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Kohls Allergie gegen Wirtschaftsexperten

Kanzler Kohls Allergie gegen Wirtschaftsexperten

Helmut Kohl und die Wirtschaft – das war eine schwierige Liaison. Die meisten modernen Manager und ihre Methoden gingen dem Kanzler auf die Nerven.

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„Entlastungen für kleinere und mittlere Einkommen“

Viele wurden ausgetauscht, Norbert Blüm (rechts) blieb.

Quelle: Foto: dpa

Hannover. In der Berliner Republik ist es ein klarer Fall: Ob es um schicke neue Start-ups geht oder um Weltkonzerne – die Politik muss stets wirtschaftsfreundlich sein.

In Bonner Zeiten, unter Kohl, war das gelegentlich anders. Zwar kannte und schätzte Kohl einzelne wichtige Figuren aus dem Wirtschaftsleben. Die meisten modernen Manager aber gingen ihm auf die Nerven. Bei Flügen zu Auslandsterminen kam es vor, dass mitreisende Industrieführer damit prahlten, sie könnten leider nicht das gesamte Programm mitmachen, etwa in den USA oder in China, sondern müssten schnell wieder zurückfliegen: dringende Termine. Kohl frotzelte an dieser Stelle, bei ihm sei es egal, wenn es am Ende länger dauere: „Ich bin ja bloß der deutsche Bundeskanzler.“

Die Mitreisenden stutzten: Gerade hatte Kohl ihnen, im Brummton und fröhlich grinsend, kräftig eins verpult. Fast schwang eine leise Verachtung mit.

„Ich will nicht den Ludwig-Erhard-Preis, ich will Wahlen gewinnen“

Begann jemand mit Blick auf Tabellen wirtschaftliche Daten vorzutragen, langweilte sich der Kanzler prompt. Immer wieder wurden bei ihm im Kanzleramt Gruppen von Wirtschaftsexperten vorstellig, die ihm zu unpopulären Neuerungen rieten, etwa zur Senkung von Leistungen an Arbeitslose. „Ordnungspolitisch“ seien parallel dazu noch Steuersenkungen ideal, meinten manche. Kohl scheuchte sie alle aus seinem Büro. Unvergessen bleibt sein Ausspruch: „Ich will nicht den Ludwig-Erhard-Preis gewinnen, ich will Wahlen gewinnen.“

Norbert Blüm, der Sozialminister, war der Einzige, den Kohl die kompletten 16 Regierungsjahre hindurch im Amt beließ. Das Wirtschaftsministerium hingegen war ihm egal, das überließ er gern den Liberalen. Deren einstiger Vorsitzender Otto Graf Lambsdorff hatte ihm gestanden, im Wirtschaftsressort werde sowieso „viel leeres Stroh gedroschen“. In Kohls letzten Regierungsjahren, bis 1998, diente dort der fröhliche Liberale Günter Rexrodt und gab die Parole aus: Wirtschaft macht die Wirtschaft. So ähnlich sah es auch der Kanzler. Sein Deal mit Wirtschaftsexperten sah so aus: Lasst mich in Ruhe, dann lasse ich euch auch in Ruhe.

„Es geht um die Einheit Europas und nicht um null Komma x Prozent“

Allergisch wurde Kohl, wenn jemand seine Politik bremsen wollte und sich dabei auf ökonomische Argumente berief. Vor der historisch wichtigen Euro-Einführung schlichen einst, Tabellen im Gewande, der Abteilungsleiter Wirtschaft im Kanzleramt und ein Staatssekretär aus dem Finanzressort ins Büro des Kanzlers und machten die ernste Sorge geltend, die Stabilitätskriterien könnten am Ende nicht eingehalten werden. Kohl holte tief Luft und brüllte beide an: „Jetzt geht es aber um die Einheit Europas und nicht um null Komma x Prozent von irgendetwas.“ Wenn man Leuten wie diesen beiden folge, werde sich nie etwas bewegen, fauchte Kohl noch, als die beiden sich schon getrollt hatten.

Gern zog Kohl nach solchen Momenten die Jacke aus, öffnete das Fenster und blickte hinaus ins Grüne, Richtung Rhein.

Von Matthias Koch

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