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22:18 05.10.2018
Die Konstanzer Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann aufgenommen am 25.01.2015 in Köln. Quelle: Horst Galuschka/dpa

Frau Assmann, Ihre Expertise ist das Erinnern. Kann man Erinnern lernen?

Das bezweifle ich. Ich glaube, die Fähigkeit zur Erinnerung ist ganz tief in die Persönlichkeit eingelassen. Jemand erinnert das, was er für merkwürdig hält, und das heißt: für wert hält, gemerkt zu werden. Da muss etwas herausfallen aus der gewöhnlichen Ordnung, einen Grad von Seltsamkeit, Einmaligkeit haben. Ob man einen Sinn für diese Merkwürdigkeiten hat oder nicht, das ist die entscheidende Frage. Bei manchen bleibt jede Erinnerung blass, andere können Erlebtes mit einer Lebendigkeit hervorholen, dass nach 60 Jahren richtige Szenen mit Dialogen herauskommen. Dazu gehört erstens ein sehr gutes Gedächtnis und zweitens eine Art von Aufmerksamkeit, die eben viel mit Staunen und Überraschung zu tun hat. Dafür sind nicht alle Menschen gleich empfänglich.

Sie sind seit einem halben Jahrhundert verheiratet, und Sie schreiben zusammen mit Ihrem Mann, dem Ägyptologen Jan Assmann, über das kulturelle Gedächtnis. Erinnern Sie sich an die gleichen Dinge?

Schon – aber ich erinnere ganz anders als er, weil ich auf sinnliche Erfahrung und Eindrücke reagiere und er mehr kognitiv, sich an Zahlen und Umstände genau erinnert. Dieser Unterschied spielt eine große Rolle bei uns.

Alle, die Geschwister haben, wissen das: Die anderen erinnern sich immer falsch! Warum ist das so?

Der Streit um die „richtige” Erinnerung ist in sich falsch. Wir haben jeder nur ein kleines Fragment von einer erfahrenen Wirklichkeit, auf das wir uns beziehen können. Deshalb sind wir darauf angewiesen, dass die anderen uns mit ihren Perspektiven ergänzen. Das gilt auch für den Geschwisterkreis. Auf diese Weise entsteht eine gemeinsam erinnerte Wirklichkeit in Form von Erzählung und Verständigung.

Bedeutet das, dass auch das kollektive, das kulturelle Gedächtnis nur das Erinnern eines Teilkollektivs bewahrt?

Das ist eine richtig schwierige, aber sehr wichtige Frage, weil das kollektive Gedächtnis zunächst aus vielen Einzelerinnerungen besteht. Damit sich auf der Kollektivebene ein neues Format aufbauen kann, braucht man ein Narrativ. Das Narrativ, eine Erzählung, die zugleich eine Deutung der Ereignisse anbietet, ist eine großartige menschliche Leistung: Wir können in ihr viele Einzelinformationen und Geschichten effizient speichern und memorieren, die kausal und chronologisch ineinandergreifen.

Am 14. Oktober werden Sie und Ihr Mann mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Ihr Werk, heißt es in der Begründung, weise darauf hin, dass ein ehrlicher Umgang mit der Vergangenheit Bedingung für ein friedliches Miteinander sei. Kann Erinnern Frieden schaffen?

Es kann ihn zumindest stärken. Und dafür gibt es inzwischen sehr gute Beispiele. Das französische Mahnmal zum 100. Jahrestag des Endes des Ersten Weltkriegs, den Ring der Erinnerung, etwa. Alle Namen der fast 600 000 Gefallenen sind darin eingraviert – in alphabetischer Reihenfolge. Das ist unglaublich revolutionär, weil es die Soldaten aus ihren Nationen und Regimentern herausnimmt und einbindet in eine gemeinsame nationenübergreifende Trauer. Wenn wir gemeinsam trauern, können wir nicht mehr sagen: „Ihr seid nicht umsonst gestorben, wir werden für eure Sache weiterkämpfen!” Diese Form des Erinnerns, die von Ressentiments und Rache motiviert war, hat die Deutschen geradewegs in den Zweiten Weltkrieg getrieben.

Aleida Assmann Quelle: Jespah Holthof

Reicht das Erinnern über Grenzen hinweg in die Gesellschaften hinein?

Die Fähigkeit zur historischen Wahrheit und zum Aufbau einer selbstkritischen Erinnerungskultur ist eine noch recht fragile Errungenschaft, die die Europäer aber stärker beherzigen müssen, wenn Europa eine Zukunft haben soll. Leider erleben wir aber gerade eher das Gegenteil.

Wo?

Etwa in Polen, in Danzig. Das Museum des Zweiten Weltkriegs, das dort im März 2017 eröffnet wurde, war das erste und einzige echte europäische Museum dieses Krieges. Wissenschaftler aus vielen Ländern haben an diesem Großprojekt gearbeitet, das die Gewaltgeschichte in der Pluralität der Perspektiven schonungslos und selbstkritisch nebeneinander präsentiert. Dieses Angebot eines dialogischen Gedächtnisses, das eigene Verbrechen einbezieht und die Opfer anderer anerkennt, war eine friedensstiftende Leistung. Nur: Der nationalkonservativen polnischen Regierung passte das nicht. Sie schloss das Museum nach zwei Wochen wieder und tauschte den Direktor aus mit dem Auftrag, ein ausschließlich heroisches Bild Polens zu zeichnen.

