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Politik IS-Anleitung für Attentate: „Kauf’ einen Lkw oder entführ’ ihn“
Nachrichten Politik IS-Anleitung für Attentate: „Kauf’ einen Lkw oder entführ’ ihn“
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18:51 20.12.2016
Bei einem Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt in Berlin sind zwölf Menschen ums Leben gekommen. Quelle: dpa
Istanbul

Seit dem Sommer dieses Jahres gibt es in den Online-Foren deutscher Dschihadisten ein bestimmendes Thema. Seit der Terrorist Mohamed Bouhlel am 14. Juli an der Strandpromenade von Nizza 86 Menschen mit seinem Lkw überfahren hat, fühlen sich seine Gesinnungsbrüder diesseits des Rheins in der Pflicht, eine ähnlich verheerende Tat zu begehen. „Wann kommt endlich das deutsche Nizza?“, fragen die Islamisten in den dunklen Ecken des Netzes und auf privaten Kanälen.

Kurz vor Weihnachten raste Anis Amri 2016 mit einem Lastwagen auf den Berliner Weihnachtmarkt an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Zwölf Menschen kamen dabei ums Leben. Die Bilder vom Breitscheidplatz nach dem Anschlag.

Nach dem Anschlag in Berlin deutet alles darauf hin, dass es ein islamistischer Terrorist war, der die Sehnsucht der Radikalen erfüllt hat. Zwar hatte sich bis zum gestrigen Abend keine Organisation zu der Tat bekannt. Auch hat die Polizei den Täter bislang offenbar nicht gefasst. Alles, was bislang bekannt ist, spricht aber dafür, dass ein Anhänger des „Islamischen Staats“ oder einer ähnlichen Organisation den Lkw in den Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz steuerte. „Die Taktik ist wie in Nizza, und es passt in die Strategie des Islamischen Staates“, sagt der Terrorismusexperte Peter Neumann vom King’s College in London.

„Ich bin ein Soldat des Islamischen Staates“

Tatsächlich veröffentlichte der IS zuletzt im November eine Handlungsanleitung für Attentate wie in Berlin. „Rumiyah“ heißt ein Online-Magazin, das die Al-Hayat-Medienstelle des IS seit dem Spätsommer in mehreren Sprachen herausgibt. Der Name bedeutet auf Arabisch Rom und verweist auf den Untergang des Römischen Reiches. In der dritten Ausgabe der englischen Version von „Rumiyah“ findet sich ein unter der Überschrift „Einfach Terrortaktik“ ein Bericht, der den Anschlag von Berlin fast exakt vorwegnimmt.

„Nur wenige haben bislang die tödlichen Möglichkeiten von Kraftfahrzeugen und ihre Fähigkeit verstanden, hohe Opferzahlen hervorzubringen“, schreibt der Verfasser – um dann in beispiellosem Zynismus sämtliche Punkte aufzuzählen, die der geneigte Attentäter beachten solle. Das „ideale Fahrzeug“ sei ein Lkw, groß, schnell und beschleunigungsstark, mit leicht erhöhtem Chassis, „so dass man auch einen Bürgersteig hinauffahren kann“. Wenn jemand über genügend Geld verfügt, „ist der Kauf eines Lkw die einfachste Möglichkeit“. Ansonsten könne man aber auch einen Lkw gleichsam entführen.

Der Berliner Attentäter hat sich offenbar an die meisten Ratschläge gehalten. Nur einen hat er nicht beherzigt: Attentäter sollen während der Tat „Ich bin Soldat des Islamischen Staates“ oder Ähnliches rufen, um ihr Motiv klar machen.

IS verfolgt Doppelstrategie

Das hat der Täter in Berlin offenbar nicht getan. Dennoch passt sein Vorgehen zu den jüngsten anderen Anschlägen des IS. Die Terrormiliz verfolgt laut Neumann eine Art Doppelstrategie. Einerseits hole sie junge Männer nach Syrien, bilde sie aus und schicke sie mit Kampfauftrag zurück – wie zu den Anschlägen in Paris und Brüssel. „Andererseits sagt der Islamische Staat auch: Macht was ihr wollt, wenn ihr Unterstützer unserer Organisation im Westen seid.“ Dann ist dem IS offenbar jedes Mittel recht: Von der Axt, wie in einem Regionalzug in Würzburg, bis zum Lkw.

Auch das Ziel ist offenbar typisch für islamistischen Terror. Schon im Jahr 2000 hatten Al-Kaida-Terroristen einen Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Straßburg geplant. In diesem November nahmen die Sicherheitsbehörden in Marseille und Straßburg sieben Personen fest, die wieder einen Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt geplant haben sollen. In Salzburg wurde gestern ein 25-jähriger Asylbewerber aus Marokko verhaftet – aus dem gleichen Grund. Dass sich bislang keine Organisation zum Attentat in Berlin bekannt hat, muss hingegen nichts bedeuten. Zumindest der IS reklamiert eine Tat meist erst für sich, wenn der Täter tot oder in Sicherheit ist. Beides scheint bislang nicht der Fall zu sein.

Von RND/Thorsten Fuchs

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