Jahr. Die Zahl der ausländischen Verlage ist gestiegen, rund 7000 Teilnehmer aus über hundert Ländern werden erwartet. Als „Welthauptstadt der Ideen“ präsentiert sich die Messe. Zahlreiche bekannte Schriftsteller haben ihr Kommen angekündigt, darunter Juli Zeh, Dörte Hansen, Jussi Adler-Olsen und Martin Suter.

Und doch wandern derzeit wieder alle Blicke von links nach rechts. Viel wurde getan, um Szenen wie im letzten Herbst zu verhindern. Damals kam es in der Halle zu gewalttätigen Auseinandersetzungen rund um den rechtskonservativen Antaios-Verlag. Vielleicht wurde jetzt aber sogar zu viel getan.

Wie entlädt sich in Frankfurt die Spannung?

Der Künstler Siller atmete erst mal durch, als die rechten Verleger an den Nachbarständen einzogen. „Die waren ganz friedlich. Aber es sind nicht die Intellektuellen, die ich fürchte, sondern ihre Gefolgschaft.“ Deshalb hat er eine seiner Buchstützen versteckt. Sie zeigt eine Karikatur des Philosophen Karl R. Popper und dessen Zitat: „Im Namen der Intoleranz sollten wir uns das Recht vorbehalten, die Intoleranz nicht zu tolerieren.“

In Frankfurt ist eine Spannung entstanden, von der niemand weiß, auf welche Art sie sich diesmal entlädt. Auf der einen Seite will man Rechtspopulisten keine Bühne bereiten, sie auf der anderen Seite aber auch nicht ausgrenzen – schließlich herrscht Meinungsfreiheit.

So wurden Randlagen konstruiert. Sackgassen führen zu den Rechten. Genau dies aber bedient nun wieder das Opfer-Narrativ der Rechten, die sich vom Establishment unterdrückt sehen. „Was wir hier erleben, ist eine Gettoisierung“, sagt Dieter Stein, Chefredakteur der rechtskonservativen Zeitschrift „Junge Freiheit“. „Wir fühlen uns geächtet.“

Loci-Verlag übernimmt Antaios

Auf der Messe präsentiert er ein Buch, das jungen Lesern deutsche Geschichte nahebringen soll. Nebenan spielt die Manuscriptum Verlagsbuchhandlung, die den umstrittenen Autor Akif Pirinçci verlegt, mit einem Plakat auf Merkels Diktum „Wir schaffen das“ an. Das sei ein Satz wie aus einer griechischen Tragödie, voller Hybris, steht dort. Am Freitag wird hier der AfD-Politiker Björn Höcke sein Buch „Nie zweimal in denselben Fluß“ vorstellen.

In Frankfurt gibt es mehr als nur eine rechte Ecke. Auf der anderen Seite der Messehalle ist der unauffällige Stand des Loci-Verlags beheimatet. Der hat – wie am Mittwoch bekannt wurde – den Verlag Antaios von Götz Kubitschek übernommen. Die Programmleitung übernimmt dabei die Journalistin Ellen Kositza, die regelmäßig in der rechtsintellektuellen Zeitschrift „Sezession“ veröffentlicht. Der Verleger Thomas Veigel ist eigentlich Zahnarzt. Auf seiner Website präsentiert er sich mit Zahnpastalächeln im weißen Kittel und gibt sich metapherntrunken als Spezialist für Tiefenbohrungen aus.

Feminismus, Yogi-Tee, Sarrazin

Direkt neben Loci sind in der Messehalle 4 die unabhängigen Verlage positioniert, die Kulturstaatsministerin Monika Grütters, wie sie am Mittwoch sagte, künftig mit einem neuen Preis unterstützen will – und die Bühne des „Weltempfangs“, auf der am Mittwoch etwa die Schriftstellerin Nina George und die Kabarettistin Maren Kroymann über die Sichtbarkeit von Frauen im Literaturbetrieb diskutierten – während zeitgleich der Rechtspopulist Thilo Sarazzin im nach Yogi-Tee duftenden Lesezelt mit merkwürdig dünner Stimme sich selbst lobte, weil er die aktuelle politische Stimmung in seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ bereits 2010 prophezeit habe. Im Publikum sitzen junge Zuhörer, die bei seinen Worten stumm den Kopf schütteln. Über der Schulter tragen sie erbeutete Messestoffbeutel mit dem Spruch „Für das Wort und die Freiheit“.

