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00:16 28.11.2017
Siemensangestellte protestieren vor dem Turbinenwerk in Görlitz. Quelle: Getty
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Görlitz

Matthias Schöneich hat für Pathos eigentlich nicht viel übrig. Außer wenn es um seine Stadt geht, um Görlitz. „Die Stadt ist im Aufblühen. Und jetzt wird dieses Pflänzchen zertreten“, klagt er. Der Stiefel, der den Aufschwung einer gebeutelten Stadt an Deutschlands östlichstem Rand zertritt, gehört Schöneichs oberstem Boss. Siemens-Chef Joe Kaeser hält an den Plänen fest, das Turbinenwerk in Görlitz mit seinen 980 Mitarbeitern zu schließen. Seit Wochen protestieren die Siemens-Arbeiter dagegen, und Schöneich ist in vorderster Reihe dabei. Dabei ist er erst seit ein paar Wochen Gewerkschaftsmitglied. „Die Zeiten haben sich geändert“, sagt er knapp.

Ja, das haben sie. Die Ankündigung, ausgerechnet dieses Werk zu schließen, kam aus heiterem Himmel. Schöneichs Arbeitgeber hat in Görlitz gut zu tun. Die Auftragsbücher sind voll, die Mitarbeiter flexibel, qualifiziert und motiviert. Der Markt, so heißt es, sei mindestens stabil, wenn nicht gar im Wachsen. Warum also Görlitz?

„Wenn es Siemens hier nicht mehr gibt, gibt es auch Görlitz nicht mehr.“ Noch so ein Satz, den der Ingenieur Schöneich ebenso ruhig und überlegt raushaut wie seine ausführlichen Analysen des Marktes für die Industrie-Dampfturbinen, die auf riesigen Tiefladern vom Werksgelände gefahren werden.

Der Satz ist höchstens ein bisschen übertrieben. Natürlich wird es Görlitz noch geben, seine Renaissance-Altstadt und seine Gründerzeitviertel. Auch seine Attraktivität für Senioren und Touristen, die in der Neißestadt Kultur, Idylle und niedriges Preisniveau suchen und finden, wird nicht leiden. Die Traumfabriken aus Hollywood und Babelsberg werden auch bald wieder kommen, schließlich gilt Görlitz als Europas schönste Filmkulisse.

„Die Zeiten haben sich geändert“: Siemens-Mitarbeiter Matthias Schöneich. Quelle: Jan Sternberg

Aber Görlitz ist eben auch eine Industriestadt. Mit zwei großen Werken. Dem Waggonwerk, das dem kanadischen Konzern Bombardier gehört. Bombardier will Stellen abbauen, das ist schon länger bekannt, es ist für die Stadt ein andauernder Schmerz. Das zweite große Werk gehört Siemens. Und Siemens sorgt jetzt für den Schock, der ganz Görlitz erfasst. Und für die Wut, die auf den Schock folgte.

Seit 1906 werden in den Backsteinhallen hinter dem Bahnhof Turbinen gebaut. Nach der Vereinigung kam Siemens in die Oberlausitz, baute eine moderne Endmontagehalle, profitierte von den großzügigen Fördergesetzen der Nachwendezeit, und wurde ein Teil der Stadt. Wer zur Siemens-Familie gehörte, hatte es geschafft am strukturschwachen Rand der Republik.

„Nur Siemens und Bombardier zahlen in Görlitz nach Tarif, „alle anderen zahlen Mindestlohn plus“, sagt der Vize-Betriebsratsvorsitzende Ronny Zieschank. Er hat die vergangenen Tage auf der Konferenz der Siemens-Betriebsräte in Berlin verbracht. Dort versuchte Personalchefin Janina Kugel zu erklären, warum Tausende Stellen gestrichen und die Werke in Görlitz und Leipzig geschlossen werden sollen. Einschnitte sind auch in Berlin, Offenbach und Erfurt geplant. In diesem Jahr sei keine einzige große Gasturbine für Kraftwerke in Deutschland bestellt worden, sagte Kugel, die Überkapazitäten müssten abgebaut werden.

