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Politik Im Netz ist Schulz der Superheld
Nachrichten Politik Im Netz ist Schulz der Superheld
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07:42 10.02.2017
Hohe Energie: Den Anhängern von Martin Schulz im Internet ist fast kein Vergleich zu schräg, Superheld, Freiheitsstatue oder Pate – Hauptsache, mit Bart.
Berlin

Es gibt einen Tag, der alles verändert hat zwischen der SPD und den Menschen, die sich digitale Avantgarde oder auch Netzgemeinde nennen. Es war der 15. März 2015, ein Sonntag. SPD-Chef Sigmar Gabriel ist live im Deutschlandfunk. Es geht um schnelles Internet, Digitalisierung, den Umgang mit Informationen. Das Gespräch ist fast vorbei, da fragt der Moderator nach der Vorratsdatenspeicherung. Gabriel sagt: „Ich bin der Überzeugung, wir brauchen das.“

Der Satz ist ein Schlag ins Gesicht der Netzaktivisten. Gegen kaum etwas kämpfen sie so verbissen wie gegen die anlasslose Speicherung ihrer Daten. Bis zu dem Interview hatten sie geglaubt, die SPD werde das verhindern. Justizminister Heiko Maas hatte sich monatelang geweigert, ein entsprechendes Gesetz auszufertigen. Die Netzgemeinde feierte ihn dafür als Held. Mit Gabriels Satz hatte sich das erledigt. Viele wendeten sich enttäuscht von der SPD ab.

Martin Schulz als Actionheld

Es dauerte zwei Jahre, ehe erneut ein Tag kam, der alles veränderte. 24. Januar 2017, ein Dienstag. Es ist früher Nachmittag, als eine Eilnachricht die Runde macht. Sigmar Gabriel gibt den SPD-Vorsitz auf, Nachfolger und Kanzlerkandidat wird Martin Schulz. Die Erleichterung innerhalb der SPD ist mit Händen greifbar. In Meinungsumfragen schnellt die Partei nach oben. Und im Netz beginnt ein Phänomen, das mit „Schulz-Hype“ nur unzureichend beschrieben wäre. „Schulz-Verehrung“ träfe es besser. Oder sogar „Schulz-Vergötterung“.

Allein diese Bilder: Martin Schulz als Kriegsgott mit Hammer und Rüstung, Martin Schulz als französischer Revolutionär im Gemälde von Eugène Delacroix, Martin Schulz als Actionheld auf seinem Weg ins Kanzleramt. Dazu die Schlagzeilen: „Gottkanzler“, „Schulz-Express“, „Hohe Energie“. Die Frage drängt sich dem Betrachter förmlich auf: Ja, spinnen denn die?

Die Antwort lautet ja. Aber nur ein bisschen.

Entstanden ist das Schulz-Phänomen als Satire. Schon im November 2016 hatte sich auf der Diskussionsplattform Reddit eine Gruppe gegründet, um den Sozialdemokraten gnadenlos abzufeiern. Es war eine Reaktion auf den Wahlsieg von Donald Trump . Und auf die Jubelorgien seiner Anhänger.

„Wir steuern das nicht aus der Parteizentrale“

Die Schulz-Fans übernahmen Begrifflichkeiten, Bilder und Slogans aus dem US-Wahlkampf und wandelten diese ab. „The Donald“ wurde „The Schulz“. Der „Trump-Train“ wurde der „Schulz-Express“. Und aus dem Motto „Make America Great Again“ (MAGA) wurde der Ausspruch „Make Europe Great Again“ (MEGA). Aus dem ironischen Spaß für wenige wurde nach der Nominierung von Schulz eine Massenbewegung.

Memes heißen solche Netzphänomene. Zu ihren Besonderheiten gehört, dass bei allem Spaß ein klein wenig Ernst in ihnen steckt. Und dass sie sich kaum kontrollieren lassen. „Wir steuern das nicht aus der Parteizentrale“, versichert SPD-Generalsekretärin Katarina Barley. „Was im Netz passiert, passiert.“

Aber natürlich freuen sie sich im Willy-Brandt-Haus über die Unterstützung. Plötzlich strahlt die SPD etwas Leichtes, beinahe Cooles aus. Fast 5000 neue Mitglieder hat die Partei seit der Schulz-Nominierung hinzugewonnen – allein über das Netz.

Und dabei soll es nicht bleiben. Um den Austausch mit der netz- und computeraffinen Zielgruppe zu verstärken, planen die Genossen ein in der Politik neues Format: den „Hackathon“. Die Begriffe „Marathon“ und „Hack“ stecken darin, das englische Wort für Problemlösungen.

„Ich will, dass der Schulz-Express ins Kanzleramt rollt“

Etwa 30 Softwareentwickler, Gestalter und Kreative sollen sich am 4. und 5. März für 24 Stunden im Willy-Brandt-Haus verschanzen und an Programmen für Mitgliederbeteiligung, digitale Demokratie und Kampagnenfähigkeit arbeiten. Eine Jury entscheidet über die besten Ideen.

Preisgelder gibt es keine, die SPD stellt lediglich Schlafplätze, Verpflegung und Steckdosen. Trotzdem stehen die Bewerber Schlange. Mehr als 100 gibt es bereits, und die Ausschreibung läuft noch eine Woche. „Damit hätten wir nie gerechnet“, sagt Initiator Henning Tillmann.

Der selbstständige Softwareentwickler engagiert sich seit Jahren in der SPD, eine Dynamik wie in den vergangenen Tagen hat er noch nie erlebt. „Zu mir kommen immer mehr Leute, die sich für die SPD im Internet engagieren wollen“, sagt Tillmann. Manchen gehe es um die Stärkung der Demokratie, anderen um den Kampf gegen Hass und Hetze. Aber auch einen sehr konkreten Wunsch höre er immer wieder: „Ich will, dass der Schulz-Express ins Kanzleramt rollt.“

Von RND/Andreas Niesmann

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