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Politik Die Kita-Pläne der neuen Familienministerin
Nachrichten Politik Die Kita-Pläne der neuen Familienministerin
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05:01 21.03.2018
Bundesfamilienministerin Franziska Giffey, SPD,

Frau Giffey, Ihre Ernennung zur Ministerin war überraschend. Für Sie auch?

Ja, das war alles sehr kurzfristig und auch eine Entscheidung, die ich mir nicht leicht gemacht habe. Bürgermeisterin von Berlin-Neukölln war ich mit Herz und Seele.

Dann stiegen Sie auch noch zur SPD-Hoffnungsträgerin auf. Mögen Sie Druck?

Ach, wissen Sie, ich habe mir vorgenommen mich darauf zu konzentrieren, was hier an Arbeit anliegt. Den Fokus nur auf Dinge zu legen, die einem zugeschrieben werden, raubt doch nur Kraft.

Was hat Sie also bewogen, das Ministerium zu übernehmen?

Ich habe über 10 Jahre Lokalpolitik gemacht und bin da manchmal an Grenzen gestoßen, bei denen ich gesagt habe: Es wäre schön, wenn man das auf höherer Ebene ändern könnte. Und das ist auch mein Antrieb.

Familie, Senioren, Frauen und Jugend heißt ihr Ressort. Was hat oberste Priorität?

Da gibt es keine Rangfolge. Aber zunächst stehen die Kinder und die älteren Menschen im Fokus unserer Arbeit. Ich möchte, dass alle Kinder gleiche Möglichkeiten haben, ihren Weg selbstbestimmt zu gehen. Egal, aus welchem Elternhaus sie kommen und wo sie aufwachsen. Es gibt nicht nur Probleme in Multikulti-Stadtteilen, sondern auch in deutschen Familien. Wir dürfen nicht nur den Durchschnitt betrachten, der vielleicht in Ordnung ist. Wenn Sie eine Hand auf die kalte und die andere auf die heiße Herdplatte legen, ist die Temperatur im Durchschnitt in Ordnung. Im Ergebnis aber ist eine Hand verbrannt. Deshalb müssen wir besonders dahin gehen, wo es brennt.

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) Quelle: Thomas Imo/photothek.net

Wo muss der Einsatz für Chancengleichheit von Kindern beginnen?

Im Kitaalter wird die Basis für die Entwicklung eines Kindes gelegt, deshalb muss die Qualität in den Kitas auch gut sein. Dafür werde ich im Frühjahr ein Gesetz für mehr Kitaqualität auf den Weg, bringen, in dem es um den Betreuungsschlüssel geht, um die Stärkung der Kitaleitung und um bessere sprachliche Bildung für die Kinder. Wir brauchen mehr Kita-Plätze, klar. Vor allem benötigen wir aber diejenigen, die mit den Kindern auf hohem Niveau arbeiten und sich liebevoll um sie kümmern.

Wie soll der Beruf attraktiver gemacht werden?

Wir brauchen mehr Anerkennung, besseres Gehalt und eine Ausbildungsvergütung für Erzieherinnen und Erzieher. Deshalb setze ich mich für eine Fachkräfteoffensive ein. Bund und Länder müssen das Problem lösen. Es ist drängend. Was heute bei der frühkindlichen Bildung versäumt wird, muss später teuer bezahlt werden.

Armut frühzeitig begegnen

Halten Sie die Armutsentwicklung in Deutschland für alarmierend?

Ja, und wir müssen dieser Tendenz frühzeitig begegnen. Aufgabe von Politik ist, hinzuschauen, wo etwas schief läuft. Der Staat kann und muss institutionell dran arbeiten. Wenn eine zehnköpfige Familie in drei Zimmern wohnt, schaffen wir es vielleicht nicht so schnell, eine andere Wohnung zu finden. Wir können aber dafür sorgen, dass die Kinder gut in Kita oder Schule begleitet werden – um das aufzufangen, was manche Eltern aus unterschiedlichen Gründen nicht leisten können.

Sie sind, was viele Frauen trotz Qualifikation nicht sind – in einer Führungsposition. Wo klemmt es?

