Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Politik LVZ-Kolumne aus Athen: "Ochi" oder "ne" – nein oder ja
Nachrichten Politik LVZ-Kolumne aus Athen: "Ochi" oder "ne" – nein oder ja
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:10 30.06.2015
Frisörsalon im Athener Innenstadtbezirk Keramikos Quelle: Marina Kormbaki
Anzeige
Athen

Staatsbankrott, Regierungslosigkeit, Grexit - an Schauerszenarien herrscht kein Mangel an diesem Dienstagvormittag in Athen. Die Morgenprogramme der Fernsehsender übertreffen einander mit ihren finsteren Prophezeiungen. Die oft blonden Moderatorinnen schlagen Alarmtöne an, die oft betagten männlichen Experten im Studio machen die Schuldigen aus: Regierung, Opposition, das Ausland - auch Versagern herrscht demnach wohl kein Mangel.

Doch alle Alarmstimmung verfliegt, sobald man auf die Straße tritt. Eine seltsame Stille liegt über dem Stadtzentrum Athens. Am Omonia-Platz, wo üblicherweise das Knattern der Motoren jedes gesprochene Wort schluckt, fließt der Kreisverkehr locker, fast leise dahin. In der Metro findet jeder Fahrgast einen Sitzplatz, so wenig Leute sind unterwegs - dabei ist doch jetzt das Bus- und Bahnfahren für jeden in der Stadt umsonst; eine Maßnahme, mit der die Regierung die Geldnot vieler Griechen lindern will. Erst wenn die Banken wieder regulär öffnen, sollen auch an den Ticketschaltern wieder Leute sitzen. Also nächste Woche, vielleicht.

twitter_wall

Die Athener wirken erstaunlich gelassen an diesem Morgen, und Aristoteles Koklas ist da keine Ausnahme. Die Reporterin aus Deutschland betritt seinen Frisörsalon im Innenstadtbezirk Keramikos; für ihn kein Grund, die Schere aus der Hand zu legen. Es gebe doch jetzt nicht viel zu sagen, grummelt der alte Mann, ich solle nächsten Montag wiederkommen, am Tag nach der Volksabstimmung. Also gut, wir wechseln das Thema. Koklas erzählt, wie er vor 50 Jahren aus einem Dort auf der Peloponnes nach Athen kam und seinen Salon eröffnete. Wir arbeiten heraus, dass ein Teil meiner Familie aus seiner Heimatregion stammt, und plötzlich hat Koklas doch sehr viel zu erzählen über den Aufstieg und Fall des EU-Lands Griechenland, über "die goldenen achtziger Jahre" unter Giorgos Papandreoeu und über die "Misere von heute". Er sagt: "Ich kenne die Drachme nur zu gut. Ich will sie nicht wiederhaben."

Vor Koklas' Laden diskutieren lautstark zwei junge Männer, sie sind auf dem Weg zur Uni. "Ne", sagt der eine, "ochi" der andere. Ja oder Nein. Es geht natürlich um die Volksabstimmung am Sonntag zu den Vorschlägen von Athens Geldgebern. "Ein Nein zu den Forderungen würde uns zum Entwicklungsland machen", sagt der eine. "Das sind wir doch längst", sagt der andere. Ihr Disput wird sich wohl noch über Tage hinziehen.

Marina Kormbaki

Weitere Kolumnen unserer Autorin aus Athen auf der Themenseite "Griechische Woche"

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

EU-Kommissionschef Juncker lässt in der eskalierten Athen-Krise nichts unversucht. Das Brüsseler Last-Minute-Angebot verlangt dem griechischen Premier Tsipras einiges ab. Schwenkt er doch noch um?

30.06.2015

Welche Sorgen und Hoffnungen haben die Rentner, Lehrer und Studenten in Griechenland, während die Mächtigen Europas über die Zukunft ihres Landes entscheiden? Unsere Reporterin Marina Kormbaki ist eine Woche vor Ort und berichtet jeden Tag aus dem Alltagskrimi. Heute zum Auftakt: „Nimm Bargeld mit“ – Anreise nach Athen.

30.06.2015

Die Reform des Mordparagrafen gehört zu den dicksten Brettern, die Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) in dieser Legislaturperiode bohren will. Doch ausgerechnet jetzt, wo ihm eine von ihm eingesetzte Expertengruppe einen mit Spannung erwarteten 909-seitigen Bericht mit Empfehlungen für neue Regeln überreichen will, ist er nicht da.

29.06.2015
Anzeige