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Politik Lasst uns Eltern so sein, wie wir sind
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20:20 18.05.2018
Braucht eine gute Mutter nicht auch eine gesunde Portion Egoismus? Quelle: Unsplash/Tanja Heffner
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Hannover

Wenn mich vor zehn Jahren jemand gefragt hat, ob ich Kinder haben möchte, habe ich ganz klar mit nein geantwortet. Ich habe damals immer gesagt, dass ich keine „gute Mutter“ wäre. Gesagt, dass ich zu egoistisch sei und mein Leben genieße, wie es ist.

Um die 30 hat dann meine Vorstellung davon, was „eine gute Mutter“ eigentlich ist, angefangen, Form anzunehmen. Ich begann zu denken, dass ich vielleicht doch eine gute Mutter wäre – einfach weil ich ein wenig egoistisch bin. Ich kam zu der Erkenntnis, dass es eigentlich kein Egoismus ist, wenn man darauf achtet, sich nicht zu verlieren, sondern nur gesund – egal, ob man Mama ist oder nicht. Man kann es auch Selbstrespekt nennen. Oder Selbstliebe. Wenn du dich selbst nicht respektierst, wie sollen es deine Freunde, dein Partner und dein Kind tun können?

Eine Schwangerschaft und viele Fragen

Dann kam der Tag, an dem ich feststellte, dass ich schwanger war. Mir wurde klar, dass sich ab jetzt alles um meinen Bauch und mein Baby drehen würde. Ich suchte nach Literatur zum Thema Schwangerschaft. Aber auch in den Büchern schien es vor allem um das Baby zu gehen – und weniger um uns Mütter und Väter. Alle diese Bücher haben natürlich ihre Berechtigung. Aber die großen Fragen, die ich und mein Mann uns in dieser Zeit gestellt haben, wurden nicht beantwortet – oder gar nicht erst besprochen.

Das ist interessant, finde ich: Denn mit der Geburt wird nicht nur ein Baby geboren, sondern ein Mann und eine Frau werden auch zu Eltern. Alle drei sind wichtig. Und natürlich hatten wir Fragen! Wie passt das „Muttersein“ zu meiner Identität? Wie gehe ich mit den ständigen unerwünschten Ratschlägen um? Was ist mit meinem Job, den ich ja nicht weniger liebe, nur weil ich jetzt ein Kind habe? Wird sich etwas verändern zwischen uns? Was sind unsere Erwartungen an die Beziehung, die Rollenteilung, die zukünftige Arbeitsaufteilung? Und schließlich die größte Frage: Wie kriegen wir es hin, eine gleichberechtigte Beziehung zu führen mit Kind?

Um festzustellen, ob ich allein mit diesen Fragen war, fing ich an, Eltern in meiner Umgebung zum Thema Elternwerden zu interviewen. Über Herausforderungen und Wünsche. Über die Dinge, die sie selbst während der Schwangerschaft gern gewusst hätten. Um die Unterschiede zwischen meiner Wahlheimat Deutschland und meinem Herkunftsland Schweden zu verstehen, interviewte ich auch schwedische Eltern. Schnell wurde mir klar, dass ich mit meinen Gedanken nicht allein war. Man findet sie in Deutschland genauso wie in Schweden. Spannend war es aber, den unterschiedlichen Umgang mit ihnen in beiden Ländern zu betrachten.

Die Autorin Malin Elmlid wurde in Schweden geboren und lebt heute in Berlin und Helsinki. Quelle: Katja Losonen

Die traditionelle Rollenteilung in Deutschland – der Vater ist meist Hauptverdiener, die Mutter dafür hauptverantwortlich für die Versorgung der Kinder –, steht im Gegensatz zu unserem tatsächlichen Leben: Meine Generation, egal ob Deutsche oder Schweden, wurde mit der Haltung erzogen, dass wir alles werden können, wenn wir es nur wollen. Viele von uns – Männer wie Frauen – investieren Zeit und Geld in ein Studium. Der Reichtum der Möglichkeiten, vor allem in Deutschland, versiegt aber schnell, sobald wir eine Familie gründen.

In Schweden ist es seit Jahrzehnten normal, dass sich Eltern die Kinderbetreuung teilen, denn auch Väter haben die gleichen Wünsche und Rechte auf Zeit mit ihren Kindern. Diese Haltung wird mittlerweile von den Unternehmen gefördert. Teilzeitbeschäftigungen sind in Schweden üblich, aber nicht nur für Frauen, und selten arbeiten Frauen weniger als 80 Prozent. Meetings auf nach 16 Uhr zu verlegen, wird als unkollegial angesehen. In Deutschland sieht das oft anders aus: Von vielen Arbeitnehmern beispielsweise werden Überstunden gefordert. Schweden zeigt uns, dass es auch anders geht.

Familienfreundliche Unternehmenskulturen – nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer – sind wichtig. Und natürlich eine flexible Kinderbetreuung, die ausschlaggebend dafür ist, dass Familie und Beruf überhaupt zusammen funktionieren. Gut ausgebildete – und besser bezahlte – Erzieher und ein guter Betreuungsschlüssel sind notwendig, damit wir Eltern entspannt arbeiten können. Wenn es sich irgendwo in der Gesellschaft wirklich langfristig lohnt zu investieren, dann doch in Familien, in unsere Kinder und in deren Erziehung.

Das Beste aus Deutschland und Schweden

Wir leben in einer Zeit, in der erwartet wird, dass wir flexibel und mobil sind. Die Betreuungs- und Arbeitszeitmodelle, auf die wir angewiesen sind, sind das jedoch nicht immer. Vor allem außerhalb der Großstädte fehlt es an flexiblen Betreuungsmodellen. Denn viele von uns leben nicht in der Nähe von Großeltern, die uns unterstützen könnten. Mein Mann und ich etwa sind vollkommen darauf angewiesen, dass Gesellschaft und Politik Systeme zur Verfügung stellen, die uns unterstützen und es uns ermöglichen, zu arbeiten und Kinder zu bekommen. Als Gegenleistung arbeiten wir beide Vollzeit und zahlen dementsprechend Steuern.

„Mein persönlicher Mutterpass“ (Random House) ist Malin Elmlids zweites Buch. Quelle: Verlag

Beispielhaft in Deutschland ist die Betreuung, die Eltern von der Geburt an geboten wird: Es fängt mit der Wochenbettversorgung durch Hebammen an, die der Familie den bestmöglichen Start geben. Davon können schwedische Familien nur träumen. Die Möglichkeit, dass wir beide Elternzeit nehmen konnten, hat unsere Beziehung zu unserem Sohn und uns als Familie gestärkt.

Das Gefühl, als werdende Eltern gemeinsam für ein Ziel zu arbeiten, ist sehr wichtig. Doch wie dieses Ziel am Ende aussieht, ist jeder Familie selbst überlassen. Es gibt so viele richtige Wege, wie es Eltern gibt. Nicht jeder Vater und jede Mutter teilen meinen Wunsch, auch als Eltern weiter in Vollzeit zu arbeiten, aber es ist wichtig, dass wir Systeme haben, die für Familien funktionieren – egal, wie sie leben.

Was mich zum Wichtigsten am Elternsein führt: dass wir so sein dürfen, wie wir sind. Das ist auch der einzige Ratschlag, den ich in der Schwangerschaft gern bekommen hätte: Sei so, wie du bist – so wirst du auch die beste Mutter für dein Kind sein! Nur so wirst du glücklich und entspannt in der Elternrolle sein. Und lass auch andere Eltern so sein, wie sie sind – selbst wenn sie anders sind als wir, denn auch das ist gut so.

Von Malin Elmlid

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