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14:33 15.11.2017
Quelle: RND
Riad

Rund um die Welt zerbrechen sich derzeit Staatskanzleien und private Denkfabriken den Kopf über den Kurs des Kronprinzen vom Saudi-Arabien. Vom Persischen Golf bis hinauf zum Mittelmeer gibt es keinen Staat und keinen Krisenherd, auf den Mohammed bin Salman – MBS, wie er international genannt wird – nicht erheblichen Einfluss hat.

Iran: Die mehrheitlich sunnitischen Saudis sind seit jeher die großen Gegenspieler der mehrheitlich schiitischen Iraner. Inzwischen hat MBS den Ton gegenüber Teheran verschärft: Der Iran solle endlich aufhören, überall in der Region „Unruhe zu stiften“. Tatsächlich übt der Iran über schiitische Milizen in vielen Ländern sehr großen Einfluss aus, unter anderem in Syrien, im Irak und im Libanon. MBS fürchtet mit Blick auf die schiitische Minderheit im eigenen Land, revolutionsfreudige Iraner könnten, wie beim Schah-Sturz von 1979, langfristig auch die saudische Monarchie untergraben. Es gibt westliche Experten, die deshalb ein baldiges militärisches Kräftemessen zwischen Riad und dem – möglicherweise atomar bewaffneten – Teheran kommen sehen. „Vergesst Nordkorea“, schrieb jüngst ein britischer Kommentator. Wer den dritten Weltkrieg fürchte, müsse viel eher nach Saudi-Arabien blicken und auf dessen Ringen mit dem Iran. Weil Katar sich dem Iran zu sehr annäherte, soll MBS im Sommer erwogen haben, in das kleine Emirat einzumarschieren, er beließ es dann bei einer Blockade.

Der Jemen ist bereits zu einem blutigen Schauplatz des Machtkampfs zwischen Riad und Teheran geworden. Hier kämpfen schiitische Huthi-Rebellen, unterstützt vom Iran, gegen Reste der im Bürgerkrieg zerfallenen jemenitischen Armee, die von einer Koalition unter Führung Saudi-Arabiens und von den USA unterstützt wird. Die Intervention der Saudis befeuert eine humanitäre Katastrophe, eine Beruhigung ist nicht in Sicht. Am 5. November kam eine von Huthis abgefeuerte Rakete dem internationalen König-Khalid-Flughafen von Riad gefährlich nahe – MBS sprach prompt von einer „direkten militärischen Aggression“ des Irans, die man als Kriegsakt betrachten könne. Auf 40 „Huthi-Terroristen“ setzte MBS Kopfgelder in zweistelliger Millionenhöhe aus, zusammen 440 Millionen Dollar. Das sind Summen, die erfahrungsgemäß auch im Nahen Osten politisch manches bewegen können.

Der Libanon wird zur zweiten Arena für den saudisch-iranischen Machtkampf. Am 4. November erklärte Libanons Premier Saad al-Hariri von Riad aus überraschend seinen Rücktritt und begründete dies mit Morddrohungen gegen ihn. Er erhob schwere Vorwürfe gegen den Iran und die mit ihm verbündete Hisbollah. In Beirut allerdings stuften viele diese Ansage als unglaubwürdig ein. Der Geschäftsmann Hariri, Sunnit, pflegt ökonomische und religiöse Verbindungen nach Saudi-Arabien, Kritiker unter seinen Landsleuten nennen ihn eine Marionette Riads. Wurde er in Saudi-Arabien wie eine Geisel festgehalten? Viele Libanesen sehen das so. In einem Fernsehinterview beteuerte Hariri allerdings, er werde „in zwei Tagen“ in die Heimat zurückkehren. Im Libanon, einem Land mit gerade mal sechs Millionen Einwohnern, leben Sunniten, Schiiten und Christen einigermaßen friedlich zusammen. MBS will aber auch hier den Einfluss der vom Iran unterstützten Schiiten zurückdrängen.

Israel sieht sich durch nichts so sehr bedroht wie durch die mögliche Entwicklung einer Atombombe im Iran. Israelische Generäle haben Teheran bereits angedroht, gegebenenfalls einen Luftschlag gegen Forschungseinrichtungen durchzuführen, unabhängig davon, was die USA dazu sagen. Diese Konstellation ist aus Sicht der Saudis interessant: Sie betrachten Israel als Feind ihres Feindes Iran. Neuerdings kursieren im Westen Theorien, wonach aus geheimen militärischen Kooperationen zwischen Riad und Tel Aviv ein stabilisierender Effekt für den gesamten Nahen Osten erwachsen könnte, im Sinne einer intelligenten Eindämmung aller potenziell gefährlichen Kräfte. Auch heißt es, MBS dränge die Palästinenser mit Geld und guten Worten dazu, einen von Donald Trumps Schwiegersohn Jared Kushner ausgehandelten Friedensplan anzunehmen.

Der Irak kommt ins Spiel, weil reiche saudische Stiftungen glauben, kurdische Kämpfer hätten dort und in Syrien oft den Sunniten zur Seite gestanden – und deshalb ihrerseits Hilfe verdient. Die Kurden, in ihrem stetigen Bemühen um einen eigenen Staat, könnten in den Saudis Verbündete finden.

Von Matthias Koch/RND

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