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Für Amerikaner ist die deutsche Regierungsbildung ein Rätsel

Speakers’ Corner Für Amerikaner ist die deutsche Regierungsbildung ein Rätsel

Was machen die da in Berlin? Unser US-Korrespondent Stefan Koch hat zunehmend Mühe, seinen amerikanischen Freunden das Gezerre in der deutschen Hauptstadt zu erklären.

Bundeskanzlerin Angela Merkel nach dem Gespräch mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zur Bildung einer Großen Koalition im Schloss Bellevue: „Ein schwer verständliches System.“

Quelle: POP-EYE

Washington. Mit dem Truthahn fing es an. Kaum stand die Platte mit dem gebratenen Vogel zu Thanksgiving auf dem Tisch, hagelte es Fragen. Seither vergeht keine Party, kein Stehempfang, kein noch so kurzer Kaffeeplausch, ohne dass ich als Deutscher in Washington ausgequetscht werde. Wie geht es weiter in Berlin? Warum kann so ein Unbekannter wie dieser Lindner die gefühlt mächtigste Frau der Welt ausbremsen? Und warum stellen sich Parteien zur Wahl, die gar nicht regieren wollen?

Aus amerikanischer Sicht, wo vieles mit einfacher Mehrheit entschieden wird und nur direkt gewählte Politiker in den Parlamenten sitzen, ist das deutsche System schwer verständlich. Umso erstaunlicher ist es, wie fasziniert das Drama um die Regierungsbildung in Berlin verfolgt wird. Auch von denen, die weder beruflich noch privat irgendetwas mit Europa, geschweige denn Deutschland, zu tun haben. Bekannte oder Nachbarn haben übrigens alle die gleiche Antwort, wenn ich sie frage, warum sie trotzdem derzeit jede Nachricht aus Berlin aufmerksam verfolgen: In der Ära Trump sei es beruhigend, wenn sich die politische Tonlage zumindest in der führenden Wirtschaftsmacht Europas nicht grundlegend verändere. „Good old Germany“ sei so etwas wie eine Konstante im Weltgeschehen.

Umso größer ist das Unverständnis: Angesichts der boomenden Wirtschaft und eines funktionierenden Sozialstaates erscheint vielen Amerikanern das Scheitern von Jamaika und das Gezerre um eine Große Koalition befremdlich. Was machen die da, worüber streiten die in Berlin, werde ich gefragt. Und dann folgt der Nachsatz: „Euch geht’s doch gut.“

Stefan Koch ist US-Korrespondent in Washington.

Von Stefan Koch

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