„Nur Siemens und Bombardier zahlen in Görlitz nach Tarif, alle anderen zahlen Mindestlohn plus“: Das Turbinenwerk in Görlitz. Quelle: dpa-Zentralbilddpa-Zentralbild

Nur: Görlitz baut diese Turbinen gar nicht. Schöneich und seine Kollegen stellen spezialisierte Dampfturbinen her, je nach Vorgaben des Kunden. Abnehmer sind etwa die Chemie-Industrie oder Betreiber von Solarthermie- und Biogasanlagen. Das Görlitzer Werk ist nach Darstellung der Betriebsräte eher Profiteur denn Opfer der Energiewende. „Konzernchef Kaeser spricht immer davon, dass er keine Supertanker mehr wolle, sondern Schnellboote. Wir sind so ein Schnellboot.“

Matthias Schöneich hat einen Plan für sein Leben. In Görlitz, seiner Heimatstadt, hat er sich etwas aufgebaut. Er hat kürzlich geheiratet, seine Frau studiert Pharmazie. Eine Stelle in einer Apotheke ist in Görlitz mit seinen vielen Senioren einfach zu finden. Die beiden haben ein Haus, das sie abzahlen. Da wäre Platz für Kinder, die in den betriebseigenen Kindergarten „Turbinchen“ gehen könnten.

Schon lange gehört Schöneich zur Siemens-Familie. Er war Werkstudent bei Siemens, machte ein duales Studium an der Hochschule im nahe gelegenen Zittau, wurde übernommen. Er ist stolzer Teil eines Konzerns mit Perspektiven und Privilegien. Man kann auch sagen: Er ist das Beispiel dafür, dass die soziale Marktwirtschaft in ganz Deutschland funktionieren kann, dass das Versprechen gleichwertiger Lebensverhältnisse manchmal sogar in Deutschlands östlichster Stadt eingelöst wird.

Görlitz existierte in der DDR wie hinter einem Grauschleier, halb vergessen an der geschlossenen Neiße-Grenze. Der Grauschleier blieb auch nach der Wende – bis sich die Stadt zusammen mit ihrem polnischen Teil Zgorzelec um den Titel Europäische Kulturhauptstadt 2010 bewarb. Auch Schöneich war damals Teil dieser Bewerbung. Er organisierte 2006 einem Staffellauf von Görlitz nach Brüssel. Die Bewerbung scheiterte. Doch sie hatte Görlitz auf der Landkarte Europas eingezeichnet.

Schmucke Fußgängerzone, beliebte Filmkulisse: Die Innenstadt von Görlitz. Quelle: dpa

Aber das Grummeln wurde in den vergangenen Jahren wieder stärker, obwohl die Stadt immer schmucker aussah. Bei der Bundestagswahl verlor der hier tief verwurzelte CDU-Mann Michael Kretschmer sein sicher geglaubtes Direktmandat an den bis dahin völlig unbekannten AfD-Kandidaten Tino Chrupalla. Kretschmer soll nun Ministerpräsident in Dresden werden und tröstet sich in Görlitz damit, dass immerhin er und nicht Chrupalla zur Betriebsversammlung bei Siemens eingeladen wurde, der sich allerdings bisher überhaupt nicht zu den Werksschließungen geäußert hat.. Die Siemensianer aber werden sehr wortkarg, wenn es um die AfD in ihrer Stadt geht. „Das sind völlig getrennte Dinge“, meint Betriebsratsvize Zieschank.

