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Politik „Leute, die so etwas tun, haben in keinem Amt etwas zu suchen“
Nachrichten Politik „Leute, die so etwas tun, haben in keinem Amt etwas zu suchen“
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08:46 15.09.2018
Sexueller Missbrauch hat viele Gesichter. Quelle: Patrick Pleul/dpa
Berlin

Franziska Giffey findet klare Worte. „Kindesmissbrauch ist weder normal noch akzeptabel“, sagt die Bundesfamilienministerin. Und: „Leute, die so etwas tun, haben in keinem Amt der Kirche etwas zu suchen.“ Alle seien gefordert, damit „diese Leute“ nicht mehr ihr Unwesen treiben können.

Giffey spricht vor dem Kongress „MitSprache“, bei dem Menschen mit Missbrauchserfahrungen zwei Tage lang das Schweigen brechen, miteinander diskutieren, sich vernetzen sollen. Die jüngst bekannt gewordene Studie über die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche in Deutschland zwischen 1946 und 2014 verleiht dem Treffen des Betroffenenrates, eines Fachgremiums beim Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, noch einnmal besondere Aktualität. Giffey verspricht, die Politik werde die Katholische Kirche zu mehr Anstrengungen bei der Aufarbeitung der Fälle drängen. Und sie kündigte ein verbessertes Opferentschädigungsgesetz an sowie die dauerhafte Einrichtung der Stelle des Missbrauchsbeauftragten. Es sind Sätze, die die 250 Teilnehmer des Kongresses in ihrem Kampf um mehr Anerkennung für Missbrauchsopfer ermutigen sollen.

Hohe Dunkelziffer an sexuellen Übergriffen

56047 - so viele Übergriffe, Nötigungen, Belästigungen und Vergewaltigungen hat es im vergangenen Jahr nach Angaben der Polizeilichen Kriminalstatistik in Deutschland gegeben. Eine Zahl, hinter der Geschichten des Leids, der Scham, aber auch der Überwindung von Scham stehen. Das wahre Ausmaß der Missbrauchsproblematik beziffert sie allerdings nicht.

Die Polizei erfasst nur einen kleinen Ausschnitt: das „Hellfeld“. Nur gemeldete Übergriffe fließen in die Statistiken ein. Das Dunkelfeld ist um ein Vielfaches größer. 12000 Ermittlungsverfahren beschäftigten sich 2017 mit dem sexuellen Kindesmissbrauch, hinzukommen weitere 8000 Fälle von Kinder- und Jugendpornografie. Die Forschung geht davon aus, dass jeder Siebte bis Achte sexuelle Gewalt in Kindheit und Jugend erlitten hat: Rund eine Million Mädchen und Jungen - jedes Jahr. In jeder Schulklasse befinden sich demnach im Durchschnitt ein oder zwei Opfer sexueller Gewalt. Drei Viertel von ihnen sind Mädchen.

Zu 80 bis 90 Prozent geht sexueller Missbrauch von Männern aus. Die Täter stammen aus allen sozialen Schichten, sind mit Migrationshintergrund und ohne, hetero- oder auch homosexuell - kurzum: Es gibt kein einheitliches Täterprofil.

Viel zu oft werde sexueller Missbrauch noch als Tat eines Einzelnen gesehen, beklagte der Missbrauchs-Beauftragte Johannes-Wilhelm Rörig. Die Verantwortung des Umfeldes, das Wegsehen, Schweigen, Verdrängen werde noch leichtfertig hingenommen. In der Familie wie in der Kirche oder auch im Sport.

Zahlreiche Übergriffe im Sportverein

Gitta Axmann und Dr. Bettina Rulofs von der Deutschen Sporthochschule führten mit 98 Sportlern Interviews zum Thema sexueller Missbrauch. In einem von zahlreichen Workshops auf dem Mitsprache-Kongress stellte Axmann ihre Ergebnisse vor. „Viele haben die erlebte Gewalt erst einmal verdrängt“, sagte die Sportwissenschaftlerin. Ein Großteil der Betroffenen waren zum Zeitpunkt des Interviews älter als 30 Jahre - fast fünf Jahre dauerte im Durchschnitt der Missbrauch in ihrer Kindheit und Jugend. Mehr als zwei Drittel der Übergriffe passierten im Sportverein, häufig von angesehenen Trainern oder Funktionären.

Sarah Scheurich ist es gewohnt, sich sportlich durchzusetzen. 2014 wurde die Boxerin Vize-Europameisterin im Mittelgewicht: „Viele wissen, wenn sich jemand falsch verhält“, sagt sie. Die meisten Opfer und Sportkameraden schwiegen jedoch. Missbrauchende Trainer nutzten ihre Machtposition aus. Scheurich berichtete, wie ein Trainer eine 17-Jährige vergewaltigt habe - aus Mangel an Beweisen jedoch freigesprochen wurde: „Ein Mädchen öffnet sich und wird dann noch öffentlich beschuldigt.“ Sie initiierte den Hashtag #Coachdonttouchme in sozialen Netzwerken. Immer mehr Sportler schilderten ihre Geschichten. „Wir wollten eine Aufmerksamkeit herstellen. Es wird einfach zu wenig darüber geredet.“

Bereits zuvor stellte Renate Bühn, Mitglied im Betroffenenrat, die Forderung auf, auch Mitwisser und Behörden stärker als bisher in die Pflicht zu nehmen. Während Täter integriert in den Strukturen verblieben, fühlten sich die Opfer meist allein gelassen: „Es braucht viel stärker eine Kultur der Aufmerksamkeit für die Sicht der Betroffenen“, forderte Bühn.

Von RND/Gunnar Müller

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