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14:54 14.11.2016
Von Brakelsiek nach Bellevue: Frank-Walter Steinmeier (SPD) soll der nächste Bundespräsident werden. Quelle: AFP
Berlin

An sein erstes Aufeinandertreffen mit dem künftigen Bundespräsidenten erinnert sich dessen politischer Ziehvater noch sehr genau. 1991 war das und Gerhard Schröder seit gut einem Jahr Ministerpräsident von Niedersachsen. Als in der Staatskanzlei ein neuer Referent für Medienpolitik gesucht wurde, stellte sich der Jura-Absolvent Frank-Walter Steinmeier vor. „Sein großes Selbstbewusstsein ist mir gleich aufgefallen“, sagt Schröder.

Das will schon etwas heißen, gilt doch der Altkanzler selbst nicht gerade als einer, der von Minderwertigkeitskomplexen geplagt ist. Steinmeier habe die Gabe, eine Verwaltung leiten zu können und gleichzeitig politisch denken zu können, sagt Schröder. „Eine absolut seltene Mischung.“ Gleichwohl habe er damals natürlich nicht ahnen können, wie weit Steinmeier diese Fähigkeiten eines Tages tragen könnten. „Auf die Idee, dass der ein Mal Bundespräsident werden könnte, bin ich natürlich nicht gekommen“, sagt Schröder heute. „Ich glaube aber, dass es ein guter wird.“

Kaum Kritik nach der Nominierung Steinmeiers

Vermutlich geht es vielen so, wie dem Altkanzler. Dass Frank-Walter Steinmeier, der Mann mit dem weißen Seitenscheitel und der dunklen Brille, einmal das höchste Staatsamt der Bundesrepublik Deutschland bekleiden würde, hätten wohl nur die wenigsten seiner Wegbegleiter gedacht. Gleichwohl findet sich kaum jemand, der ihm das Amt nicht zutrauen würde. Steinmeier gilt über Parteigrenzen hinweg als präsidiabel. Kritik an der Personalie gibt es am Tag der Nominierung kaum.

Steinmeier gilt bei vielen als Niedersachse, ist er aber in Wahrheit gar nicht. Der Bundesaußenminister wurde 1956 im lippischen Brakelsiek (Nordrhein-Westfalen) geboren. Steinmeier stammt aus einfachen Verhältnissen, der Vater Tischler, die Mutter eine aus Breslau stammende Fabrikarbeiterin. Er verkörpert das klassische sozialdemokratische Versprechen vom Aufstieg durch Bildung. 1974 Abitur, dann Wehrdienst bei der Luftwaffe in Goslar, ab 1976 Studium der Rechtswissenschaften und später auch der Politikwissenschaft in Gießen. Besonders eilig hatte es Student Steinmeier nicht. Nach zehn Jahren Studium bestand er 1986 das zweite Staatsexamen, nach weiteren fünf Jahren wurde er 1991 promoviert.

Mastermind Steinmeier

Erst das Zusammentreffen mit Gerhard Schröder sorgte im gleichen Jahr dafür, dass die Karriere des politischen Beamten an Fahrt gewann. 1993 holte Schröder Steinmeier als Leiter in sein Ministerbüro, 1994 übernahm er die politische Planung, 1996 die Leitung der Staatskanzlei. Als Schröder 1998 Bundeskanzler wurde, machte er Steinmeier zum Staatssekretär im Kanzleramt. Nach dem Rückzug Bodo Hombachs 1999 beförderte er ihn zum Kanzleramtschef. Steinmeier wurde einer der wichtigsten Berater und Vertrauten des Bundeskanzlers Gerhard Schröder, er gilt als Mastermind hinter der schröderschen Reformagenda 2010.

Die Wahlniederlage des Förderers Schröder 2005 tat der Karriere Steinmeiers keinen Abbruch – im Gegenteil. Schröders Schatten trat ins Rampenlicht, wurde Außenminister und als solcher einer der beliebtesten Politiker des Landes. Ab 2007 übernahm Steinmeier von Franz Müntefering die Position des Vizekanzlers und führte die SPD 2009 als Kanzlerkandidat in die Bundestagswahl.

Rettung in das Amt des Fraktionschefs

Am Wahltag 2009 wäre die steile Karriere um ein Haar zu Ende gewesen. Mit ihrem Spitzenkandidaten Steinmeier stürzte die SPD regelrecht ab, mit 23 Prozent musste er das schlechteste Ergebnis der SPD nach dem Krieg verantworten. Mit Ach und Krach konnte sich Steinmeier in das Amt des Fraktionschefs retten.

2013 lehnte er eine erneute Kanzlerkandidatur ab – wohl auch, weil er um die schlechten Erfolgsaussichtens einer Partei wusste. Im Nachhinein war die Entscheidung richtig. Nach drei weiteren Jahren im Außenministerium steht Steinmeier jetzt vor der Krönung seiner politischen Karriere. Oder, mit den Worten seiner 87-Jährige Mutter Ursula: „Höher kann er ja nun nicht mehr.“

Von Andreas Niesmann/RND

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