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14:00 03.11.2018
Beispiele für die Schattenseiten der Individualisierung gibt es zur Genüge: Wir finden sie in allen Altersgruppen und sozialen Schichten. Quelle: iStock/arthobbit
Berlin

Etwas ist anders. Aber so richtig fassen lässt sich dieses Etwas nicht. Es bleibt im Vagen und ist doch für einen Großteil der Deutschen sehr präsent. Und bedrückend.

Mehr als 90 Prozent der Bevölkerung machen sich Sorgen um den sozialen Zusammenhalt in Deutschland. Mehr als ein Drittel macht sich sogar große Sorgen. Das zeigen Umfragen, deren Ergebnisse der Paritätische Wohlfahrtsverband unlängst präsentierte. Sie bestätigen die allgemeine Wahrnehmung eines Wandels, der die Dorfgemeinschaft genauso betrifft wie die städtischen Zentren; der vom Vereinswesen über die Kirchen bis hin zu den großen Verbänden und Parteien reicht.

Wenn Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier davon spricht, dass „da etwas ins Rutschen geraten ist“, dann bringt er dieses diffuse Unbehagen auf den Punkt. Die Erosion des Zusammenhalts hat mehrere Ursachen, und sie besitzt viele Gesichter. Ein wichtiger Grund sind sogenannte gescheiterte Individualisierungsprozesse.

Schattenseiten der Individualisierung

Individualisierung meint ja nicht Vereinzelung, sondern das Ersetzen von alten, vorgegebenen Zugehörigkeiten und Verpflichtungen durch neue, freiwillige, selbst gewählte Bindungen. Wenn dies gelingt, dann ermöglicht Individualisierung beides: größere Selbstentfaltung und neue Gemeinschaft.

Das setzt allerdings voraus, dass die Individuen bereit und fähig sind, neue Bindungen einzugehen. Wo dies nicht der Fall ist, dominiert entweder Rücksichtslosigkeit oder es droht Isolation. Beispiele für diese Schattenseiten der Individualisierung gibt es zur Genüge, wir finden sie in allen Altersgruppen und sozialen Schichten.

Sie betreffen nicht nur die karriereorientierten Ichlinge, die ihre Singularität kultivieren. Es trifft auch junge Familien, die gezwungen sind, ihr soziales Umfeld aufzugeben, weil sie sich dort keine bezahlbare Wohnung mehr leisten können; ältere Menschen leiden nach dem Ende ihrer Berufstätigkeit oder dem Verlust ihres Lebenspartners unter Vereinzelung.

Soziale Mischung entspricht nicht mehr der Wirklichkeit

Ein zweiter Grund für die Schwächung des gesellschaftlichen Zusammenhalts ist die zunehmende Segregation von Armen und Reichen, Jungen und Alten, Migranten und Alteingesessenen. In diesem Fall ist Zusammenhalt zwar innerhalb der jeweiligen sozialen und ethnischen Gruppen gegeben; die Integration der verschiedenen Gruppen in die Gesamtgesellschaft gelingt aber immer weniger.

Einrichtungen, in denen die Bürger unabhängig von ihrer sozialen Lage, ihrer Religion oder ihrer ethnischen Zugehörigkeit eingebunden sind, haben an Bedeutung verloren. Zugespitzt formuliert: Man ist zwar mit anderen zusammen, bleibt dabei aber unter sich.

Eine neue Studie des Wissenschaftszentrums Berlin zur sozialen Architektur unserer Städte kommt zu dem Ergebnis, dass arme Menschen zunehmend nur mit anderen Armen leben; das gilt spiegelbildlich für die aufstiegsorientierte Mittelschicht und für Stadtteile mit hohem Migrationsanteil. Seinen Ausdruck findet dieser Trend in der sozialen und ethnischen Homogenität von Kindergärten, Schulen, Freizeitaktivitäten. Die Idee einer sozial gemischten Stadtgesellschaft, so das Fazit der Studie, entspreche nicht mehr der Wirklichkeit.

Die Bindungskraft des Staates nimmt ab

Der dritte Grund für die Schwächung des gesellschaftlichen Zusammenhalts ist die abnehmende Bindungskraft des Staates. Der Staat ist immer weniger in der Lage, die auseinanderstrebenden Individuen und Gruppen an das Gemeinwesen zu binden. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Distanz des Staates zu seinen Bürgern größer geworden ist.

Dafür gibt es viele, auch durchaus gute Gründe, wie die Privatisierung öffentlicher Infrastrukturunternehmen, die Reorganisation der öffentlichen Verwaltungen, die Abschaffung der Wehrpflicht oder die Übertragung staatlicher Aufgaben an weit entfernte europäische Institutionen.

Aus all diesen Gründen ist die Präsenz des Staates im öffentlichen Raum geringer geworden. Durch umstrittene Reformen, besonders augenfällig in der Bildungs-, Sozial-, Energie- und Umweltpolitik, wird er von den Bürgern zunehmend selbst als Unsicherheitsfaktor wahrgenommen.

Jeder ist gefordert

Die Sorgen der Bürger um den gesellschaftlichen Zusammenhalt haben also durchaus ihre Berechtigung. Es gibt zahlreiche Hinweise darauf, dass er von mehreren Seiten gleichzeitig bedroht ist. Die Stärkung von Gemeinwesen zählt damit zu den größten gesellschaftspolitischen Herausforderungen der kommenden Jahre und Jahrzehnte. Wir können den Zusammenhalt nicht voraussetzen, und wir sollten nicht davon ausgehen, dass die Probleme von allein wieder verschwinden werden.

Was kann dagegen getan werden? Jeder ist gefordert, auch der Staat. Er ist nicht nur Teil des Problems, er kann auch Teil der Lösung sein. In der Wohnungs-, Bildungs-, Arbeits-, Familien- und Sozialpolitik, auf allen staatlichen Ebenen, insbesondere in den Kommunen. Eine Schlüsselrolle spielen dabei die Förderung der Engagementbereitschaft der Bürger und das Brückenbauen zwischen verschiedenen sozialen Gruppen.

Es braucht einen grundlegenden Perspektivwechsel

Die Ideen reichen vom „Service Learning“, bei dem es um das Erlernen von bürgerschaftlichem Engagement in schulischen Projekten geht, über „Kohäsionsprojekte“, in denen Jugendliche aller sozialen Schichten schulübergreifend in sozialen Projekten zusammenarbeiten, und den Ausbau der Freiwilligendienste bis hin zum bezahlten „Engagementurlaub“. Auch ein soziales Pflichtjahr, wie es derzeit in Deutschland und Frankreich diskutiert wird, kann eine wichtige Rolle spielen.

Wichtiger noch als alle Einzelmaßnahmen ist allerdings, dass die Politik ihre Blickrichtung ändert und bei ihren Entscheidungen die möglichen Folgen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt mitbedenkt. Politische Probleme dürfen nicht mehr allein unter Effizienzgesichtspunkten angegangen werden.

Zugespitzt formuliert: Um den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu retten, reichen Korrekturen in einzelnen Politikbereichen nicht aus, dazu braucht es einen grundlegenden Perspektivwechsel.

Edgar Grande Quelle: David Ausserhofer

Zur Person: Edgar Grande ist Professor für Politikwissenschaft und Gründungsdirektor des Zentrums für Zivilgesellschaftsforschung am Wissenschaftszentrum für Sozialforschung Berlin.

Von Edgar Grande

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