Trägt das gewollte Vergessen, das Verschweigen, immer auch die Saat des Unfriedens in sich?

Das kann man so nicht sagen. Das Friedensprojekt Europa wurde ja zunächst auf einen Pakt des Vergessens gegründet. Die Nürnberger Prozesse und die Verurteilung hochrangiger Kriegsverbrecher stellten zwar das Recht wieder her. Aber das war eher ein Akt der Beendigung des Regimes und nicht ein Akt tieferer Auseinandersetzung mit der Tätergesellschaft. Im Gegenteil: Man nahm an, dass die Deutschen, wenn sie sich auf die Demokratie umstellen müssen, sich nicht gleichzeitig mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen können. Also: Niemand redet mehr darüber. Ehemalige Nazis, auch hochrangige, wurden integriert, teils mit hohen Aufgaben betraut. Man ist sich einig, dass dieses pragmatische Rezept funktioniert hat: Schweigen kann einer Gesellschaft zunächst helfen, wieder zusammenzuwachsen und den politischen Wandel zu schaffen.

Aber doch nicht auf Dauer.

Nein. Das Rezept hatte einen hohen Preis. Das Schweigen bedeutete nämlich, dass die Opfer nicht gehört wurden. Die Generation der 68er hat das Schweigen gebrochen und die Tätergesellschaft angeklagt, aber erst 40 Jahre nach Kriegsende wurden die Geschichten der Opfer konkret, in der ganzen Gesellschaft mit Empathie angehört, mit Denkmälern gewürdigt.

Heute wird bei einem Teil der Gesellschaft das Erinnern an den Holocaust als Selbstgeißelung verunglimpft. Warum ist das plötzlich so?

Die Abwehr der Schulderinnerung, das Wort vom Schuldkult, gab es schon zu Zeiten der NPD. Jetzt geben Politiker der AfD diesen Phrasen öffentlich neues Gewicht: Björn Höcke, der von einer notwendigen „erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad” sprach. Oder Herr Gauland mit seinem „Vogelschiss“ auf tausendjähriger Ruhmesgeschichte. Wer in Kategorien von Ruhm und Ehre denkt, bagatellisiert die deutsche Schuld an maßlosen Verbrechen und spricht vom Holocaust-Mahnmal als „Mahnmal der Schande“. Aber nicht das Mahnmal bereitet uns Schande, sondern die Ereignisse, die ihm zugrunde liegen. Der Wunsch nach einem unverstellt heldenhaften Selbstbild führt zurück ins 19. Jahrhundert, als sich jede Nation auf einen Sockel der Stärke, des Ruhms und der Ehre stellte. Das war nach dem Zweiten Weltkrieg so nicht mehr möglich und für Deutschland schon gar nicht.

Warum sind neue nationalpopulistische Töne gerade in Ostdeutschland so laut?

Eine Erklärung könnte sein: Die deutsche Zurückhaltung gegenüber dem Nationsbegriff hat dazu beigetragen, dass die AfD diese Leerstelle für sich erobern konnte. Aber wir leben ja nicht mehr in der asketischen Bonner Republik; das wiedervereinigte Deutschland schwelgt längst wieder in nationalen Symbolen. Die preußische Geschichte mit ihren Museen, Gärten und Schlössern ist wieder aufgetaucht, man rekonstruiert eine Vergangenheit, in der man sich sonnen kann. Eine andere Erklärung könnte sein, dass wir zwei unterschiedliche Erinnerungsgeschichten hinter uns haben. Die alte Bundesrepublik hat – mit Verzögerung – die Auseinandersetzung mit den historischen Verbrechen betrieben. In der DDR wurde einem die schmerzhafte selbstkritische Konfrontation mit der NS-Geschichte abgenommen. Man hatte ja ein kommunistisches Widerstandsnarrativ, das jegliche Mitschuld ausschloss. Wer in seiner Sozialisation das Ringen um Anerkennung der Wahrheit nicht so erlebt hat, ist womöglich schneller bereit, das Heil in nationalem Pathos zu suchen und die Erinnerung an eigene „Größe” zu feiern. Immer mehr Europäer vergessen heute, dass es diese Übersteigerung des Nationalen war, die Europa in zwei Weltkriege getrieben hat.