Die Beutel stammen vom Stand des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, der eine Kampagne zum 70. Geburtstag der Menschenrechte – und zugleich zur 70. Ausgabe der Buchmesse – lanciert hat. Das Motto „On The Same Page“ ist ein Wortspiel: Auf der selben Seite befinden sich Menschen sprichwörtlich, wenn sie einer Meinung sind. Die Bücherseiten sollen auf der Messe zum Ort der Selbstvergewisserung für gemeinsame Werte werden. Prominente stellen im Internet flankierend Bücher zum Thema vor. Literaturkritiker Denis Scheck empfiehlt den Roman „Herr der Krähen“ des afrikanischen Autors Ngugi wa Thiong’o. Scheck schreibt: „Ihr Opportunisten. Ihr Korrupten. Ihr, die ihr vorn mit den Menschenrechten wedelt und hinten die Hand aufhaltet: Dies ist euer Buch!“

„Eine neue Faszination des Autoritären weht durch ganz Europa“: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier spricht bei seinem Besuch auf der Frankfurter Buchmesse bei der feierlichen Eröffnung des neuen Frankfurt Pavilion neben der kroatischen Schriftstellerin Ivana Sajko. Quelle: Arne Dedert/dpa

Die Messe präsentiert sich seit jeher als Ort der Freiheit und Toleranz. Doch während in den Vorjahren der Blick vor allem ins Ausland, etwa zu inhaftierten Autoren und Journalisten in der Türkei, schweifte oder in die Vergangenheit – wie auch in diesem Jahr in Erinnerung an den Kaukasuskrieg im Messepartnerland Georgien –, ist man durch die Vorfälle in Chemnitz gezwungen, vor der eigenen Haustür zu kehren.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier setzte am Mittwoch ein klares Zeichen gegen Populismus und Fremdenfeindlichkeit. Man müsse jetzt gegenhalten. Eine neue Faszination des Autoritären wehe durch ganz Europa. Steinmeier eröffnete die neue zentrale Bühne auf der Agora-Freifläche, den „Frankfurt Pavilion“. Die englische Schreibweise ist programmatisch für das internationale Selbstverständnis der Messe.

Demonstration am Freitag

Welches politische Signal aber werden die kommenden Tage in die Welt aussenden? Stefan Lauer von der Amadeu Antonio Stiftung hat für Freitag zu einer Protestveranstaltung gegen rechts aufgerufen, um den Sarrazins und Höckes nicht das Feld zu überlassen: „Wir müssen andere Meinungen aushalten, solange sie sich im rechtlichen Rahmen bewegen, aber wir müssen auch etwas dagegensetzen.“

Die Aussteller wollen nicht zuletzt auch über ihre wirtschaftlichen Herausforderungen reden. In Deutschland hat der Buchmarkt seit 2013 mehr als sechs Millionen Käufer verloren. Gleichzeitig erstehen aber die verbleibenden Leser mehr Bücher als früher. Eine Spaltung der Gesellschaft ist auch an dieser Stelle in vollem Gang.

Die Messe selbst verzeichnet ein deutliches Plus. Das „Bookfest“ und eine populäre Science-Fiction-Lounge sind neue Anziehungspunkte fürs Publikum. Viele Aussteller zeigen eine Mischung aus Trotz und Stolz. Der Diogenes-Verlag etwa wirbt auf der Messe mit dem Spruch: „Lassen Sie uns auf alle anstoßen, die noch lesen.“

Von Nina May/RND

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Es könne „keine Entwarnung“ geben bei der Zahl der Asylanträge, warnte Horst Seehofer im Juni. Ein Vierteljahr später wird klar: Der Deckel, den die Koalition für die Zuwanderung vereinbart hat, wird wohl nicht überschritten.

10.10.2018

Das Verkehrsministerium soll den Auftrag zur Kontrolle der Maut an den österreichischen Bieter Kapsch vergeben haben. Das geht aus einem Zeitungsbericht hervor. Minister Scheuer spricht von einem „Riesenschritt“ hin zur Umsetzung der Maut.

10.10.2018

Während Online-Apotheken rasant wachsen, haben viele lokale Arzneiausgaben zu kämpfen. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat Apothekern nun neue Dienstleistungen vorgeschlagen: Sie könnten künftig unter anderem Impfungen übernehmen.

10.10.2018