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11:57 04.08.2017
„Ein Dieselgate des Naturschutzes“: Umweltschützer protestieren im Urwald von Bialowieza gegen dessen Abholzung. Quelle: Foto: dpa
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Warschau/Brüssel

Jahrhundertealte Baumriesen reihen sich im Bialowieza-Urwald dicht an dicht aneinander. Unter ihren mächtigen Kronen tummelt sich eine vielfältige Tierwelt – von winzigen Würmern, Käfern und Schnecken bis hin zu großen Säugetieren wie Wölfen, Elchen und Wisenten. Doch der einzigartige Naturraum an der Grenze zwischen Polen und Weißrussland ist in Gefahr: Die rechtskonservative Regierung in Warschau lässt in dem fast unberührten Stück Wildnis massiv Bäume fällen. Inzwischen tut sie das sogar trotz der Anordnung eines sofortigen Abholzungsstopps durch den Europäischen Gerichtshof (EuGH).

Entsprechend scharf kritisieren Umweltschützer das polnische Vorgehen. Das ist ein „Skandal sondergleichen, ein Dieselgate des Naturschutzes“, sagt Magnus Wessel vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Die letzte Heimat des europäischen Wisents und die polnische Bialowieza-Waldwildnis zu schützen ist nicht nur rechtlich geboten, nicht nur ein Anliegen des Naturschutzes, sondern auch Kulturaufgabe allererster Güte.“

Polens Regierung gibt sich unbeirrt

Von einem „eklatanten Verstoß“, der den Zweck des Naturschutzgebietes gänzlich unterhöhle, spricht Lars Lachmann vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu). Durch den Holzeinschlag sinke die Qualität des Urwalds sehr stark. Das gefährde verschiedene Pilzarten und holzbewohnende Käfer ebenso wie einige Vogelarten, zum Beispiel den Weißrückenspecht und den Dreizehenspecht. „Die kommen ausschließlich in einem natürlichen Urwald vor“, betont Lachmann.

Die großflächigen Fällungen in dem als Unesco-Weltnaturerbe anerkannten Areal haben auch eine politische Komponente. Sollten sie tatsächlich durchgeführt werden, drohen Polen Konsequenzen durch die EU-Kommission. Dann könnte der Fall in das aktuell wegen Auflagen für die Justiz laufende Rechtsstaatlichkeitsverfahren gegen die Warschauer Regierung aufgenommen werden, sagte eine Sprecherin der Brüsseler Behörde. „Es geht hier um eine juristische Anordnung, an die sich alle Mitgliedsstaaten halten müssen.“

Der EuGH hatte vor rund einer Woche verfügt, dass im Bialowieza-Urwald vorerst keine Bäume mehr im großen Stil gefällt werden dürfen. Die polnische Führung ignoriert diese gerichtliche Order bislang jedoch.

Die Signalwirkung ist fatal

Bialowieza ist ein Natura-2000-Naturschutzgebiet und Biosphärenreservat. Es dient damit als Modellregion für Bestrebungen, Urwälder an anderen Orten wieder zu etablieren. „Bialowieza zeigt uns, wie ein natürlicher Tiefland-Urwald aussehen muss“, sagt NABU-Experte Lachmann, der fünf Jahre in Ostpolen gelebt und in dieser Zeit mehrere Projekte zu Europas letztem Tiefland-Urwald bearbeitet hat. Urwälder gebe es auf dem europäischen Kontinent ansonsten nur in den Karpaten. Dabei handele es sich allerdings durchweg um Bergland-Urwälder.

Die Abholzungen in Bialowieza seien auch deshalb so schlimm, weil über 15 Prozent der EU-Landfläche zu dem Natura-2000-Netzwerk gehören. Mache das polnische Beispiel Schule, wäre das ein extremer Rückschlag für das weltgrößte zusammenhängende Netz von Naturschutzgebieten, warnt Lachmann. „Dann können wir auch im Wattenmeer Öl fördern und in den Alpen weitere Skilifte errichten.“ Die polnische Regierung hatte im März 2016 beschlossen, in Bialowieza eine Verdreifachung des bisher zugestandenen Holzeinschlags zu erlauben. Begründet hatte sie den Schritt in der Vergangenheit unter anderem mit dem Kampf gegen den Borkenkäfer.

Der Ruf nach der EU-Kommission wird lauter

Für BUND-Experte Wessel ist das eine fadenscheinige Rechtfertigung: „Insektenkalamitäten hat dieser Wald seit Jahrhunderten überstanden, es kann also nur um kurzfristigen Profit aus der Holzernte gehen.“ Der Umweltschützer sieht darüber hinaus die europäische Rechtsordnung in Gefahr: „Kein Gesetz der Welt, kein europäischer Vertrag und keine Naturschutzrichtlinie haben Bestand, wenn sich über ihren Vollzug einfach hinweggesetzt wird.“

Sollte die polnische Regierung nicht einlenken, müsse die EU-Kommission konsequent und unmissverständlich einschreiten. Als mögliches Mittel bringt Wessel „tägliche Strafzahlungen“ ins Spiel. Die könnten verhängt werden, bis die Missstände behoben sind.

Von Matthias Klöppel

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