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Politik „Es gibt keine Zwei-Klassen-Medizin in Deutschland“
Nachrichten Politik „Es gibt keine Zwei-Klassen-Medizin in Deutschland“
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06:19 02.02.2018
Werden Kassenpatienten gegenüber Privatpatienten besser behandelt? Quelle: dpa

Herr Gassen, sind gesetzlich Versicherte in Deutschland Patienten zweiter Klasse?

Medizinisch betrachtet kann von Zwei-Klassen-Medizin keine Rede sein. Das Ganze ist eine Phantomdiskussion. Gesetzlich Versicherte werden genauso gut behandelt wie Privatpatienten.

Gesetzlich Versicherte beklagen, dass Privatversicherte schneller Termine beim Arzt bekommen. Stimmt das alles nicht?

Wir haben in Untersuchungen festgestellt, dass es in einigen Facharztgruppen bei der Terminvergabe keine Unterschiede mehr gibt, in den übrigen nur noch geringe. Unsere Patientenbefragungen zeigen keine Anzeichen für eine systematische Benachteiligung von GKV-Versicherten. Der Großteil der Patienten erhält innerhalb von 14 Tagen seinen Termin beim Facharzt. Bei den Hausärzten gibt es dieses Problem ohnehin nicht, weil man dort meistens ohne Termin hingehen kann.

Die gefühlte Wirklichkeit sieht anders aus…

Das hängt auch mit der Budgetierung zusammen. Die stammt aus einer Zeit, als es der Politik vor allem um Kostendämpfung ging. Die Deutschen gehen jedes Jahr im Schnitt 18 Mal zum Arzt. Damit sind wir international einsame Spitze. Wenn es der Wunsch der Versicherten ist, noch mehr und noch häufiger zum Arzt zu gehen, sollte man dafür die Finanzmittel bereitstellen. Wir fordern deshalb die Abschaffung der Budgetierung.

Die dazu führt, dass GKV-Versicherte am Quartalsende häufig noch etwas auf Ihren Termin oder das Rezept warten müssen…

Wir haben nachweisen können, dass das nicht der Fall ist. Ärzte können für GKV-Versicherte keine Einzelleistungen abrechnen, sondern erhalten eine Pauschale. Schaut man sich aber das Verordnungsverhalten der Kollegen an, zeigt sich, dass am Ende des Quartals genauso viele Heilmittel und Medikamente aufgeschrieben werden wie zu Beginn. Allerdings: Bei Routineuntersuchungen kann es am Ende des Quartals schon einmal sein, dass der Arzt bittet, den Termin lieber erst für die nächste Woche zu machen.

Ist es nicht ein Fehler im System, dass Ärzte mehr Geld für die Behandlung von Privatpatienten erhalten als bei gesetzlichen Versicherten?

Für die Abrechnung von Privatpatienten gilt die Gebührenordnung von 1996. Seitdem hat es keine mehr Anhebung gegeben. Die Vergütungsregelungen für GKV-Mitglieder sind dagegen mehrfach überarbeitet worden. Die Vergütung ist in der Regel auf dem Papier nicht schlechter als bei PKV-Patienten. Doch dann kommt die Budgetierung ins Spiel...

Mit welcher Folge?

Für einen Euro auf einer Privatrechnung, bekommt der Arzt auch einen Euro gezahlt. Für ein Euro, der den Kassen für einen gesetzlich Versicherten in Rechnung gestellt wird, gibt es je nach Region nur 75 bis 90 Cent. Die Ursache ist die Budgetierung.

Würde eine Angleichung der Vergütung auch eine bessere Versorgung bringen?

Die Versorgung für GKV-Versicherte ist ja nicht grundsätzlich schlechter. Besser wäre es, auch die Budgets für Medikamente, Krankengymnastik und Massagen aufzuheben. Bei Verordnungen gibt es tatsächlich gewisse Nachteile für gesetzliche Versicherte. Bei Überschreitung des Budgets wird der verordnende Arzt in Regress genommen – was zur Zurückhaltung bei Verschreibungen führt. Eigentlich wären die Krankenkassen zuständig, für eine angemessene Finanzierung von Leistungen zu sorgen. Sie haben in den vergangenen Jahren einen Milliarden-Geldschatz angehäuft: Geld, das eigentlich für die Versorgung der Patienten gedacht wäre.

Ist die Privatversicherung eigentlich noch ein Zukunftsmodell?

In der Debatte entsteht manchmal der Eindruck, die neun Millionen Privatversicherten wären alle Einkommensmillionäre. Das ist aber nicht so! Im Gegenteil! Wenn man sie einfach so in die GKV überführen würde, was rechtlich sehr schwierig wäre, würde das auf steigende Beiträge für alle anderen Versicherten hinauslaufen. Der Grund dafür ist, dass viele Privatversicherte vergleichsweise hohe Risiken mitbringen, aber auf ihr Einkommen nur vergleichsweise geringe GKV-Beiträge zahlen würden.

Ein Vorschlag bei den Koalitionsverhandlungen ist eine höhere Vergütung für die ärztliche Versorgung auf dem Land. Ein sinnvoller Ansatz?

In der Schule würde man sagen: Note 5, Thema verfehlt! Landärzte gehören schon heute zu den Spitzenverdienern. Dass Ärzte auf dem Land fehlen, hat wenig mit der Honorierung zu tun. Es hängt mit weichen Faktoren zusammen, mit der geringeren Lebensqualität des ländlichen Raums. Für viele Kollegen ist es einfach nicht attraktiv, in Gegenden zu ziehen, in denen die öffentliche Daseinsvorsorge auf dem Rückzug ist, es kaum Einkaufsmöglichkeiten oder kulturelle Angebote gibt.

Von Rasmus Buchsteiner/RND

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