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Politik „Ich verurteile mein eigenes Fehlverhalten“
Nachrichten Politik „Ich verurteile mein eigenes Fehlverhalten“
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18:59 29.09.2016
Die mutmaßliche Rechtsterroristin Beate Zschäpe. Quelle: dpa
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München

Rund dreieinhalb Jahre hat Beate Zschäpe vor Gericht geschwiegen, 312 Verhandlungstage lang. Die Hauptangeklagte im NSU-Prozess hat bisher vor dem Oberlandesgericht München nur Antworten von ihren Verteidigern vorlesen lassen. Nun spricht sie das erste Mal selbst.

Es sind bloß wenige Sätze. Etwa eine Minute lang ist die klare Stimme der 41-Jährigen zu hören. Ein Thüringer Dialekt schimmert durch. „Es ist mir ein Anliegen, Folgendes mitzuteilen“, sagt Zschäpe. Sie liest ihre Sätze zügig vor.

Zschäpe bekennt sich zu ihrer rechten Vergangenheit. Sie sagt, ihre Einstellung habe sich mittlerweile geändert: „In der damaligen Zeit, als ich Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos kennengelernt habe, identifizierte ich mich durchaus mit Teilen des nationalistischen Gedankenguts. In den Jahren nach dem Untertauchen wurden diese Themen, insbesondere die Angst vor Überfremdung, zunehmend unwichtiger für mich.“ Zschäpe sagt weiter: „Heute hege ich keine Sympathien mehr für nationalistisches Gedankengut. Heute beurteile ich Menschen nicht mehr nach ihrer Herkunft, sondern nach ihrem Benehmen.“ Dann folgt eine Art Entschuldigung: „Ich verurteile das, was Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos den Opfern angetan haben, sowie mein eigenes Fehlverhalten“, sagt Zschäpe.

Souveräner Auftritt im Gegensatz zum Mitangeklagten

Sie wirkt souverän. Ihr Auftritt steht im Kontrast zu dem des Mitangeklagten Carsten S., der bei seiner eigenen Einlassung zu Prozessbeginn in Tränen ausgebrochen war. Carsten S. ist angeklagt, weil er den mutmaßlichen NSU-Terroristen zusammen mit Ralf Wohlleben die Mordwaffe beschafft haben soll. Daran, dass Carsten S. sich für seine rechte Vergangenheit und seine Taten schämt, zweifelt wohl niemand, der ihn vor Gericht gehört hat. Und Zschäpe? Von Scham keine Spur.

Sebastian Scharmer, der die Tochter des NSU-Opfers Mehmet Kubasik im Prozess vertritt, will wissen, ob Zschäpe jetzt doch Fragen der Nebenkläger beantworten würde. Zschäpes Anwalt Hermann Borchert zögert keine Sekunde: „An dieser Einstellung hat sich nichts verändert.“ Die Fragen der Familien der NSU-Opfer und der Überlebenden werde Zschäpe weiterhin nicht beantworten.

Die Familien der NSU-Opfer quält nach wie vor die Frage, nach welchen Kriterien Mundlos und Böhnhardt die Opfer ausgewählt haben. Sie wisse es nicht, lässt Zschäpe ihren Anwalt vortragen. „Nach den Gründen ihres Tuns habe ich nicht weiter nachgehakt“, sagt Borchert in Zschäpes Namen. „Für mich ist das Töten eines Menschen das Erschreckende, nicht, ob es sich um einen Deutschen oder einen Ausländer handelt.“ Dazu, dass sie nach eigenen Angaben von jedem Mord jeweils hinterher erfahren und trotzdem nichts getan hat, weitere Taten zu verhindern, sagt sie nichts.

Von RND/Wiebke Ramm

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