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Politik Horst Ehmke, der Ustinov der Sozialdemokratie
Nachrichten Politik Horst Ehmke, der Ustinov der Sozialdemokratie
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13:48 13.03.2017
Der frühere SPD-Politiker Horst Ehmke ist tot. Quelle: dpa
Berlin

Er war einer der Väter der neuen Ostpolitik Willy Brandts - Horst Ehmke. Im Alter von 90 Jahren ist der frühere Kanzleramts- und spätere Forschungs- und Bundespostminister am Sonntag in Bonn gestorben. Seine hohe Zeit hatte Ehmke in den 70er Jahren, als er für Willy Brandt das Kanzleramt leitete.

Der in Danzig geborene Arztsohn hätte, wie er selbst berichtete, eigentlich auch Arzt und Freimaurer werden sollen wie sein Vater. Doch zog es ihn nach dem Zweiten Weltkrieg, den er bei einer Fallschirmjägereinheit verbrachte, zum Studium der Rechtswissenschaft und Volkswirtschaftslehre nach Göttingen, während seine Eltern nach Hannover geflüchtet waren. 1949 und 1950 studierte er - für die damalige Zeit ziemlich ungewöhnlich - sogar im US-amerikanischen Princeton, wo er auf die Juristerei noch Politikwissenschaft und Geschichte draufsattelte. 1956 legte er sein Zweites Juristisches Examen ab - und startete zunächst eine wissenschaftliche Karriere als Staatsrechtslehrer, bis er sich 1969 in den Bundestag wählen ließ. Er habe sein Dasein nicht als Hochschullehrer in Freiburg beschließen wollen. „So spannend ist es auch nicht, am Wochenende 400 Klausuren durchzusehen“, sagte er dazu. 1969 wurde er noch zu Zeiten der von Georg Kiesinger (CDU) geleiteten Großen Koalition Bundesjustizminister - als Nachfolger Gustav Heinemanns, der Bundespräsident geworden war. Als „Spezialisten für alles“ hat sich Ehmke selbst beschrieben, der im Zuge der Affäre um den DDR-Spion im Kanzleramt, Günther Guillaume, 1974 aus dem Kabinett ausschied und bis 1994 SPD-Bundestagsabgeordneter war.

„Hotte“ Ehmke, wie er zu seinen Spitzenzeiten genannt wurde, war allerdings nicht nur ein vielseitiger Politiker, sondern auch ein virtuoser Unterhalter. Der Ustinov der Sozialdemokratie. Die Geschichte der Bonner Republik konnte er in amüsanten Anekdoten wiederauferstehen lassen. Lesungen aus seinem Buch „Mittendrin“, das er 1994 verfasst hatte, wurden zu kleinen Kabarettminiaturen. Er glänzte nicht nur mit Parodien über den Alten aus Rhöndorf (Konrad Adenauer). Der sei zwar ein guter Redner gewesen, habe jedoch nur über den Wortschatz eines Durchschnittsmenschen verfügt, lästerte Ehmke über den ersten Kanzler Nachkriegsdeutschlands. Auch andere Größen seiner Zeit konnte er wunderbar nachmachen. Nur Willy Brandt, den er stark verehrte, parodierte er nicht. Dafür hatte er stets ein paar „Willy“-Witze im Repertoire. Seine Kreativität schlug sich auch in mehreren Kriminalromanen nieder, die Ehmke nach dem Ausscheiden aus dem Kanzleramt verfasste.

Zu Oppositionszeiten war Ehmke stellvertretender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion. Der ungewöhnlich fröhliche Lebemann verstand sich nicht allzugut mit dem strengen Fraktionschef Hans-Jochen Vogel. Dem bescheinigte Ehmke, aus Klarsichthüllen Weißglut erzeugen zu können. Nach einigen lautstarken Auseinandersetzungen soll Vogel seinem Vize sogar das unter Sozialdemokraten übliche „Du“ entzogen und ihn nur noch als „Professor“ bezeichnet haben, was der schelmische Ehmke vielleicht sogar genoss. Dabei konnte der Witz, den er versprühte, nicht den haarscharf denkenden Intellektuellen verbergen, der hinter seiner all seiner Ironie steckte.

Von RND/HAZ/Michael B. Berger