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Politik „Kleine Rente heißt nicht Altersarmut“
Nachrichten Politik „Kleine Rente heißt nicht Altersarmut“
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17:30 10.04.2017
Die Herrin der Rente: Gundula Roßbach, Präsidentin der Deutschen Rentenversicherung. Quelle: Foto: von Ditfurth
Hannover

Wahlkampf kann für Gundula Roßbach richtig teuer werden. Ein paar Milliarden Euro werden da schnell mal versprochen – und manchmal werden sie nach dem Urnengang auch ausgegeben. So war das 2014, als das Rentenpaket den Wählern unter anderem die Rente mit 63 (SPD) und die Mütterrente (Union) bescherte. Das kostet pro Jahr 11 Milliarden Euro. Bezahlen muss die Deutsche Rentenversicherung. Deren Präsidentin ist Gundula Roßbach.

Seit 1. Januar ist sie die Chefin von 15 000 Beschäftigten, sie verwaltet einen Etat von 280 Milliarden Euro. Unruhig scheint sie das nicht zu machen. Freundlich verweist sie darauf, dass große Ausgabenblöcke ja fest vorgegeben sind, vor allem natürlich die reguläre Altersrente. Dass sie von politisch verordneten Zusatzgeschenken nicht sonderlich viel hält, macht sie gleichwohl deutlich: „Es gibt gesamtgesellschaftliche Ziele und Aufgaben, die durchaus nachvollziehbar sein können, die aber aus dem Steuertopf bezahlt werden sollten.“ Dies gilt für sie umso mehr, wenn den künftigen Rentenzahlungen keine durch Arbeit erwirtschafteten Rentenbeiträge gegenüberstehen – so wie bei der Mütterrente, die jährlich rund 7 Milliarden Euro kostet. Ähnlich kritisch sieht sie die vorgezogene Angleichung der Ost-Renten bis 2025.

Großer Datenschatz

Roßbach kennt die Zahlen. Seit gut 20 Jahren arbeitet die Juristin und Diplom-Verwaltungswirtin bei der Rentenversicherung. Die 53-Jährige ist die erste Frau an der Spitze der 126 Jahre alten Institution. „Wir haben einen sehr großen Zahlen- und Datenschatz, deshalb wissen wir relativ genau, wie sich Reformen auswirken“, berichtet sie. Sie kennt auch die Warnungen von Sozialverbänden und Parteien vor Altersarmut, das Szenario, dass vielleicht in einigen Jahren schon viele Rentner sich Wohnung oder Essen nicht mehr leisten können. Ihre Zahlen belegen das nicht. „Man muss sich natürlich den Einzelfall anschauen“, sagt Roßbach. „Ich warne aber vor Übertreibungen, derzeit können 97 Prozent der älteren Menschen ihren Lebensunterhalt aus eigenem Einkommen finanzieren, rund drei Prozent sind auf die Grundsicherung angewiesen.“ Bei Kindern seien es dagegen 15 Prozent, die in Haushalten leben, die mit Hartz IV auskommen müssen.

Beim Thema Altersarmut ist die Datenlage allerdings nicht eindeutig. Es kann Ältere geben, die den Gang zum „Amt“ scheuen. Andere könnten jedoch neben der Rente weitere Einnahmequellen haben, was vor allem im Westen oft der Fall sein dürfte. „Man kann nicht einfach sagen, dass eine kleine Rente gleichbedeutend mit Altersarmut ist“, betont Roßbach. Gemeinsam mit dem Arbeitsministerium lässt die Rentenversicherung gerade untersuchen, wie sich die Lebensverläufe der 40- bis 60-Jährigen entwickelt haben, wie gut sie vorgesorgt haben und über wie viel Geld sie verfügen. Dabei wird auch das Haushaltseinkommen in den Blick genommen.

Rentenniveau sinkt

Roßbach freut sich, dass die Rente in den vergangenen Jahren deutlich erhöht wurde. Weil es derzeit so viele Erwerbstätige gibt, profitieren Rentner stärker als sonst von Lohnangleichungen. Auf mittlere Sicht wird das Rentenniveau jedoch sinken, dafür sorgt ein Bremsklotz in der Rentenformel: Weil immer mehr Menschen in Rente gehen und immer älter werden, können die Arbeitnehmer dies durch ihre Beiträge nicht mehr finanzieren – deshalb sollen die Renten langsamer steigen als die Löhne. Bis zum Jahr 2030 ist ein Rentenniveau von 43 Prozent erlaubt, derzeit sind es 48 Prozent. Gemeint ist damit das Verhältnis von „Standardrente“ (ca. 1200 Euro) zum Durchschnittseinkommen (etwa 2500 Euro).

Roßbach warnt vor Panikmache im Wahlkampf: „Ich würde mir wünschen, dass es im Hinblick auf die Weiterentwicklung der Rente einen möglichst großen parteiübergreifenden Konsens gibt.“ Horrorszenarien hält sie für kontraproduktiv. „Je mehr man bei der Altersvorsorge die Menschen verunsichert, umso weniger kümmern sie sich um das Thema.“ Vielleicht, weil sich dann ein gewisser Fatalismus einstellt. Zumal junge Leute ohnehin immer mehr Schwierigkeiten hätten, langfristige Entscheidungen zu fällen – möglicherweise eine Folge der modernen Medienwelt, in der alles schnell gehen muss. Wer für das Alter vorsorgt, plant dagegen Jahrzehnte voraus. Man müsse sich heute überlegen, wie man später einmal leben wolle, um zu entscheiden, wie man dies erreichen kann, erklärt Roßbach etwas vage. Sie wirbt für Vorsorge, will sich aber nicht festlegen lassen auf die Aussage, dass die Rente zwar sicher sei, aber wohl nicht reichen werde.

Folgen der Digitalisierung

Dafür gibt es für die Zahlenexpertin zu viele Variablen. Noch völlig unklar sei etwa, wie sich die Digitalisierung der Wirtschaft auswirkt. Verschwindet dann das klassische Arbeitsmodell? Gehen Millionen Jobs verloren? Oder entstehen sie an anderer Stelle neu? Wird so vielleicht der Fachkräftemangel behoben? Wie reagiert die Politik? Am Ende, ahnt Gundula Roßbach, könnte es für die Rentenversicherung wieder teuer werden.

Von Udo Harms

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