Oberbürgermeister Siegfried Deinege ist parteilos und inszeniert sich gerne als Macher. Er war Manager im Waggonwerk, auf seinem Schreibtisch im Renaissance-Rathaus steht ein Miniaturmodell eines Doppelstockzuges, daneben eine Turbinenschaufel und ein Foto des Siemens-Werks. Deinege hat die industriellen Kerne seiner Stadt stets vor sich. Er leidet an deren Niedergang und wünscht sich vor allem eines: ein Gespräch mit dem Siemens-Vorstand, quasi von Manager zu Manager. Deinege glaubt zu wissen, warum es Görlitz trifft. „Der Konzern geht den Weg des geringsten Widerstandes“, sagt der parteilose Stadtchef. Im Osten seien die Proteste nicht so groß wie anderswo, schließlich seien die Gewerkschaften schwach.

„Diesmal könnten sie sich verkalkuliert haben“, sagt Schöneich. „Die Leute sehen das als zweite Deindustrialisierung des Ostens. Daher ist die Solidarität so groß.“ Und weil die Görlitzer verstehen, wie viele Arbeitsplätze auf der Kippe stehen, wenn Siemens geht. Die Zulieferer, der Handel, alles würde mitschrumpfen. Die IG Metall prophezeit eine Arbeitslosenquote von 24 Prozent nach der Schließung, wie in den schlimmen Neunzigern.

Schöneich lernt jetzt Worte wie „Manchester-Kapitalismus“ kennen. So hat SPD-Chef Martin Schulz die Siemens-Schließungspläne genannt, auf der Demonstration in Berlin am Donnerstag. Auch Schön­eich war mit einer Görlitzer Abordnung da. Sie sind mitten in der Nacht losgefahren, hatten Ölfässer dabei, auf denen sie trommelten, und ihr Transparent „Warum Görlitz?“. Sie haben sich alle ordnungsgemäß freigenommen, und Schöneich ist vor allem erleichtert, dass die Görlitzer geordnet und diszipliniert aufgetreten sind. Es ist noch sehr neu für ihn, laut sein zu müssen.

„Der Konzern geht den Weg des geringsten Widerstandes“: Oberbürgermeister Siegfried Deinige Quelle: stadt görlitz

Und ein Kampfbegriff wie „Manchester-Kapitalismus“ hatte bisher auch noch nichts mit ihm zu tun. Er ist zu jung, um die klassenkämpferische Rhetorik der DDR-Oberschule erlebt zu haben.

Jetzt aber klingt er stellenweise wie ein erfahrener Klassenkämpfer. Und vor allem wie ein sehr enttäuschtes Familienmitglied. „Es geht doch um Menschen, Siemens aber spricht immer nur von „Head count“, der abgebaut werden müsse. Doch auch Siemens-Chef Joe Kaeser nimmt für sich in Anspruch, für die Familie zu denken. Man müsse die Einschnitte jetzt machen, um nicht den ganzen Konzern in Gefahr zu zwingen, schreibt der Siemens-Chef in einem Brief an den SPD-Vorsitzenden Martin Schulz. Anfang der 2000er-Jahre habe sich Siemens zu spät von der unprofitablen Telekommunikationssparte getrennt, „das brachte die ganze Firma ins Wanken. Das darf uns nie wieder passieren – das sind wir den mehr als 98 Prozent der Kolleginnen und Kollegen, die vom Strukturwandel im Energiegeschäft nicht direkt betroffen sind, schuldig.“ Kaeser kann sich zum Abschluss eine Spitze gegen Schulz nicht verkneifen: „Wir haben mehr zu verlieren als eine Wahl“, schreibt er.

Aber wie viel mehr hat Görlitz zu verlieren?

Am kommenden Donnerstag wird der Leiter der Kraftwerkssparte, Willi Meixner, im Werk erwartet. Schöneich hofft, dass er Zeit mitbringt für einen echten Dialog. Und Siegfried Deinege wünscht sich, dass Meixner auch im Rathaus vorbeikommt für ein konstruktives Gespräch. Dafür, dass es um alles geht, sind sie noch sehr höflich in Görlitz.

Von Jan Sternberg

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