Es ist schon merkwürdig: Die Mädchen sind gut in der Schule und im Studium, aber oben kommen dann nicht mehr so viele an. Die Gründe sind vielfältig und nicht immer nachvollziehbar. Wir müssen dagegen angehen, auch gesetzlich. Und wir als Bund müssen auch unsere Hausaufgaben machen.

Bei der Frauenquote ist noch viel Luft nach oben

Wie meinen Sie das?

Bis 2025 soll die Hälfte der Führungspositionen im Bund mit Frauen besetzt sein. Mein Ministerium hat dieses Ziel schon erfüllt, aber wenn man sich in anderen Bundesministerien umsieht, ist da noch viel Luft nach oben. Und viel Zeit bleibt da nicht. Das sollte allen klar sein, die gern auf die Wirtschaft zeigen, wo Frauen in der Spitze leider ebenfalls unterrepräsentiert sind.

Ausgehend von Hollywood hat die Sexismus-Debatte viele Frauen bewegt. Sie auch?

Es ist wichtig, dass darüber geredet wird, dass viele sich trauen, das Schweigen zu brechen. Denn häufig ist das ja mit Angst und Scham verbunden. In meiner Erfahrungswelt als Bürgermeisterin in Neukölln ging es um Gewalt in Familien, auch sexuelle, um Zwangsehen oder arrangierte Ehen. Mir sind Fälle begegnet, bei denen die Polizei Mädchen aus Familien holen und ihnen eine neue Identität geben musste. Häusliche Gewalt gegen Frauen ist ein Thema, dass quer durch die kulturell - ethnischen Hintergründe und sozialen Schichten der deutschen Gesellschaft geht. Mir geht es darum, dass Orte unterstützt werden, wo Frauen Schutz, Hilfe und Beratung finden.

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) Quelle: Thomas Imo/photothek.net

Halten Sie es für wichtig, dass mit Ihnen eine gebürtige Ostdeutsche im Kabinett sitzt?

Ich habe die Hälfte meines Lebens in Brandenburg gelebt, war 11 Jahre alt, als die Mauer fiel. Die andere Hälfte ist von der Arbeit und dem Leben in Berlin geprägt. Dass mit mir eine Ostdeutsche am Kabinettstisch sitzt, ist ein wichtiges Signal für Ostdeutschland, weil sich die Leute von mir repräsentiert fühlen. Nach dem Motto: „Da sitzt eine von uns.“ Das ist nicht zu unterschätzen.

Was ist denn typisch ostdeutsch an Ihnen?

Ich weiß, wie es ist, wenn sich das Leben durch einen krassen politischen Einschnitt total verändert. Die in der DDR Geborenen haben alle ein vorher und ein nachher in der Biografie. Da waren Welten, die sich öffneten und Welten, die zusammenbrachen. Ich kann diese Zerrissenheit nachfühlen, auch wenn ich sage: Diese deutsche Einheit war der Glücksfall des letzten Jahrhunderts.

Mehr Präsenz von Ostdeutschen in Führungseben nötig

Was wünschen Sie sich für Ost- und Westdeutsche?

Dass sich alle irgendwann einmal in erster Linie als Deutsche verstehen, nicht als ostdeutsch oder westdeutsch. Hierfür sind aber noch mehr Begegnungen auf Augenhöhe und mehr Präsenz von Ostdeutschen in Führungsebenen des Landes nötig. Und die Ostdeutschen sollten selbstbewusster und stolz auf ihre Geschichte blicken.

Worin sehen Sie eigentlich die Gründe für den Aufstieg der AfD im Osten Deutschlands?

Ich glaube, das hat mit persönlichen Enttäuschungen der Leute von der Politik zu tun. Viele haben das Gefühl, ihre Sorgen und Interessen würden nicht mehr wahrgenommen, sie haben Verlustängste. Deshalb geht es darum, die Ressourcen so einzusetzen, dass alle etwas davon haben. Es geht im Kern eigentlich um Sicherheit in all ihren Facetten: Sicherheit der Rente, des Einkommens, der Fahrt in der U-Bahn, der Kinder, der Wohnung, der Perspektive. Dass der Staat dafür Sorge trägt, muss für die Leute wieder erkennbar sein.

Von Thoralf Cleven und Gordon Repinski/RND

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