Das vielleicht außergewöhnlichste akademische Paar der deutschen Geisteswissenschaften: Die Kulturwissenschaftler Aleida Assmann (l) und Ehemann Jan Assmann. Das Ehepaar erhält gemeinsam den diesjährigen Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Quelle: Corinna Assmann/dpa

Zur Person: Aleida Assmann

Sie ist Anglistin, Ägyptologin, Literatur- und Kulturwissenschaftlerin. Er ist Ägyptologe, Religions- und Kulturwissenschaftler. Gemeinsam sind Aleida und Jan Assmann das vielleicht außergewöhnlichste und produktivste akademische Paar der deutschen Geisteswissenschaften. Ihre Arbeiten zur Erinnerungskultur sind vielfach mit Wissenschaftspreisen ausgezeichnet worden.

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, der am 14. Oktober in der Frankfurter Paulskirche beiden zusammen verliehen wird, übersteigt trotzdem für Aleida Assmann „das Maß dessen, was wir uns vorstellen konnten“. Die Anerkennung aus der nicht akademischen Gesellschaft heraus, das ist für sie „das Außerordentliche“.

Der Friedenspreis gilt ihrem Gemeinschaftswerk über das kulturelle Gedächtnis – denn diese Arbeiten haben einen großen Anteil daran, dass Deutschland heute eine Erinnerungskultur hat, die vielen anderen Ländern als beispielgebend gilt.

Die Wurzeln des gemeinsamen Schreibens liegen darin, und das sagt Aleida Assmann so unprätentiös wie ironiefrei, dass sie eine Ehe führen wollte wie ihre Eltern. Die Theologen Günther Bornkamm und Elisabeth Zinn Bornkamm „konnten sich immer wunderbar über ihren Beruf unterhalten“. Und deshalb habe sie, als sie 1968 mit nur 21 Jahren den bereits akademisch etablierten, neun Jahre älteren Jan Assmann heiratete, zunächst selbst „tapfer“ Ägyptologie studiert; sie wollte etwas von seinem Beruf verstehen, um gute Gesprächspartnerin zu sein.

Gleichzeitig wurde schnell klar, dass ihre eigentliche Leidenschaft der Anglistik, der englischsprachigen Literatur der Neuzeit und Gegenwart galt. Sie konzentrierte sich darauf – und brach dann ihre gerade erst beginnende Universitätslaufbahn ab, um zwölf Jahre lang zu Hause die gemeinsamen fünf Kinder großzuziehen.

Aus beruflicher Sicht heute eine verlorene Zeit? „Es war für mich ein Segen“, sagt die 71-Jährige. „Auch unter Wissenschaftsgesichtspunkten. Ich war der Struktur der Fächer entzogen und konnte meine Fragen völlig unabhängig stellen.“ Lesen, hat Aleida Assmann einmal gesagt, könne man auch beim Stillen, schreiben, wenn die Kinder schlafen.

Das traditionelle Familienleben widersprach zwar dem Geist der 68er-Generation, zu der ihr Mann und sie gehörten. Gleichzeitig war dieser Geist aber im eigenen Haus ständig präsent, durch Arbeitskreise Jan Assmanns, der ab 1976 einen Lehrstuhl an der Uni Heidelberg innehatte.

Eher zufällig wurde bei der Arbeit eines dieser Kreise an einem Band auch das forschende, schreibende Paar Assmann geboren. Aleida Assmann sprang als Mitautorin für das Vorwort ein, als ein Kollege ausfiel: „Wir wären vorher nie auf die Idee gekommen zu sagen, wir sind doch ein akademisches Paar, machen wir das doch zusammen. Wir waren einfach verblendet. Da musste erst ein Notfall kommen.“

Das Thema war „Schrift und Gedächtnis“, eine Arbeit über den Erhalt der mündlichen Überlieferung in postkolonialen Gesellschaften. Bis heute nähern sich die beiden dem Thema kulturelle Erinnerung und Vergessen aus zwei Richtungen: der eine aus der Antike, die andere aus der Moderne. Aleida Assmann erarbeitete das Konzept des nationalen Gedächtnisses im zeitgenössischen Kontext, „während Jan hinter dem Wall des Altertums verschwindet, wenn er forscht. Deswegen haben wir uns aber auch sehr gut ergänzt.“

Aleida Assmann hat 1977 in Anglistik promoviert, habilitierte sich 1992 an der Uni Heidelberg, schon ein Jahr später folgte sie einem Ruf auf den Lehrstuhl für Anglistik und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Uni Konstanz. Ab 2000 hielt sie Gastprofessuren unter anderem in Princeton, Yale, der Universität Chicago und Wien. Neben den Arbeiten zur Erinnerungskultur hat Aleida Assmann viel zur Literatur veröffentlicht. Und zusammen mit ihren Kindern eine Filmdokumentation über die „Generation Flakhelfer“ gemacht.

Wie war das alles zu schaffen mit einer großen Familie? „Wenn man brennend empfänglich ist für ein Thema“, sagt Aleida Assmann, „dann findet man immer Möglichkeiten, das weiter zu betreiben. Jedenfalls in den Geisteswissenschaften.“

Neueste Bücher: „Der europäische Traum“ (C. H. Beck, 208 Seiten, 16,95 Euro); „Menschenrechte und Menschenpflichten“ (Picus, 192 Seiten, 22 Euro).

Von Susanne Iden

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