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Politik Die Warnungen eines Taxifahrers
Nachrichten Politik Die Warnungen eines Taxifahrers
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19:40 30.12.2016
Mit Waffe in der Hand patrouilliert ein Soldat durch das Kriegsgebiet. Quelle: AFP
Hannover

Es ist ein kalter Dezemberabend, der Taxifahrer dreht das Radio lauter. Im Mittelmeer sind Flüchtlinge ertrunken, ein Politiker fordert, die Grenzen dicht zu machen, in Syrien werden Zivilisten bombardiert.

„Bomben.“ Der bislang schweigsame Mann hinterm Steuer fängt plötzlich an zu reden. „Ich kenne die Bomben. Die Menschen haben nichts verstanden.“ Dann fährt er weiter durch die Nacht.

Bilder von früher bleiben ewig in Erinnerung

Der Taxifahrer ist ein alter Mann. Seine Rente reicht nicht aus, deshalb die nächtlichen Fahrten. Er habe die Bombennächte in Hannover und Hamburg als Kind überlebt, erzählt er. 82 Jahre alt ist der Mann jetzt. Aber die Bilder spuken noch heute täglich in seinem Kopf herum.

Im Taxi hört er seit Jahren die Nachrichten, jede Stunde, in jeder Schicht. In letzter Zeit findet er vieles extrem beunruhigend. Seine Stimme klingt wie die eines Vaters, der seine Nachkommen warnen will: „Es geht nun alles von vorn los. Unsere Generation kann euch nicht mehr helfen.“ Dann schweigt er wieder. Übertreibt der Alte? Man kann versuchen, alles abzuschütteln: eine Überdosis Apokalypse, konzentriert auf gerade mal fünf Kilometer Heimweg. Doch die Warnungen des Taxifahrers klingen lange nach. Erinnert er nicht völlig zu Recht an etwas, was heute zwar keiner mehr hören will, was aber lange Zeit zentraler Baustein der deutschen Gesellschaft und Orientierung für jedwede Politik war: die Erfahrung von Krieg und Diktatur?

Zeitenwende geht mit leisem Abschied einher

Wir erleben eine politische Zeitenwende. Reihenweise werden bisherige Gewissheiten umgestoßen. Europa muss zusammenstehen – warum eigentlich? EU und USA sind Freunde – wo steht das geschrieben? Auch Minderheiten haben Rechte – was ist, wenn die Mehrheit ihnen diese Rechte aberkennt?

Es ist kein Zufall, dass diese Zeitenwende einhergeht mit dem leisen Abschied einer besonderen Generation. Für diejenigen, die den Zweiten Weltkrieg noch erlebt haben – ob als Täter oder Opfer, ob spätere Taxifahrer oder spätere Bundeskanzler, ob Franzosen oder Deutsche –, hatten in den nachfolgenden Jahrzehnten Frieden, Verständigung und Ausgleich stets Priorität. Es ist gar nicht so, dass diese Generation anderen ethisch überlegen gewesen wäre. Sie hatte nur einfach Angst vor einem neuen Krieg.

Heute dagegen erheben sich, befreit von solchen alten Sorgen, wieder jene, die schneidig einem neuen Nationalismus das Wort reden. Es hilft ihnen, dass nach und nach die ältere Generation verstummt. Der Mann im Taxi wird auch nicht mehr ewig unterwegs sein. Die kollektive Erinnerung endet, wenn die Zeitzeugen nicht mehr da sind. Dann wird Vergangenheit zu Geschichte: kalt, erstarrt, eine Versteinerung, ohne Einfluss auf die heute Lebenden.

Von RND/Dirk Schmaler

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